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Simone Bagel-Trah
"Kinder sollen Spaß an Technik haben"

Henkel-Chefin Simone Bagel-Trah: "Kinder sollen Spaß an Technik haben"
Simone Bagel-Trah in der Forscherwelt im Düsseldorfer Henkel-Werk, in der Schüler zu Waschmitteln, Klebern und Kosmetik experimentieren. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Henkels Aufsichtsrats-Chefin wünscht sich von Schulen, dass sie die Neugier insbesondere der Mädchen wachhalten. Und sie sagt, was sie über ein Gesetz für Managergehälter und die Fusionswelle in der Chemie denkt.

Simone Bagel-Trah zählt zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Sie ist die einzige Frau, die den Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns führt. Wir treffen die Biologin in der Forscherwelt, einem Schülerlabor von Henkel.

Sie sind Schirmherrin der Henkel-Forscherwelt, die im letzten Jahr ihr 5-jähriges Jubiläum hatte. Was haben Sie in dieser Zeit mit dem Projekt erreicht?

Bagel-Trah: Hier geht es uns darum, Kinder für Forschung und Technik zu begeistern. Sie sollen Spaß daran haben, technische oder naturwissenschaftliche Vorgänge zu erkunden und zu verstehen. Unsere Forscherwelt wird sehr gut angenommen. Inzwischen haben wir die Initiative auch international, unter anderem an Standorten in Russland, Argentinien und Italien erfolgreich gestartet. Insgesamt haben schon über 14.000 Kinder und Jugendliche zu Waschmitteln, Klebstoffen, Kosmetik oder zum Thema Nachhaltigkeit geforscht und experimentiert.

Seit Jahren klagt die Wirtschaft über einen Mangel an Mathematikern, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Technikern (MINT). Woran liegt das?

Bagel-Trah: Ich beobachte, dass sich in Deutschland eine Technik-Feindlichkeit oder zumindest Ignoranz verbreitet hat. Man kokettiert damit, in Mathematik eine Fünf gehabt oder Chemie nie richtig verstanden zu haben. Naturwissenschaften gelten oft als uncool. Hier müssen die Schulen, aber auch die Eltern versuchen, mehr Begeisterung zu wecken. Auch Unternehmen können hier wichtige Impulse setzen. Insbesondere Mädchen verlieren als Teenager oft das Interesse an Naturwissenschaften, weil sie in der Schule andere Leistungskurse wählen. Daraus folgt dann später an den Universitäten, dass auch weniger Frauen naturwissenschaftliche Studiengänge beginnen.

Sie dagegen sind promovierte Biologin geworden. Wie kam das?

Bagel-Trah: Ich fand Technik und Wissenschaft schon früh sehr spannend. So habe ich schon als Kind alles Mögliche bei uns im Haushalt auseinandergenommen und Wetterstationen gebaut. (Packt ein Buch aus:) Zu meinen liebsten Büchern zählte "Mein erstes Technik-Buch", hier wird zum Beispiel anschaulich erklärt, wie ein Automotor oder ein Toiletten-Spülkasten funktioniert und wohin die Stufen bei einer Rolltreppe verschwinden. Wir müssen die natürliche Neugier und das Interesse der Kinder wachhalten, die Eltern müssen das auch bewusst fördern. Das ist wichtig für die Entwicklung der Kinder, wie auch für Deutschland als Wirtschaftsstandort.

Was muss sich an NRW-Schulen tun. Schon bald ist ja Landtagswahl?

Bagel-Trah: Wir brauchen in Deutschland und natürlich auch in NRW eine bessere Infrastruktur an den Schulen, weniger Unterrichtsausfall, bessere Ergebnisse bei den Pisa-Vergleichsstudien zum Lernfortschritt. Mehr Investitionen in Bildung zahlen sich dann für alle aus. Initiativen wie unsere Forscherwelt können dabei nur einen kleinen Beitrag leisten.

Früher war Düsseldorf einziges Entwicklungszentrum von Henkel, jetzt haben Sie Labore in Forschungszentren auf der ganzen Welt. Auch weil wir in Deutschland kein Forscherland mehr sind?

Bagel-Trah Nein, das ist nicht der Grund. Wir haben bei Henkel schon seit langem die Forschung und Entwicklung nahe bei unseren Kunden angesiedelt. Klebstofftechnologien für Elektronikdisplays werden hauptsächlich für Industriekunden in Asien entwickelt, in Afrika brauchen wir anderes Shampoo als in Europa und auch die Wäsche wird in vielen Ländern sehr unterschiedlich gewaschen. Insofern spiegelt diese Entwicklung nur die fortschreitende Internationalisierung unserer Geschäfte und Absatzmärkte wider. Wir finden aber nach wie vor sehr gute Leute hier in Deutschland und Düsseldorf ist weiterhin unser wichtigster und größter Forschungsstandort.

