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Interview mit NRW-IG-Metall-Chef Giesler
"Metall-Arbeitgeber spielen mit dem Feuer"

IG Metall droht mit Warnstreiks
Knut Giesler ist NRW-Bezirksleiter der IG Metall. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Gewerkschafter Knut Giesler droht: Ohne ein ordentliches Angebot wird es schon bald zu Warnstreiks kommen. Zugleich fordert er für die Beschäftigten der Thyssenkrupp-Stahlsparte Sicherheiten. Von Maximilian Plück

Es ist durchaus möglich, dass Knut Giesler am Montag terminlich ins Schleuder gerät. Erst tritt der NRW-Bezirksleiter der IG Metall vor dem Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg vor Tausende Beschäftigte, um bei einem Aktionstag für ihre Branche und gegen die Klimapolitik der EU-Kommission zu demonstrieren. Dann muss er sich sputen, um pünktlich um 15 Uhr im benachbarten Düsseldorf zur zweiten Runde der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie zu kommen. Dort verlangt seine Gewerkschaft fünf Prozent mehr Lohn.

Die Arbeitgeber werfen Ihnen vor, mit Ihrer Lohnforderung die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu gefährden. Starker Tobak!

Giesler Und vor allem eine völlig überzogene Kritik angesichts einer Forderung, die die unterschiedliche Lage in den Betrieben und zwischen den Branchen berücksichtigt. Wir haben einige Firmen, die sich vor Aufträgen kaum retten können, wo die Bücher voll sind und Aufträge wegen fehlender Kapazitäten abgelehnt werden müssen. Dort würden die Belegschaft zwölf statt fünf Prozent verlangen. Es gibt aber auch Kandidaten mit Problemen. Beides muss eine Forderung abdecken. Es wäre fatal, sich an denen zu orientieren, die vorübergehende Probleme haben. 

Metall-NRW-Chef Arndt Kirchhoff hat sich für eine Differenzierung des Abschlusses ausgesprochen. Würden Sie so etwas mittragen?

Giesler Brauchen wir das wirklich? Wenn ein Betrieb in Schieflage gerät, haben wir tarifpolitische Instrumente. Eine rein betriebliche Differenzierung führt nur dazu, dass sich die Arbeitgeber vor die Belegschaft stellen und sagen: "Entweder wir verschieben die Lohnerhöhung, oder ich schmeiße 20 Leute raus." Solche Erpressungsszenarien gab es in der Vergangenheit öfters. Das wollen wir nicht. Ich bleibe dabei: Unsere Forderung ist vernünftig.

Die Argumentation der Arbeitgeber ist aber schlüssig: Wenn es Ihnen in den Kram passt, nehmen Sie zur Forderungsbegründung unter anderem die Inflation. Jetzt wo diese nahe Null liegt, nehmen Sie lieber die Zielinflation von zwei Prozent.

Giesler Das ist ein Gebot der volkswirtschaftlichen Vernunft. Die Arbeitgeber sollen nicht so tun, als sei das völlig neu. Und sie sollten endlich damit aufhören, ihren Mitgliedern zu suggerieren, am Ende käme ein Abschluss von null Komma irgendwas heraus. Sie wecken da Erwartungen, die wir ihnen niemals erfüllen.

Rechnen Sie mit einem Angebot der Arbeitgeber in der zweiten Runde? 

Giesler Die Arbeitgeber sind gut beraten, jetzt mal aus ihrer Ecke zu kommen und was Ordentliches auf den Tisch zu legen. Allerdings lassen mich die jüngsten Äußerungen der Gegenseite an deren volkswirtschaftlicher Vernunft zweifeln. Ein schlechtes Angebot hätte allerdings auch Konsequenzen. 

Klingt nach Eskalation.

Giesler Die Arbeitgeber spielen gerade mit dem Feuer und müssen aufpassen, sich nicht zu verbrennen. Wir sind bereit den Konflikt zu führen – notfalls auch vor den Werkstoren.

Noch hindert Sie die Friedenspflicht daran, mit Warnstreiks Druck zu machen. Es gibt aber den Beschluss, dass Warnstreiks bis zu 24 Stunden dauern könnten. Werden Sie das Instrument auch einsetzen?

Giesler Wenn sich die Arbeitgeber auch in der dritten Runde am 28. April unvernünftig zeigen, wird es Warnstreiks geben. Wenn auch das nichts hilft, legen die Kollegen auch mal für 24 Stunden die Arbeit nieder. 

Herr Kirchhoff hat für diesen Fall schon angedroht, diese neue Streikform juristisch prüfen zu lassen.

