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Strategien im Tarifstreit: IG Metall contra Verdi

VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 08.02.2010 - 21:01

Düsseldorf (RP). Eine Wirtschaftskrise, zwei Strategien: Die einen wollen Jobs sichern, die anderen verlangen fünf Prozent mehr Lohn. Unter ihrem Chef Huber hat die IG Metall einen historischen Schwenk gemacht.

Nach dieser Wirtschaftskrise ist nichts mehr so, wie es war, hatte der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im Herbst 2008 vorgesagt. Er hat Recht, wie nun die IG Metall zeigt. Die sonst stets kampfbereite Gewerkschaft verzichtet auf eine Lohnforderung ­– das hat es in ihrer Geschichte noch nicht gegeben.

Vor nicht einmal zehn Jahren hatte der damalige IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters seine Mitglieder mit dem Schlachtruf "Geld, Geld, Geld" in den Kampf um mehr Prozente geschickte. Im Jahr 2007 gar hatte die größte deutsche Gewerkschaft 6,5 Prozent mehr für die Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie gefordert. Und nun will sich IG-Metall-Chef-Huber sogar mit einer Einmalzahlung zufrieden geben, um Stellen zu sichern. Was ist geschehen?

IG-Metall-Chef Berthold Huber führt die Gewerkschaft der Realität angemessen. Foto: AP, AP

Realität contra Forderung

Die IG Metall erkennt die Realität an. Sie muss über einen Tarifvertrag für eine Branche verhandeln, die wie keine andere von der Wirtschaftskrise getroffen wurde. Autobauer und -Zulieferer haben seit 2008 ihre Arbeitnehmer zu Hunderttausenden in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit geschickt. Rund 200.000 Arbeitsplätze hat die Branche schon abgebaut. Bis zu 700.000 weitere sind bedroht.

Noch immer liegt die Produktion um ein Drittel unter dem Niveau von vor der Krise. Besserung ist nicht in Sicht: Im Dezember ging die Zahl der Aufträge sogar wieder zurück. "In der Metallbranche gibt es nichts zu verteilen", sagt Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft. Das weiß auch die IG Metall. "Niemand glaubt ernsthaft, dass eine hohe Zahl jemanden erschreckt", sagte Huber.

Der neue Pragmatismus hängt auch an den handelnden Personen. Huber hat mit Hilfe seines Stellvertreters Detlef Wetzel und der mächtigen Bezirksleiter in NRW und Baden-Württemberg einen Ideologiewechsel eingeleitet, auf den viele schon 2003 gehofft hatten, als der Realo Huber dem Fundamentalisten Peters im Zweikampf um die Gewerkschaftsspitze noch unterlegen war. 2007 wurde Huber dann im zweiten Anlauf IG-Metall-Chef.

Verdi fährt eine andere Strategie

Wie anders gehen die Gewerkschaft Verdi und ihr aggressiver Vorsitzende Frank Bsirske mit der Wirtschaftskrise um. In einer Zeit, in der die Kommunen ein Rekorddefizit von 12 Milliarden Euro aufgehäuft haben und immer mehr Städte nur noch unter staatlicher Kuratel wirtschaften dürfen, fordert Verdi für die 1,3 Millionen Beschäftigten bei Bund und Kommunen satte fünf Prozent mehr Lohn.

Die Drohung der Arbeitgeber, Stellen zu streichen, lässt Verdi dabei kalt. Die öffentlichen Arbeitgeber bauen ohnehin Stellen ab. Und kaum haben Gewerkschaft und Arbeitgeber zweimal zusammen gesessen, schickte Bsirske seine Mitglieder in einen ganztägigen Streik und zieht Pendler, Eltern und Kinder in Mitleidenschaft. Ob die Taktik der Maßlosigkeit am Ende aufgeht, ist offen.

"Nach jahrelangem Lohnverzicht hat der öffentliche Dienst Nachholbedarf, doch ausgerechnet in der Krise nicht die Zeit dafür", sagt Tarifexperte Lesch. Die Geschichte der Lohnpolitik zeigt, dass schon mancher tarifpolitische Tiger als Bettvorleger gelandet ist und umgekehrt auch zurückhaltende Forderungen mit ordentlichen Abschlüssen gekrönt wurden.

Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE etwa ist schon in so manche Runde gegangen wie in die im März beginnende ­– ohne Lohnzahl. Unter dem Strich haben sich die Chemielöhne genau so gut entwickelt wie die der Metall-Beschäftigten, sagt Tarifexperte Lesch. Nur die Enttäuschungen waren geringer.


 
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