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Interview mit Post-Chef Frank Appel
"Wir sollten Roboter intelligent besteuern"

Interview mit Post-Chef Frank Appel: Roboter intelligent besteuern
Frank Appel möchte die Arbeit von Robotern intelligent besteuern. FOTO: dpa
Warum der Post-Chef den Briten trotz des Brexit gerne entgegenkommen möchte und warum er die Sorge wegen der Flüchtlinge für übertrieben hält, erklärt Frank Appel im Interview mit unserer Redaktion.  Von Reinhard Kowalewsky

Herr Appel, die Briten wollen raus aus Europa, das Handelsabkommen TTIP wird erst einmal nicht kommen – schlimm für die Post als globaler Logistikkonzern?

Appel Wir erwarten für unser Geschäft trotz dieser Entwicklungen ein Wachstum gemäß unseren Prognosen. Wir gehen also davon aus, bis 2020 jedes Jahr den operativen Gewinn durchschnittlich um acht Prozent im Vergleich zum Basisjahr 2013 zu erhöhen. Volkswirtschaftlich könnten wir allerdings eine Verlangsamung der Fortschritte beim Freihandel erleben. Die Politik und auch wir Unternehmen sollten die Vorteile offener Märkte noch besser erklären. Dann wird sich am Ende die Vernunft durchsetzen.

Viele Bürger sorgen sich um ihren Job wegen ausländischer Konkurrenz.

Appel Zumindest Deutschland als erfolgreicher Exportwirtschaft geht es so gut wie seit 25 Jahren nicht. Ansonsten müssen wir differenzieren: Nur wenige Menschen in unserem Land haben tatsächlich Nachteile durch Freihandel oder durch Einwanderung. Sehr viel mehr Bürger befürchten allerdings, zukünftig könnte sich ihre Lebenssituation verschlechtern. Dies führt dazu, dass Risiken des Freihandels oder Herausforderungen angesichts der Zuwanderung von Flüchtlingen tendenziell überschätzt werden, während die realen Wohlstandsgewinne und gesellschaftlichen Chancen unterschätzt werden.

Großbritannien wird die EU jedenfalls verlassen.

Appel Ich hoffe, dass man einen klugen Weg findet, um den vollständigen Brexit doch noch zu vermeiden oder um das Land jedenfalls weiter eng an die EU zu binden.

Was soll passieren?

Appel Den freien Handel von Gütern und Dienstleistungen sollte es im Interesse aller unbedingt auch zukünftig geben. Da die Briten vorrangig angesichts der uneingeschränkten Freizügigkeit EU-kritisch sind, könnte man hier über Kompromisse nachdenken: Zum Beispiel könnten sich die alten EU-Mitgliedsstaaten weiter volle Freizügigkeit einräumen, aber die Bürger neuer EU-Länder dürften zunächst nur begrenzt nach Großbritannien einwandern. Ein solches Kontingentmodell bei der Zuwanderung könnte auch ein Modell für eine künftige EU-Erweiterung sein, wenn man die Sorgen der Bürger vor unkontrollierter Zuwanderung in die Sozialsysteme berücksichtigen will.

Grenze zu für die Polen auf der Insel?

Appel Wenn Großbritannien die EU verlässt, gibt es überhaupt keine Einreisefreiheit auf die Insel mehr. Da wäre ein vereinbartes Kontingent doch eine Verbesserung.

Bleibt NRW Zentrum der Logistik?

Appel Das Ruhrgebiet und NRW werden auch künftig von ihrer Lage im Zentrum Europas profitieren. Daran ändert auch nichts, dass manche Unternehmen Verteilzentren in Osteuropa aufbauen, um von niedrigeren Löhnen zu profitieren. Die zu erwartende höhere Automatisierung wird Deutschland durch höhere Produktivität noch wettbewerbsfähiger machen. Außerdem nimmt der Handel weiter zu.

NRW war jüngst Schlusslicht beim Wachstum der deutschen Bundesländer. Was muss sich ändern?

Appel Es ist wichtig, dass deutlich mehr in die Infrastruktur investiert wird. Daher begrüßen wir die zahlreichen neuen Straßenbauprojekte in NRW. Insgesamt muss Deutschland mehr investieren, damit die Jobs hier sicher bleiben. Wir müssen bundesweit mehr für die digitale Infrastruktur, unser Bildungssystem und damit für unsere Zukunft ausgeben, statt weiter vermehrt in die Sozialsysteme zu investieren.

... oder Flüchtlinge aufzunehmen?

Appel Ich halte die Sorge wegen der Flüchtlinge für übertrieben: Wir haben eine Bevölkerung von 80 Millionen Menschen und etwas über eine Million Flüchtlinge bisher. Immer mehr von ihnen werden Deutsch lernen. Immer mehr werden Praktika, Ausbildungen und dann Jobs finden. Das alles braucht ein wenig Zeit. Und am Ende kann Deutschland von den neuen Bürgern profitieren – auch sie wollen ja zum Gemeinwohl beitragen.

