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Rheinbahn: Aktion nicht nachahmenswert
In Leipzig gilt der Kfz-Schein als Busticket

Bus und Bahn in Leipzig für Autofahrer kostenlos
Bus und Bahn in Leipzig für Autofahrer kostenlos FOTO: dpa, Jan Woitas
Düsseldorf. In Leipzig können Autofahrer den Umstieg auf Bus und Bahn in die Realität umsetzen. Sie müssen nur ihre Kfz-Zulassung als Ticket vorzeigen. Sinn der Gratis-Aktion: Neue Kunden für die "Öffentlichen". Für die Düsseldorfer Rheinbahn ist diese Aktion nicht nachahmenswert.

"Schluss mit dem Benzinpreiswahnsinn - Zeit für den Umstieg": Die Leipziger Verkehrsbetriebe wollen Autofahrern die "Öffentlichen" schmackhaft machen und erlauben bis Freitag Freifahrten im Stadtgebiet. Einzige Bedingung: Als Ticket muss die Autozulassung vorgelegt werden.

Rund um den Leipziger Zoo, einem der beliebtesten Ausflugsziele in der Messestadt waren die Parkplätze am Dienstag zunächst noch weitgehend belegt. An der Zufahrt zu den Zoo-Parkhäusern bildeten sich, wie oft in Ferienzeiten, Autoschlangen. Bei etlichen haperte es wohl nicht am mangelnden Willen zum Umstieg, sie wussten wohl schlicht nichts von der Aktion, die den Verkehrsbetrieben neue Kunden bringen soll.

"Wussten davon nichts"

"Nein leider. Davon haben ich nichts gewusst", sagte ein junger Vater, der mit seinem Sprössling aus dem thüringischen Sömmerda angereist war. Für ihn wäre es durchaus sinnvoll gewesen, das Auto am Stadtrand stehen zu lassen und mit den "Öffis" weiterzufahren. "Ich musste mir nämlich extra für die Fahrt hierher eine Umweltplakette kaufen", sagte der junge Mann.

Ein Großelternpaar, das mit seinem Enkelkind in den Zoo wollte, bedauerte, erst auf der Zugfahrt von Halle nach Leipzig von der Freifahrtmöglichkeit erfahren zu haben. "Das hätten wir auf jeden Fall gemacht. Eine schöne Idee", sagte der ältere Herr. Eine junge Leipzigerin sieht vor allem den Spaßfaktor für ihre bei kleinen Kinder. "Wir sind Autofahrer.

Deshalb wollen die Großeltern in den nächsten Tagen ganz viel mit den Kindern in Bus und Bahn unterwegs sein. Das macht ihnen großen Spaß und man kommt viel zu selten dazu." Der Preis für einen Liter Super hatte an vielen Leipziger Tankstellen am Vormittag wie andernorts auch die Marke von 1,70 Euro überschritten.

Resonanz größer als erwartet

Nur wenige Stunden nach dem Start konnte Verkehrsbetriebe-Sprecher Reinhard Bohse noch keine exakte Bilanz ziehen. Nach den ersten Rückmeldungen der Kontrolleure sei die Resonanz größer als erwartet. "Sie haben schon eine ganze Menge Leute gefunden, die ihre Zulassungen vorgezeigt haben", sagte er. Letztendlich komme es darauf an, ob es gelinge, Autofahrer dauerhaft zum Umsteigen zu bewegen.

"Neue Stammkunden gewinnen wir nur aus den Reihen der Nichtnutzer", sagte Bohse. Die Leipziger Verkehrsbetriebe decken ihre Kosten zu 75 Prozent selbst. Die Kommune schießt in diesem Jahr 45 Millionen Euro zu. In den vergangenen Jahren sei die Tendenz bei der Nutzung stetig steigend gewesen, sagte Bohse.

Unternehmensangaben zufolge soll das Projekt keine zusätzlichen Kosten verursachen: "Wir haben in den Ferien freie Plätze in Bussen und Bahnen, die bieten wir den Autofahrern an", erklärte die LVB. Die Reaktionen von Unternehmen im Großraum Leipzig, Chemnitz und Vogtland seien durchweg positiv gewesen, berichtet zudem die "Freie Presse".

"Aktion verkehrspolitisch sinnvoll"

Hat das Leipziger Modell Vorbildcharakter für andere deutsche Großstädte? Schließlich ächzen Autofahrer bundesweit unter den Rekord-Spritpreisen. Die Rheinbahn in Düsseldorf betrachtet die Leipziger PR-Idee mit einem Schmunzeln. "Das ist eine durchaus charmante Aktion", erklärt Rheinbahn-Sprecher Georg Schumacher auf Anfrage unserer Redaktion.

Allerdings könne das Leipziger Modell nur schwerlich auf die NRW-Landeshauptstadt übertragen werden. Grund sind organisatorische "Schwierigkeiten. Wir sind sehr eng mit dem übergeordneten Verkehrsverbund Rhein-Ruhr verbunden. Die Rheinbahn fährt unter anderem nach Neuss, Ratingen, Duisburg und Krefeld. Alleingänge sind schlecht denkbar."

"Hätten ein organisatorisches Problem"

Zumal die infrastrukturellen Rahmenbedingungen im Großraum Leipzig und Düsseldorf unterschiedlich sind. Im Großraum Düsseldorf nutzen täglich 700.000 Fahrgäste Busse und Bahnen der Rheinbahn. "Sollten auf einmal zehntausende Pendler von einem Tag auf den anderen auf Bus und Bahn umsteigen, hätten wir ein organisatorisches Problem", so Schumacher.

Zwar habe die Rheinbahn in ihren Depots zahlreiche Busse, U- und S-Bahnen "auf Reserve, ohne organisatorische Veränderungen könnten wir solch einen Ansturm derzeit nicht bewältigen."

300.000 Pendler

Rund 60 Prozent der Menschen, die in Düsseldorf arbeiten, kommen von außerhalb. Das ging aus einer Statistik des Landesamts für Statistik Nordrhein-Westfalen von 2010 hervor. 300.000 Menschen pendeln täglich nach Düsseldorf. "Die Rheinbahn hat über 215.000 Abonnnenten", erklärt der Rheinbahn-Sprecher.

Zumindest für Leipzig und Sachsen sieht der Berliner Mobilitätsforscher Weert Kanzler im Gespräch mit der "Freien Presse" klare Vorteile. "Das ist verkehrspolitisch sinnvoll, weil damit Routinen durchbrochen werden." Sein Argument: Mit Kostenlos-Angeboten lasse sich ein Umdenken bei den Autofahrern erzielen.

(rpo/dpa/nbe/das)
 
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