Fünf der sechs Vorstände sind länger als 17 Jahre bei Henkel, zwei rund 30 Jahre. Ist das gut so?

Bagel-Trah Alle unsere Vorstände haben in ihrer beruflichen Karriere durch immer neue Aufgaben in verschiedenen Bereichen unseres Unternehmens viel und sehr unterschiedliche Erfahrung gesammelt. Wir finden es richtig, Führungspositionen bevorzugt intern zu besetzen, auch deshalb, weil man die Führungskräfte und ihre Stärken gut kennt. Aber gleichzeitig wollen wir auch die Vielfalt von Erfahrungen: Darum fördern wir gezielt Frauen und Mitarbeiter aus Wachstumsmärkten in ihrer Entwicklung als Führungskräfte und holen auch immer wieder Talente von außen in den Konzern. Ein gutes Beispiel ist Pascal Houdayer, der vor sechs Jahren zu Henkel kam und zunächst eine leitende Position im Waschmittelbereich innehatte, bevor er im Frühjahr letzten Jahres zum Vorstand unseres Beauty Care-Geschäft berufen wurde.

Als Aufsichtsratschefin legen Sie ja die Vorstandsgehälter mit fest. Was meinen Sie, verdienen Deutschlands Manager zu viel?

Bagel-Trah Die Gehälter der Manager in Deutschland stehen in einem internationalen Vergleich, denn die Mehrzahl der großen Unternehmen ist heute weltweit tätig und beschäftigt Mitarbeiter aus vielen Ländern. Deutsche Unternehmen stehen mit ausländischen Konzernen im Wettbewerb um die besten Köpfe. Wenn diese dann einen wesentlichen Beitrag zur erfolgreichen Geschäftsentwicklung leisten, kann das Unternehmen auch gute Gehälter zahlen. Es liegt in der Verantwortung der jeweiligen Aufsichtsgremien, die von den Aktionären gewählt werden, dafür zu sorgen, dass die Gehälter und der Erfolg des Unternehmens zusammenpassen. Und das sollte meiner Ansicht nach auch so bleiben.

VW hat die Gehälter auf zehn Millionen gedeckelt. Reicht das oder soll die Hauptversammlung einen Faktor festlegen, um den Top-Gehälter die Durchschnittslöhne übersteigen dürfen, wie die SPD fordert?

Bagel-Trah Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn Gesetze die Höhe von Gehältern festschreiben. Es gibt in Deutschland ein sehr transparentes Bild der Managementgehälter und einen guten Prozess, über die Aufsichtsgremien die Gehaltsstrukturen und -höhe festzulegen. Eine feste Quote kann zudem die unterschiedlichen Geschäftsmodelle einzelner Unternehmen nicht angemessen berücksichtigen. Wir brauchen daher keine weiteren Regularien.

Henkel hat das Gehalt des Vorstandschefs auf 8,4 Millionen Euro gedeckelt. Reagierten Sie damit darauf, dass der frühere Chef Kasper Rorsted einmalig etwas mehr erhalten hatte?

Bagel-Trah Nein, wir weisen bereits seit 2013 entsprechende Limits aus. Die Kommission für gute Unternehmensführung der Bundesregierung hatte die Einführung von Obergrenzen vorgeschlagen.

Dennoch haben viele hierzulande das Gefühl, es gehe ungerecht zu.

Bagel-Trah Zweifellos gibt es auch in Deutschland noch immer Armut und Benachteiligung – auch wenn die Lage in Deutschland objektiv besser ist als früher und in vielen anderen Ländern. Das wichtigste, was der Staat dagegen tun kann, ist gute Bildung anzubieten. Jedes Kind muss gleiche Startchancen haben. Aber der Staat kann kein Elternhaus ersetzen. Um Lücken zu schließen, gibt es auch viele Initiativen in der Gesellschaft. Hier kann jeder Einzelne seinen Beitrag leisten – auch im Kleinen wie zum Beispiel bei "Deutschland rundet auf".

Sie engagieren sich seit mehreren Jahren für diese Initiative. Wie funktioniert die?

Bagel-Trah Angefangen hat es damit, dass man beim Einzelhandel an der Kasse ungerade Beträge aufrunden konnte und so Kleinst- oder Mikrospenden tätigte. Allein durch das Sammeln der Cent-Beträge sind in den vergangenen fünf Jahren über sechs Millionen Euro zusammengekommen. Ab jetzt bieten "Deutschland rundet auf" auch das Modell der Gehaltsspende an. Henkel hat dieses Modell seit 1. März implementiert und ermöglicht, dass Mitarbeiter in Deutschland auch kleine Beträge ihres Gehalts zugunsten von "Deutschland rundet auf" spenden können – die Fritz-Henkel-Stiftung verdoppelt dann den Betrag. Die Gelder fließen in vollem Umfang in Projekte hier in Deutschland, die gezielt benachteiligte Kinder unterstützen.

ANTJE HÖNING UND REINHARD KOWALEWSKY FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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