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Innovation im Versandhandel
Die Post lernt fliegen

DHL testet den "Paketkopter"
DHL testet den "Paketkopter" FOTO: dpa, Oliver Berg
München/Troisdorf. Seit 1490 bringen die Post und ihre Vorgängerfirmen Briefe zu den Bürgern – aber globaler Marktführer wurde sie auch durch eine intelligente Innovationsstrategie. Von Reinhard Kowalewsky

In München probiert die Deutsche Post DHL momentan aus, Autobesitzern Pakete einfach in den Kofferraum ihres Wagens zu liefern. Durch eine eigens entwickelte Smartphone-App erhält der Zusteller der Post sowohl den genauen Standort des Fahrzeugs als auch Zugang zum Kofferraum des jeweiligen Automobils. Nachdem das Paket eingelegt und der Kofferraum durch den Zusteller wieder geschlossen wurde, wird dieser automatisch verriegelt. Der Zusteller erhält über die App nochmals eine Bestätigung und der Fahrzeughalter wird per E-Mail über die erfolgreiche Zustellung informiert. "Wir arbeiten kontinuierlich daran, zukunftsweisende Lösungen zu entwickeln und Trends zu setzen",sagt Postvorstand Jürgen Gerdes, "das Pilotprojekt in Bayern ist eines der Beispiele."

Dabei zeigt das Vorhaben, wie die Post mit ihrem Innovationsteam grundsätzlich vorgeht. Abgehobene, isolierte  Neuerungen spielen im Bonner Konzern mit mehr als 500.000 Mitarbeitern keine große Rolle,  Praxisorientierung und Kundennähe haben Vorrang.So sind Audi und Amazon Partner beim Paketversand ins Auto hinein – Amazon-Kunden erhalten die Pakete, nur Audi-Wagen haben die Möglichkeit, dass ein Paketzusteller ihren Kofferraum öffnet.

Innovationen sind für den Weltmarktführer überlebenswichtig, denn die Konkurrenz denkt längst über alternative Versandmethoden nach. So will Amazon einem Zeitungsbericht zufolge Privatpersonen als Boten einsetzen, um die steigenden Lieferkosten einzudämmen. Der Online-Händler arbeitet demnach an einer App, die solche Dienstleistungen koordinieren soll. Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, könnten Gelegenheitsboten etwa auf ihrem Arbeitsweg Pakete an Amazon-Kunden ausliefern. Ziel sei es, bei einem Teil der Zusendungen auf gewerbliche Paketdienste zu verzichten.

Die Strategie der Post zeigte sich unlängst am 19. Mai. als der gelbe Riese in seinem Innovationszentrum in Troisdorf einen neuen "Showroom" eröffnete. "Es geht oft um Kooperationsprojekte", sagt Konzernsprecherin Sabine Lange, "wir entwickeln neue Dienstleistungen und besseren Service selten allein."

So ist es auch beim bekannten Testprojekt der Paketzustellung per Drohne. Natürlich hat die Post das zwischen Küste und der Insel Juist fliegende unbemannte Fluggeräte nicht selbst gebaut. Und natürlich flog die Drohne nicht als Selbstzweck,sondern beliefert eine örtliche Apotheke auf der Insel mit dringend benötigtem Medikamenten. "Abseits städtischer Regionen könnten solche Fluggeräte eine Reihe an Spezialaufgaben übernehmen", sagt Gerdes. Aber der Wunsch nach solchen Lieferungen müsse vom Kunden her kommen.

In der Troisdorfer Denkzentrale  entstand auch die Idee des Paketbriefkastens, mit dem Privatkunden ihre Pakete auch bei Abwesenheit von zu Hause jederzeit erhalten können. "Die beste Idee, seit der Erfindung des Briefkastens", schwärmt Gerdes,  und nutzt die Erfindung zur Marktabschottung: Die stählerne Kiste wird von Partnern zwar in einer Reihe an  Größen und mit vielen Verzierungen geliefert, aber öffnen können ihn neben dem Kunden nur die Mitarbeiter der Post und nicht die von einem Wettbewerber. "Anders können wir nicht sicher zustellen", sagt Gerdes – die Konkurrenz ist empört.

