Utz Claassen soll Bahn-Chef werden: Intrige gegen Bahn-Chef
VON ALEXANDER VON GERSDORFF - zuletzt aktualisiert: 30.05.2008 - 08:45Berlin (RP). Nach Ex-Gewerkschafter Norbert Hansen will Aufsichtsratschef Werner Müller nun den früheren Energiemanager Utz Claassen für den Vorstand gewinnen. Im Kanzleramt formiert sich Widerstand.
Bei der Deutschen Bahn beginnt vor der für November geplanten Teilprivatisierung das Stühlerücken. So erwägt Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller nach Informationen unserer Zeitung, Utz Claassen ab 2010 an die Spitze der börsennotierten DB-Transportgesellschaft zu holen. Der parteilose Claassen hatte unter anderem die Konzerne EnBW (Strom) und Seat (Auto) geführt.
Für weitere Spitzenpositionen sind Politiker und Beamte aus dem SPD-geführten Verkehrsministerium im Gespräch. In der Union bis hoch zum Kanzleramt formiert sich allerdings Widerstand gegen diese Pläne. Man wolle keinen „sozialdemokratischen Durchmarsch bei der Bahn“, hieß es in Berlin.
Auslöser des Personalgerangels ist die Zweiteilung der Bahn zum 1. Juli im Vorfeld des Börsengangs. Der Konzern wird aufgeteilt in eine Transportgesellschaft, die an die Börse soll (siehe Info), sowie die staatliche Infrastruktur-Holding mit Netz und Bahnhöfen.
Müller hatte bereits Norbert Hansen, bisher Vorsitzender der Bahn-Gewerkschaft Transnet, zum Personalchef der Holding ab 1. Juli erklärt. Abgesprochen hatte sich Müller vorher im SPD-Parteirat, darunter mit Parteichef Kurt Beck sowie den für die Bahn-Aufsicht zuständigen Fachministern Steinbrück (Finanzen) und Tiefensee (Verkehr), nicht aber mit Mehdorn oder dem Kanzleramt.
Neben SPD-Mitglied Hansen bereiten Müller und das SPD-geführte Verkehrsministerium offenbar die Besetzung weiterer Führungspositionen in der Holding mit verdienten Genossen vor. Beste Chancen hat demnach Verkehrs-Staatssekretär Achim Großmann (SPD).
Der 61-jährige Aachener hatte im Ministerium den Börsengang vorbereitet und gilt als exzellenter Bahn-Kenner. Neben ihm soll Thomas Kohl, Abteilungsleiter Bahn im Verkehrsministerium und früherer Verkehrsreferent der SPD-Fraktion, zum Zuge kommen. Zu vergeben ist unter anderem der Vorstandsposten „Wirtschaft und Politik“.
Die Personalpolitik Müllers hat sich derweil bis zu Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) herumgesprochen. Das Kanzleramt ist verärgert über die Alleingänge des früheren Wirtschaftsministers und hält an der Doppelrolle Mehdorns als Chef von Holding und Transporttochter bis zu dessen Ausscheiden Mitte 2011 fest, um Investoren nicht durch Wechselgerüchte zu verunsichern. Wenn Müller weiter ohne Absprache Personalentscheidungen treffe, könne Druck auf die SPD-Minister ausgeübt werden, um ihn im Aufsichtsrat abzulösen, hieß es in Berlin.
Heute wollen Union und SPD im Bundestag der Bahn-Teilprivatisierung zustimmen. Heftige Kritik kam von der FDP. „Das ist weder eine echte Privatisierung, noch hilft es dem Wettbewerb auf der Schiene“, sagte Bahn-Experte Horst Friedrich unserer Zeitung. Verkehrsminister Tiefensee wolle einen geschützten Staatskonzern, an dem sich Private nur ohne Mitspracherecht beteiligen dürfen. Friedrich zweifelt auch an den erhofften fünf bis acht Milliarden Euro Privatisierungserlösen: „Tiefensees großartiges Investitionsprogramm ist eine leere Versprechung.“
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