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Interview mit Ingo Kramer
"Wir müssen nicht 24 Stunden online sein"

Ingo Kramer: "Wir müssen nicht 24 Stunden online sein"
Ingo Kramer sprach mit unserer Redaktion. FOTO: imago stock&people
Der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer ist zu Hause nicht über Handy zu erreichen. Grenzen zu ziehen in der digitalen Arbeitswelt, das sei eine Frage der Selbstdisziplin, sagt er im Interview mit unserer Redaktion.

Das Segel eines Optimisten-Bootes hängt an der Wand in Ingo Kramers Büro im Haus der Deutschen Wirtschaft. Der 62-jährige Arbeitgeberpräsident, der mit seinen Firmen im fernen Bremerhaven auch Dienstleister für Werften ist, blickt beim Gespräch immer wieder auf die Spree hinunter. Kramer ist Vollblut-Hanseat, auch in Berlin.

Arbeitnehmer sind immer länger krank, psychische Probleme nehmen zu. Verdichten wir die Arbeit zu sehr?

Kramer Wir nehmen psychische Krankheiten heute einfach deutlicher wahr als vor 20 Jahren. Früher hat man dem weniger Bedeutung beigemessen. Es ist aber im Übrigen völlig falsch, psychische Erkrankungen vorwiegend auf Arbeit zurückzuführen. Wissenschaftliche Studien belegen das Gegenteil: Beschäftigte leiden deutlich seltener an psychischen Erkrankungen als Nichtbeschäftigte. Es gibt sicher Phasen, in denen die Verdichtung der Arbeit zugenommen hat. Für mich ist zum Beispiel das Jahresende mit der Vorweihnachtszeit anstrengender als andere Zeiten. Das heißt aber nicht, dass die Arbeit permanent anstrengender geworden ist. Wenn dem im Einzelfall doch so ist, dann reduziert sich die Arbeitsleistung des Einzelnen, und die Arbeit muss auf mehr Köpfe verteilt werden.

Wir können heute 24 Stunden online sein. Führt das zur Erschöpfung?

Kramer Aber wir müssen nicht 24 Stunden online sein! Wenn ich nach Hause komme, schalte ich mein Handy aus. Das empfehle ich auch allen anderen. Viele wollen aber einfach online bleiben. Das ergibt nicht immer so viel Sinn. Die Arbeitgeber erwarten nicht, dass jeder nach Feierabend noch erreichbar ist. Sicher gibt es Ausnahmen für Führungskräfte oder für Notfälle. Es gibt einen Ausschaltknopf. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen, diesen Ausschaltknopf auch zu benutzen. Selbstdisziplin ist ganz wichtig.

Die Arbeitgeber möchten aber den Acht-Stunden-Tag abschaffen. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Firmen doch Mehrarbeit verlangen...

Kramer Das stimmt nicht. Wir wollen ja die Wochenarbeitszeit nicht ausweiten. Der starre Acht-Stunden-Tag passt nur nicht mehr ins digitale Zeitalter, wir wollen mehr Beweglichkeit. Es kann sein, dass jemand an einem Tag zwölf Stunden arbeitet und am nächsten nur vier.

Ministerin Schwesig will die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern schließen. Warum sind Sie dagegen?

Kramer Wir sind für Lohngerechtigkeit. Aber was die Beamten im Ministerium von Frau Schwesig planen, ist reine Symbolpolitik, weil der Gesetzentwurf gar nicht die Ursachen der Lohnlücke angeht. Die Bezahlung von Mitarbeitern, ob männlich oder weiblich, hängt immer von der Ausbildung, der Erfahrung, der Tätigkeit und den Persönlichkeitsmerkmalen ab...

...trotzdem verdienen Frauen im Schnitt acht Prozent weniger...

Kramer ...aber nicht, wenn sie in der gleichen Branche, der gleichen Position arbeiten, die gleiche Ausbildung und die gleiche Berufserfahrung vorweisen können. Dann bleibt nur noch eine Mini-Lücke von zwei Prozent. Alle anderen Unterschiede hängen damit zusammen, dass Frauen oft in Branchen arbeiten wollen, die schlechter bezahlen. Außerdem scheiden Frauen oft länger aus dem Erwerbsleben aus, zum Beispiel wegen Kindererziehung und Familie. Ihnen fehlt dann gegenüber ihren Kollegen im weiteren Erwerbsverlauf Berufserfahrung. Der Staat muss für noch mehr Ganztagsschulen und Kitas sorgen.

Frauen seien bei ihren Gehaltsverhandlungen auch oft zu schüchtern, heißt es in vielen Studien.

Kramer In meinem Betrieb habe ich das noch nicht erfahren. Bei uns gilt der Tarifvertrag, der unterscheidet nicht zwischen Männern und Frauen. Ich komme gerade aus einem Gespräch mit Arbeitsministerin Nahles. Dass Frauen zu schüchtern wären, ist mir da nicht aufgefallen.

Haben Sie Frau Nahles davon überzeugen können, dass sie die Regulierung der Zeitarbeit und der Werkverträge wieder zurücknimmt?

Kramer Wir sind in sehr intensiven Gesprächen. Ihr Gesetzentwurf hat uns aber in vielen Punkten ausgesprochen negativ überrascht. Wir sind der Ansicht, dass Tarifverträge in der Zeitarbeit Vorrang haben müssen vor gesetzlichen Vorschriften. Zeitarbeitnehmer müssen auch länger als 18 Monate in einem Betrieb arbeiten können. Frau Nahles hat das Problem, dass die im öffentlichen Dienst gut ausgestattete Ministerialbürokratie, die ihre Gesetzentwürfe schreibt, über wenig Erfahrung verfügt, wenn es ums reale Leben und die betriebliche Praxis geht. Bei den Werkverträgen will uns das Ministerium völlig absurde bürokratische Vorgaben machen.

Bremst uns das Gesetz bei der Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt aus?

Kramer Es hilft uns dabei sicherlich nicht weiter. Aber damit die Integration der Flüchtlinge gelingt, sind noch andere Dinge ganz wichtig. Wir brauchen viel mehr Sprachkurse. Ohne sprachliche Grundkenntnisse können wir mit der Eingliederung nicht beginnen. In meiner Heimatstadt Bremerhaven habe ich erlebt, dass sich Migranten schon nach einem halben Jahr sehr gut verständigen können, wenn sie täglich drei Stunden gelernt haben.

Herr Schäuble hat gesagt, die Wirtschaft könne mehr für Integration tun. Fühlen Sie sich angesprochen?

Kramer Nein. Wir Arbeitgeber sind schnell dabei, einzustellen, sobald die Deutschkenntnisse und die Qualifikationen da sind. Aber noch immer gibt es gesetzliche Regelungen, die verhindern, dass Asylbewerber in allen Berufen nach drei Monaten arbeiten dürfen. Handwerk und Industrie sind sehr engagiert; die Handwerks-, Industrie- und Handelskammern organisieren längst die Integration. Wir haben sicher eine Million offene Stellen und freie Ausbildungsplätze, die wir auch besetzen wollen. Nicht die Wirtschaft ist in der Bringschuld, die Verwaltung ist es. Aber die Registrierung einschließlich der Ermittlung der Vorkenntnisse und die Durchführung der Asylverfahren dauern viel zu lange.

JAN DREBES UND BIRGIT MARSCHALL FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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