Giesler Sollen sie doch klagen. Auch darauf sind wir vorbereitet. Solche Drohungen schrecken mich nicht. Ich glaube nicht, dass ein Gericht die Arbeitskampffähigkeit von Gewerkschaften unterbindet. 

Sie wollen auch tarifungebundene Unternehmen in die Verhandlungen mit einbeziehen.

Giesler Das schöne ist ja, dass wir in diesem Bereich arbeitskampffrei sind: Wer keinen Tarif anwendet, unterliegt nicht der Friedenspflicht. Das bekommen diese Unternehmen dann schon in unserer Aktionswoche ab dem 18. April zu spüren.

Wie groß ist die Lohndifferenz zwischen einem tariffreien und einem tarifgebundenen Unternehmen?

Giesler Die Schere liegt bei gut 20 Prozent. Auch die tarifgebundenen Arbeitgeber haben deshalb ein Interesse daran, dass wir da Druck machen. So werden Sie Schritt für Schritt die Schmutzkonkurrenz los, die sich einen Vorteil durch Billiglöhne schaffen will. Die IG Metall sorgt dafür, dass sich Tarifflucht am Ende in Deutschland nicht mehr lohnt. 

Ihr Bezirk verhandelt als erster. Heißt das, Sie machen den Pilotabschluss?

Giesler Für einen Pilotabschluss braucht es immer zwei. Da müsste die Arbeitgeberseite sich deutlich bewegen. Einen Piloten bekämen auch andere hin. In jüngerer Vergangenheit waren das neben uns auch Bayern oder Baden-Württemberg. In dieser Tarifbewegung sind wir in weiteren Tarifgebieten abschlussfähig. Die IG Metall ist gut beraten, an dieser Stelle nicht kalkulierbar zu bleiben. 

Bei Thyssenkrupp finden derzeit Gespräche mit Tata Steel über ein mögliches Zusammengehen der Stahlsparten statt. Wie beurteilen Sie das?

Giesler Konsolidierungsgespräche bei ThyssenKrupp laufen schon länger. Aber die Tata-Variante ist natürlich nur eine mögliche Option. Heinrich Hiesinger hat uns gegenüber klar gesagt, der Konzern sehe zwar grundsätzlich den Bedarf für eine Konsolidierung, es gebe aber keinen Zeitdruck.

Kein Druck? Die Lage am Stahlmarkt ist so schwierig wie lange nicht mehr. Und vonseiten der EU-Kommission drohen der Branche noch Verschärfungen bei den CO2-Zertifikaten.

Giesler Das Thema Zertifikate werden wir in den Griff bekommen. Unser Aktionstag am Montag in Duisburg wird seine Wirkung in Brüssel nicht verfehlen. Auch der Kommission sollte inzwischen klar sein, wenn ihr Vorschlag eins zu eins umgesetzt wird, brennt die Hütte. Da macht auch die deutsche Politik einen guten Job. Die Kuh kriegen wir vom Eis.

Trotzdem bleibt wegen des Dumping-Stahls aus China Handlungsdruck. Wer wäre Ihnen als Partner für Thyssenkrupp lieber: Tata Steel oder Salzgitter?

Giesler Nicht die Frage wer das Rennen macht ist für uns ist wichtig, sondern dass die Arbeitsplätze in NRW abgesichert werden– nicht nur in Duisburg, sondern auch an den anderen Standorten in NRW. 

Wenn eine Lösung mit Tata zustande käme, läge ein hochprofitables Stahlwerk nur 200 Kilometern entfernt – allerdings in den Niederlanden.

Giesler Wir haben aber auch hoch profitable Stahlwerke in Duisburg. Aber noch mal: Egal ob und wer einsteigt, hier darf kein Arbeitsplatz wegfallen. Beschäftigungsgarantien, Standortsicherheit und Garantien für Mitbestimmungsrechte stehen ganz oben auf unserer Liste. Sie sind Vorbedingung für jede wie auch immer geartete Partnerschaft. 

Wie beurteilen Sie die Rolle der Politik bei einer Konsolidierung?

Giesler Der Vorteil von NRW ist, dass wir eine vom Stahl bis zum fertigen Auto eine umfassende Wertschöpfungskette haben. Das zu erhalten ist unser Ziel. Ich weiß, dass das auch für Hannelore Kraft und Garrelt Duin gilt. Und das Land NRW ist in der Stiftung vertreten. 

Aber welche Einspruchsmöglichkeit besteht denn?

Giesler Für einen solchen Deal brauchen Sie eine Aufsichtsratsentscheidung, bei der alle Anteilseigner und die Arbeitnehmervertreter mitziehen.

Mit Knut Giesler sprach Maximilian Plück.

 

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