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Air-Berlin-Flugkapitän im Interview
"Der Schwarze Peter wird den Piloten zugeschoben"

Insolvenz von Air Berlin: "Den Piloten wird der Schwarze Peter zugeschoben"
Ein Flugzeug von Air Berlin im Landeanflug auf den Flughafen Tegel: Den Piloten wird der Schwarze Peter zugeschoben, sagt ein Flugkapitän (Symbolbild). FOTO: afp, OA
Düsseldorf. Am Mittwoch musste Air Berlin knapp 70 Flüge streichen – angeblich, weil sich zu viele Piloten krank gemeldet haben. Wir haben mit einem Flugkapitän gesprochen, der trotz der Belastungen fliegt und erzählt, wie es hinter den Kulissen zugeht.  Von Franziska Hein

Peter N. (Name von der Redaktion geändert) hat fast sein gesamtes Berufsleben bei der Air Berlin und ihren Vorgänger-Unternehmen wie der LTU verbracht. Der Flugkapitän kommt aus dem Großraum Köln und hat nur noch ein paar Jahre bis zur Rente. Was gerade bei Air Berlin passiert, ärgert den Familienvater massiv. "Ich bin enttäuscht", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Einer Veröffentlichung hat er nur unter der Bedingung zugestimmt, dass wir seinen Namen und seinen genauen Wohnort nicht nennen. Denn noch ist er von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Flugkapitän schildert, wie sich die Existenzangst auf seine Arbeit auswirkt und warum die Piloten nun als Sündenböcke präsentiert werden. 

Wieso gehen Sie eigentlich noch zur Arbeit? 

Peter N. Ich mache das meinen Kollegen zuliebe. Wir geben alles, damit der Flugbetrieb weitergeht. Ich habe über die Hälfte meines Lebens in diesem Unternehmen und seinen Vorgängern verbracht. Ich habe mehr als alles gegeben. Und hier arbeiten ehrliche Menschen – egal ob es Techniker, Piloten oder Verwaltungsmitarbeiter sind. Aber jetzt werden wir systematisch in den Dreck gezogen. 

Sie meinen die Äußerungen der Bundesregierung oder auch Ihres Geschäftsführers Thomas Winkelmann, die an die Mitarbeiter appellieren, zur Arbeit zu kommen? 

Peter N. Ja, genau. Ich weiß, dass sich am Mittwoch genügend Crewmitglieder gesund gemeldet haben und hätten fliegen können. Aber das Unternehmen hat trotzdem mehr Flüge gecancelt als nötig. Das passiert nur aus einem einzigen Grund: Den Piloten wird der Schwarze Peter zugeschoben. Sie sollen plötzlich Schuld an der Insolvenz sein. Das ist doch Blödsinn. Fakt ist, dass wir seit Jahren am Limit arbeiten. Uns wurden teilweise unsere Urlaubstage abgekauft, damit wir fliegen können. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Sanierungsprogramme ich schon mitgemacht habe. Unsere Personalsituation ist seit Jahren schwierig, wir haben nicht genug Piloten. Weil sich 200 von knapp 1400 Piloten krank gemeldet haben, bricht jetzt der Flugbetrieb zusammen? Das ist doch lächerlich. 

Wie kommt es denn dazu, dass sich die Mitarbeiter erst jetzt krank melden und nicht schon nach der Insolvenz-Nachricht Mitte August? 

Peter N. Das liegt daran, dass es am 11. September Gespräche über die Zukunft der Mitarbeiter nach einer Übernahme gab. Doch die Geschäftsführung hat uns signalisiert, dass es dazu keine Überlegungen gibt. Da trifft unsere Personalvertretung auf die pure Arroganz am Verhandlungstisch. Das treibt die Menschen in die Verzweiflung. Da kann ich verstehen, dass den Mitarbeitern schlecht wird bei dem Gedanken an ihre Zukunft. Sagen Sie mir mal, wie man Verantwortung für 300 Personen im Flugzeug übernehmen soll, wie man seinen Job mit klarem Verstand machen soll, wenn gerade alles schief geht? 

Sagen Sie es mir, wie das geht. 

Peter N. Ganz ehrlich, ich kann verstehen, dass manche Kollegen sich krank melden, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten. Die Gedanken sind immer da, die Angst vor dem sozialen Abstieg – und dabei ist es egal, was man vorher verdient hat. Niemand kann wollen, dass psychisch und emotional belastete Piloten weiterhin fliegen. 

Haben Sie selbst auch darüber nachgedacht, sich krank zu melden? 

Peter N. Mein Arzt hat mich sogar angerufen und sich nach mir erkundigt. 'Peter, wie geht es dir? Kannst du schlafen? Kannst du abschalten?' Aber ich fliege weiter, alle paar Tage auch Langstrecke. Sie müssten mal meinen Dienstplan sehen. Das ist belastend, aber es geht. Ich mache das wirklich für meine Kollegen. 

Finden Sie es gerecht, dass die Piloten nun im Fokus der Kritik stehen – auch wegen ihres hohen Gehalts? 

Peter N. Wir Piloten sind nicht doof. Wir haben fast alle eine felsenfeste, klare Meinung. Das macht uns vielleicht nicht zu den einfachsten Verhandlungspartnern. Viele von uns sind Querdenker. Das müssen wir auch sein, weil wir selbst unter größtem Druck sichere Entscheidungen treffen müssen. Und dafür müssen wir auch bezahlt werden. Meine Eltern haben damals mit 100.000 DM für mich gebürgt, damit ich meine Ausbildung machen konnte. Berufsanfänger gehen heutzutage mit einem Eigenanteil zwischen 70.000 und 75.000 Euro in die Ausbildung. Das muss man erstmal abbezahlen. Das ist das eine. Das andere ist die Frage der angeblich höheren Gehälter der Ex-LTU-Piloten. Ich bin selbst einer davon und kann Ihnen sagen, das stimmt hinten und vorne nicht. Wir haben seit vier Jahren einen Tarifvertrag, der für alle Piloten gilt – natürlich gemessen an ihrer Erfahrung und Unternehmenszugehörigkeit. Wir Piloten werden zur Schlachtbank geführt.

Was halten Sie davon, dass sich die Bundesregierung in die Insolvenz eingemischt hat? 

Peter N. Meiner Meinung nach soll der Lufthansa die Air Berlin auf dem Silbertablett präsentiert werden. Es ist doch im Grunde genommen jetzt schon klar, wie das Bieterverfahren ausgeht: Den Löwenanteil werden die Lufthansa und Eurowings bekommen. Ich bin massiv enttäuscht von der Politik. Ich erwarte von Politikern, die ich teilweise gewählt habe, dass sie sich für realistische Bedingungen und die Mitarbeiter vor einer möglichen Übernahme einsetzen. Ich ärgere mich, dass ich die Briefwahl schon erledigt habe. 

Franziska Hein führte das Interview.

 
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