Wird die Digitalisierung nicht Hunderttausende Jobs vernichten?

Appel Ich teile diese Krisenszenarien nicht. Deutschland wird mit der gut ausgebildeten Bevölkerung und der starken Industrie weit überdurchschnittlich von der Digitalisierung profitieren. Wir erleben schon, dass Fabriken nach Deutschland zurückgeholt werden, weil die relativ hohen Lohnkosten in einer zunehmend automatisierten Produktion eine immer geringere Rolle spielen.

Werden Google und Co. uns mit der Digitalrevolution überrollen?

Appel Nein. Die US-Internetriesen dominieren in der Tat das Internetangebot für Privatkunden, weil sie ihre völlig neuen Angebote zuerst im riesigen Heimatmarkt starten konnten und dann weltweit hochfuhren – da konnten wir nur zuschauen. Aber die Digitalisierung der Wirtschaft funktioniert nur im Zusammenspiel mit bereits starken Unternehmen.

Das heißt?

Appel Hunderte deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer in ihren Nischen – sie werden dank Vernetzung produktiver. Alle Dax-Konzerne wie auch wir setzen auf Digitaltechnik, um schneller zu werden.

Mit weniger Leuten bei der Post?

Appel Im Gegenteil. Ich rechne damit, dass sich unsere Belegschaft in einigen Jahren von jetzt rund 500.000 auf rund 600.000 erhöhen könnte. Logistik als Dienstleistung wächst schneller als der Durchschnitt der Wirtschaft. Und wir steigern dank Digitaltechnik die Produktivität enorm. Ich halte zweistellige Produktivitätszuwächse für möglich, von denen Kunden, Mitarbeiter und Unternehmen profitieren werden. So helfen Datenbrillen im Lager unseren Mitarbeitern, Produkte schneller zu finden. Teilweise selbstfahrende Paketwagen können Zustellern automatisch folgen.

Also fallen zumindest immer mehr einfache Arbeitsplätze weg?

Appel Das ist nicht ausgeschlossen, aber wir jammern ja auch nicht mehr der Arbeit früherer Generationen auf dem Acker nach. Wir Menschen erledigen komplexe Tätigkeiten besonders gut. Computer und Maschinen arbeiten dagegen exakter und verlässlicher bei einfachen, sich wiederholenden Tätigkeiten.

Weil diese Roboterarmee immer mehr Menschenarbeit ersetzt, fordern Sie eine Art Maschinensteuer.

Appel Wir müssen uns über eine Weiterentwicklung unseres Steuer- und Abgabensystems Gedanken machen, weil Maschinen einen immer höheren Anteil der Wertschöpfung tragen. Wenn wir Arbeit noch mehr belasten, wird es schwierig, neue Dienstleistungen anzubieten. Würden wir Unternehmen stärker besteuern, könnte dies zu Kapitalflucht führen. Also hielte ich es für richtig, digitale Wertschöpfung und die Arbeit von Robotern intelligent zu besteuern – natürlich ohne Fabriken aus dem Land zu vertreiben.

Telekom-Chef Höttges und manche Denker aus dem Silicon Valley meinen, Geld aus einer Maschinensteuer könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren.

Appel Natürlich muss sich der Sozialstaat um die Schwächeren kümmern, aber das bedingungslose Grundeinkommen lehne ich ab.

Warum?

Appel Der entscheidende Grund ist mein Menschenbild als früherer Neurobiologe. Nach meiner Auffassung ist es gegen die Natur des Menschen, ihn zu bezahltem Nichtstun zu verdammen. Der Mensch will Teil einer Gemeinschaft sein, zu der er oder sie beiträgt – und dazu zählt Erwerbsarbeit. Und der Mensch will die Perspektive haben, dass es ihm und seiner Familie besser gehen kann. Das funktioniert nicht, indem man auf ein höheres Grundeinkommen hofft, sondern indem man sich beruflich weiterentwickelt.

Und der zweite Grund?

Appel Mein Verständnis von Fortschritt und meine Vision für das Europa der Zukunft. Wir haben mit der sozialen Marktwirtschaft ein Modell für die Welt geschaffen – die Menschen leben in relativ sicheren Verhältnissen, es gibt fast keine Armut, das Bildungsniveau ist hoch. Nun können wir mit der digitalen Revolution als Standort ganz vorn liegen. Aber wir können die höhere Wertschöpfung zum Teil auch nutzen, um wichtige andere Aufgaben zu bezahlen: Beispielsweise eine bessere Pflege der ja immer länger lebenden Bevölkerung, auch Investitionen in die Umwelt, einen Ausbau des Bildungssystems.

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