Ein ähnlich geschlossenes System entwickelte der Konzern auch bei der Packstation und beim  E-Post-Brief. Schon seit einigen Jahren erlaubt das Unternehmen  Kunden, ihre Pakete aus einer Packstation in der Nähe ihres Wohnortes abzuholen, der Erfolg ist gigantisch: 2001 startete die Post mit zwei Pilotstationen in Dortmund und Main, mittlerweile gibt es fast 3000 der Selbstabholstationen mit insgesamt 250.000 Fächern in der Nähe von S-Bahnen, Parkplätzen und Einkaufszentren. Und nachdem es anfangs nur wenig Interesse gab, haben sich mittlerweile mehr als fünf Millionen Kunden angemeldet.

Auf einen langen Atem setzt Vorstandschef Frank Appel auch beim E-Post-Brief. Wenn die E-Mail schon sowieso den klassischen Brief ersetzt, machen wir das lieber mit einer eigenen Entwicklung selber, gab er vor rund sieben Jahren als Vorgabe vor: Als Ergebnis wurde mit geschätzt 500 Millionen Euro Entwicklungs- und Markeitingaufwand ein sicheres E-Mail-System entwickelt und vermarktet, das das vom deutschen Staat und der Telekom geplante De-Mail-System zum Teil unnötig macht. Appels Erfolg: Der Umsatz des E- Post-Briefes liegt fünf Jahre nach dem Start bereits bei 300 Millionen Euro im Jahr, gerade Großkunden wie Versicherungen Alllianz und Zurich, der  ADAC oder die AOK nutzen ihn zunehmend, um  Rechnungen  oder andere sensible Dokumente zu versenden. Allerdings gibt es Hinweise, dass der Großteil des Umsatzes nur daher kommt, dass digital eingereichte Briefe von der Post ausgedruckt und dann zugestellt werden- digitale Welt und traditioneller Briefdienst ergänzen sich so.

Wie beim E-Post-Brief setzen Post und ihr Innovationszentrum  auf breiter Front auf die Digitalisierung. In Stockholm testete der Konzern, dass Privatbürger sich per App auf ihrem Smartphone bereit erklären, Päckchen für eine Gebühr abends mit in ihren Wohnblock mitzunehmen -jetzt könnte ein solcher Einsatz privater Fahrer gerade bei der Arbeit in den Megametropolen Asiens helfen.  Mitarbeiter eines von der Post betriebenen Lagers in Bergen Op Zoom (Niederlande)  konnten bei einem Test  um 25 Prozent schneller Waren zusammenstellen, weil sie die  Arbeitsanweisungen und den Ort der Ware in ein kleines Display in ihrer Computerbrille eingeblendet bekamen ("Augmented Reality"). "Diese Art der  Kommissionierung  kommt ohne überflüssige Handgriffe aus und ist erheblich produktiver", freut sich Post-Manager  Jan-Willem De Jong.

So wichtig die praktische Anwendung von Innovationen für die Post ist, so intensiv beschäftigt sich das Management auch theoretisch mit den entscheidenden Trends der Zukunft. So beschrieben  die Wissenschaftler in einem Report den Einsatz von selbstfahrenden Fahrzeugen bei der Paketzustellung. Schon 2013 analysierten Wissenschaftler im Auftrag der Post, wie immer günstigere Sensoren das Management von Fabriken automatisieren können. In einem "Trend Radar" erläutert das Unternehmen, wie sich mit Hilfe der Analyse von massenhaften Daten der Vergangenheit prognostizieren lässt, wann Kunden bestimmte Produkte  künftig bestellen wollen – und zwar, bevor diese das tatsächlich getan haben. 

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