| 16.55 Uhr
Joschka Fischer berät Atomkonzerne
"Ich bin jetzt Unternehmer"
Joschka Fischer - eine Karriere in Bildern
Joschka Fischer - eine Karriere in Bildern FOTO: AP
Düsseldorf (RP). Erst Sponti, dann Außenminister, jetzt Unternehmer: Joschka Fischer hat sichtlich Freude als Berater von Atomkonzernen. Der Grüne wird schwarz. Nicht einmal die Verlängerung der Atomlaufzeiten mag er kritisieren. Von Antje Höning

Joschka Fischer hat seinen Frieden mit der Wirtschaft gemacht. Der Umweltaktivist von einst berät den Spritfresser-Hersteller BMW und die Atomkonzerne RWE und Siemens. Und das macht ihm sichtlich Spaß. "Richtig, ich bin jetzt Unternehmer", sagte er auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf.

Das sei er im übrigen schon mal gewesen. "Bevor ich Abgeordneter war, war ich Unternehmer in Frankfurt, mit meinem Antiquariat." Ja, er liebe Grenzüberschreitungen. "Ich hasse Schützengräben. Ich finde es immer besser, mal in einen anderen Graben rüberzugucken. Vielleicht geht da was", sagt er.

Zumindest finanziell geht in seinem Leben nach dem Außenministerium einiges. Für seinen Einsatz bei RWE soll er einen sechsstelligen Betrag erhalten, heißt es in der Branche. Die anderen Berateraufträge dürften ähnlich dotiert sein.

Joschka Fischer, auf dem langen Lauf zu sich selbst gerade wieder in einer Lebenslust-Phase angekommen, trägt heute schwarzen Anzug mit grüner Krawatte. Der schwarze Grüne, der grüne Schwarze: Joschka Fischer sagt Dinge, die seinen fundamentalistischen Parteifreunden nicht gefallen werden.

Er findet es gut, dass die Energiekonzerne nun die Einlagerung von Kohlendioxid (Carbon Capture Storage, CCS) vorantreiben, und hält nichts davon, dass Schleswig-Holstein das Gas nicht tief in seiner Erde vergraben lassen will. "Wir brauchen die CCS-Technik. In China geht jede Woche ein Kohlekraftwerk ans Netz." Der Klimakiller Kohlendioxid müsse irgendwo hin.

Nicht einmal die von der schwarz-gelben Koalition geplanten Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken mag er kritisieren. Entscheidend sei, dass der Koalitionsvertrag sich zu einer Stärkung der erneuerbaren Energien bekenne.

Selbst für Guido Westerwelle, den er einst als "Schmalspurpolitiker" verspottete, hat Fischer – ganz im Reinen mit sich selbst – warme Worte übrig. Es gebe keine grüne, rote, schwarze oder gelbe Außenpolitik. "Der Außenminister vertritt uns alle, ich wünsche ihm eine glückliche Hand."

Wie jeder ordentliche Marktwirtschaftler hat Fischer auch an der Opel-Rettung seine Zweifel. Es sei zwar eine große Tragödie, wie man mit den Mitarbeitern umgehe. "Da spielt man Gitarre auf den Nerven von Menschen." Doch er habe stets Zweifel daran gehabt, dass das Vorgehen der Bundesregierung das Gelbe vom Ei sei und die Hoffnungen auf Russland trügen, so Fischer mit Blick auf die geplatzten Pläne des Autozulieferers Magna, Opel gemeinsam mit der russischen Sberbank zu übernehmen.

Überhaupt Russland. Mit den Russen hatte es Fischer schon immer viel weniger als sein Koalitionspartner Gerhard Schröder. Schon in ihrer gemeinsamen Regierungszeit suchte Fischer die Nähe zur amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright, Schröder dagegen umarmte den russischen Präsidenten Wladimir Putin. An dieser Orientierung hat sich auch im Leben als Unternehmer nichts geändert. Schröder sitzt dem Aktionärsausschuss der Ostsee-Pipeline vor, die die Russen und Eon bauen. Sie soll Gas aus Russland nach Deutschland bringen.

Fischer berät RWE bei dem Bau der Nabucco-Pipeline, die von der EU unterstützt wird und Westeuropa unabhängiger von russischem Gas machen soll. Für den früheren Marx-Fan Fischer ist es wichtig, dass er auf der Seite des Westens steht. So ist für ihn auch ganz klar, dass das Gas für Nabucco nicht aus dem Iran kommen darf. "Solange die politische Lage im Iran so ist, wie sie ist, ist der Iran keine Option", sagt er in Düsseldorf. Das Gas werde aus Aserbeidschan, Turkmenistan und dem Nordirak kommen.

Die Alphatiere Schröder und Fischer treten in einer neuen Disziplin gegeneinander an. Fischers Leitung ist zwar länger, aber Schröders wird früher fertig. Die Ostsee-Pipeline kann, nachdem gerade Schweden und Finnland ihren Widerstand aufgegeben haben, ab April gebaut werden. Bei Nabucco ist noch vieles offen. Von Konkurrenz will Fischer natürlich nicht sprechen. "Wir haben regelmäßig Kontakt", sagt er und geht. Die Geschäfte warten.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar