Streiks: Hohe Lohnforderungen als Jobkiller?
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 06.08.2008 - 07:52Berlin/Düsseldorf (RPO). In den letzten Tagen und Wochen ließen die Gewerkschaften mit üppigen Forderungen nach Lohnsteigerungen aufhorchen. Gleichzeitig überschlagen sich die Meldungen über die kommende Abkühlung der Konjunktur. Experten mahnen Zurückhaltung an, denn steigende Kosten könnten sich als Jobkiller erweisen. Die Gewerkschaften denken jedoch nicht daran.
Insgesamt 7,4 Prozent Lohnzuwachs für das Bodenpersonal konnte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für einen Teil der Lufthansa-Beschäftigten herausholen - falls diese den Abschluss in der heute beginnenden Urabstimmung abnicken, was nicht sicher ist. Der Dauerstreik der Lokführer ist allen noch in guter Erinnerung, ebenso die Forderungen der Milchbauern, ein Ausstand der Piloten steht vor der Tür. Gleichzeitig ziehen düstere Wolken am Konjunkturhimmel auf, nachdem es für die deutsche Wirtschaft einige Zeit sehr gut gelaufen war - passt das noch zusammen?
Der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt, warnte in der "Bild" vor übermäßigen Lohnerhöhungen in den nächsten Monaten. "Die Verteilungsspielräume werden enger. Mit überzogenen Abschlüssen würde in einer sich abschwächenden Konjunktur der Abschwung noch verstärkt", sagte Hundt.
Hagen Lesch, Tarifexperte vom Institut für deutsche Wirtschaft in Köln (IW), hält Tarifabschlüsse zwischen 3,0 und 3,5 Prozent für "nicht mehr beschäftigungsfreundlich". "Bis 2006 hatten wir eine Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die nach unseren Berechnungen 880.000 Arbeitsplätze gesichert hat", sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion. Angesichts der aktuellen Lohnforderung erlebe man jedoch einen Schwenk weg von einer beschäftigungsorientierten hin zu einer expansiven Lohnpolitik. "Wenn die Konjunktur schwächer wird, könnte sich das als Beschäftigungsbremse erweisen. Allerdings sind die derzeitigen Abschlüsse noch relativ beschäftigungsneutral", fügte Lesch hinzu.
Der Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Stefan Kooths, mahnte für 2009 Tariferhöhungen von maximal drei Prozent an. "Ich halte einen Anstieg der Bruttolöhne im nächsten Jahr von 2,5 bis 3 Prozent für verträglich"", sagte Kooths der der "Bild". Dann müsse im Durchschnitt keine Beschäftigung abgebaut werden. Unterm Strich bleibe den Arbeitnehmer dennoch ein kleines Reallohnplus, da die Inflationsrate 2009 auf rund zwei Prozent sinken werde.
Gewerkschaften weisen Forderungen zurück
Der Deutsche Gewerkschaftsbund weist die Forderung von nach einer größeren Lohnzurückhaltung wegen des sich abschwächenden Wirtschaftswachstums zurück. DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die Gewerkschaften würden ihre offensive Tarifpolitik fortsetzen. Seit Mitte der neunziger Jahre "kämen die Bruttolöhne nicht mehr vom Fleck".
Die schwache Lohnentwicklung sei verantwortlich für eine chronische Schwäche des Binnenmarktes, unter der Deutschland leide, sagte Matecki. Während Einzelhandel, Handwerk und soziale Dienstleistungen am Boden lägen, wachse die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland. Die unfreiwillige Lohnzurückhaltung habe dagegen auf dem Binnenmarkt nach Schätzungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) Hunderttausende Arbeitsplätze gekostet. Angesichts dessen sei Bescheidenheit bei den Lohnforderungen fehl am Platze.
Zwar hätten die Gewerkschaften bei den Tariflöhnen in den vergangenen Jahren eine Trendwende einleiten können, sagte Matecki. Die verhandelten Lohnsteigerungen kämen jedoch aufgrund rückläufiger Tarifbindung sowie "Mini-, Midi-, und Ein-Euro-Jobs" nur noch bei zwei von drei Beschäftigten an. Selbst im jüngsten Aufschwung hätten die Arbeitnehmer unter dem Strich Reallohnverluste hinnehmen müssen.
Auswirkungen auf Konjunktur?
Wie sich die Tarifabschlüsse auf Konjunktur und Preisentwicklung auswirken, ist derzeit nicht absehbar. "Inwieweit höhere Löhne zu höheren Preisen führen, muss abgewartet werden", sagte Lesch. Bei einem konjunkturellen Abschwung sinkt die Nachfrage, so dass Unternehmen Erhöhungen der Kosten nicht immer an den Kunden weitergeben können. Wenn dieser Preisüberwälzungsspielraum sinke, könne die Wirtschaft unter Rationalisierungsdruck geraten, ergänzte der Experte. Dies bedeutet einen Abbau von Arbeitsplätzen.
In den 70er Jahren hatten u. a. stattliche Tarifabschlüsse zu einer Aufwärtsspirale bei den Preisen geführt. Die Unternehmen hatten die höheren Personalkosten an die Verbraucher weitergegeben, was die Inflation antrieb. Außerdem stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an. Anfang der 80er Jahre glitt die Wirtschaft in eine tiefe Rezession.
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