Feindliche Übernahme: Hochtief hofft auf den SPD-Chef
VON BIRGIT MARSCHALL UND THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 14.10.2010 - 07:51(RP). Heute besucht Sigmar Gabriel die Hochtief-Belegschaft in der Essener Konzernzentrale. Er hat einen Plan, wie der Baukonzern sich aus den Klauen der spanischen ACS befreien könnte. Gesucht wird nach einer deutschen Bank, die den Weißen Ritter gibt. Meint Gabriel die Commerzbank?
Opel, Holzmann, Nokia: Wenn populäre Unternehmen in der Krise stecken, greift die Politik gerne zum Mikrofon. Heute in Essen: SPD-Chef Sigmar Gabriel wird der Belegschaft von Hochtief die Unterstützung seiner Partei im Abwehrkampf gegen die spanische Firmengruppe ACS versprechen, die den deutschen Baukonzern feindlich übernehmen will.
Nach Informationen unserer Zeitung hat er dafür durchaus einen Plan: Gabriel will seine guten Kontakte zu Spaniens RegierungschefJosé Luis Zapatero in die Waagschale werfen, über den Bundesrat eine Verschärfung des Übernahmerechts erreichen und außerdem nach einer Bank suchen, die im großen Stil Hochtief-Aktien kauft. Ein solcher "weißer Ritter" könnte den Spaniern den Spaß verderben.
Der Applaus ist ihm sicher. Seit Wochen schockieren die meisten Experten die 10 891 deutschen Hochtief-Mitarbeiter mit zwei beängstigenden Einschätzungen. Erstens: Gegen eine feindliche Übernahme kann Hochtief sich mangels anderer Großaktionäre kaum wehren. Zweitens: Auch wenn ACS etwas anderes sagt, am Ende wollen die Spanier Hochtief zerschlagen.
Kommentar von Thomas Reisener
Wenn die Übernahme eines anderen Konzerns eine Missetat ist, gegen die Männer wie Gabriel kämpfen müssen, dann ist Hochtief selbst ein Täter. Die Essener haben massiv im Ausland zugekauft – Widerspruch von Gabriel dagegen ist nicht bekannt. Außerdem: Was geht es die Politik überhaupt an, wenn ein Unternehmen aus dem europäischen Binnenmarkt ein anderes aus demselben Wirtschaftsraum kauft? Die Aktionäre müssen doch selbst wissen, wem sie ihre Aktien verkaufen. Wenn Gabriel jetzt Stimmung gegen ACS macht – wie will er dann je wieder im Ausland um Investitionen werben?
Hochtief-Betriebsratschef Siegfried Müller berichtete gestern aus einem Gespräch, das er kürzlich mit Gabriel geführt habe. "Man müsste eine Bank finden, die den Hedgefonds ihre Hochtief-Pakete abkaufen", orakelt Müller seitdem. Marktkreisen zufolge halten die Fonds zusammen rund 20 Prozent an Hochtief, und die ersten haben auch schon ihre Sympathie mit den Übernahmeplänen von ACS kund getan. Zwar kann die Politik keiner Bank befehlen, ihnen die Hochtief-Aktien abzukaufen. Aber in der Finanzkrise wurde der Staat bekanntlich zum Co-Eigentümer unter anderem der Commerzbank. Und die war vor zwei Jahren schließlich schon einmal mit rund zehn Prozent an Hochtief beteiligt.
Laut Müller spielt Gabriel zudem mit dem Gedanken, über eine Initiative im Bundesrat das deutsche Übernahmerecht zu verschärfen. "Laut einem Gutachten ist das auch rückwirkend möglich", sagte Müller unserer Zeitung. Außerdem verfüge Gabriel über exzellente persönliche Kontakte zu Zapatero und auch zu den sozialdemokratischen Parteien anderer Staaten, die ihrerseits Unternehmen betreiben. "Die könnten ja auch Aktien kaufen", sagte Müller.
Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Hempelmann, in dessen Essener Wahlkreis Hochtief seinen Sitz hat, hofft auf die Hilfe von außen. "Als Abwehrinstrument wäre auch eine Kapitalerhöhung möglich. Bei einem so gesunden Unternehmen wie Hochtief würden sich die Banken wohl nicht sehr schwer tun, dem Unternehmen dabei zu helfen", sagte Hempelmann unserer Zeitung.
Führende SPD-Wirtschaftspolitiker forderten im Vorfeld des Gabriel-Besuchs ein beherztes politisches Eingreifen in den Abwehrkampf. "Industriepolitisch ist es wichtig, dass es in Deutschland in allen wichtigen Sektoren Global Player gibt, auch in der Baubranche", sagte der thüringische Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) unserer Zeitung. Der Vorsitzende der NRW-Landesgruppe im Bundestag, Axel Schäfer, sagte: "Hier könnte ein gut funktionierendes, gesundes Unternehmen kaputt gemacht werden. Die Politik darf da nicht tatenlos zusehen."
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