100.000 beteiligen sich an Ärztestreik: Jede dritte Praxis geschlossen
zuletzt aktualisiert: 04.12.2006 - 16:30Düsseldorf (RPO). Hunderttausende Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und andere Gesundheitsbeschäftigte sind am Montag nicht zur Arbeit erschienen. Wegen des Streiks gegen die Gesundheitsreform blieb jede dritte Praxis im Lande geschlossen. "Kommen Sie morgen wieder" statt "Der Nächste bitte" lautete das Motto.
Aus Protest gegen die Folgen der Gesundheitsreform haben rund 40.000 niedergelassene Ärzte am Montag ihre Praxen geschlossen und ihrer Wut Luft gemacht. Am bundesweiten Aktionstag unter dem Motto "Patient in Not" fiel jede dritte Sprechstunde aus. "Mehr als 100.000 Menschen haben mitgemacht", sagte der Sprecher der Bundesärztekammer, Hans-Jörg Freese. Bei Protestzügen, Kundgebungen und anderen Aktionen beteiligten sich demnach mehrere zehntausende Praxismitarbeiter und Beschäftigte von 300 Krankenhäusern sowie Apotheker.
Das Werbeplakat spricht eine deutliche Sprache: Ein Spiegelei mit eklig-grünem Schimmer hat die Politik ihren Patienten gebrutzelt: "Da ist was faul", behaupten Interessenvertreter der Heilberufe und machen Stimmung gegen den mühsam ausgehandelten Gesundheitskompromiss. "Wir wehren uns gegen eine Reform, die das gesamte Gesundheitssystem auf den Kopf stellt. Alles wird schlechter werden, nichts wird besser. Der Patient wird der Zahlmeister dieser Reform sein", sagte der Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery im N24-Interview.
In Hannover machten 2.000 Mediziner ihrem Unmut mit Pfiffen, Buhrufen und lauten Huptönen aus mitgebrachten Signalhörnern Luft. Auf Transparenten sagten sie "Nein zur Reform" und erklärten die Proteste zum "Sklavenaufstand". Für die niedersächsische Ärztekammer sprach Vizepräsident Gisbert Voigt von einem Rückschritt zur Staatsmedizin der DDR: "Frau Merkel, wagen Sie endlich mehr Demokratie und befreien Sie sich von Ullas Fesseln. Beenden Sie endlich diesen Unsinn", rief er unter dem lauten Beifall.
In Hessen nahmen rund 2.500 Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern an einem landesweiten Aktionstag gegen die Gesundheitsreform teil. Die Demonstranten zogen mit Trillerpfeifen und Transparenten unter anderem mit der Aufschrift "Wir stehen vor dem Gesundheitskollaps" durch die Wiesbadener Innenstadt.
"Die Patienten haben Verständnis für unsere Aktionen"
In Brandenburg hatten etwa 80 Prozent der Praxen geschlossen, um gegen die Regierungspläne zu protestieren. "Längere Wartezeiten, weitere Wege, Rationierung von Gesundheitsleistungen sowie eine Zerschlagung bewährter medizinischer Strukturen sind die Folge", rief der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, Hans-Joachim Helming auf einer Kundgebung in Potsdam.
Die Bereitschaft zum Protest sei im Osten deutlich geringer ausgeprägt als im Westen, sagte der Geschäftsführer des Hartmann-Bundes in Sachsen-Anhalt, Andreas Kaiser. Viele Ärztinnen und Ärzte fürchteten schlicht um ihre Existenz, wenn sie sich an Protesten beteiligen und deshalb Patienten abweisen sollten.
In Nordrhein-Westfalen blieb am Montag jede zweite der rund 14.400 Praxen geschlossen - darunter auch die des Düsseldorfer Allgemeinmediziners Ralph Eisenstein: "Die Patienten haben Verständnis für unsere Aktionen", ist er überzeugt. "Denn sie haben gemerkt, dass es indirekt sie trifft, wenn es uns Ärzten ans Leder geht." Sein Landesverband der niedergelassenen Ärzte befürchtet einen Aderlass im Gesundheitssystem: "Wir schätzen, dass jeder zweite Facharzt in den nächsten zehn Jahren aufgeben muss, wenn wir die Reform nicht verhindern können."
Dennoch müssen kämpferische Ärzte bei ihren zögerlichen Kollegen Überzeugungsarbeit leisten, wenn es um einen Streik geht: "Manche haben Hemmungen, wenn es darum geht, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren." Streikende Ärzte steckten zudem in einer Ethik-Falle: "Wir machen diesen Job, weil wir Menschen helfen wollen. Doch wenn wir die Arbeit niederlegen, müssen wir unsere Patienten vernachlässigen."
"Viele Ärzte haben das Gefühl, das nützt alles nichts"
Genau an dieser unerwünschten Nebenwirkung des Ärzteprotests übt der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VdÄÄ) scharfe Kritik: "Wir lehnen es ab, dass die Patienten zu Geiseln berufsständischer Interessen gemacht werden", sagt Wulf Dietrich, der Vorsitzende des VdÄÄ. In Wirklichkeit richte sich die Kampagne namens "Patient in Not" gar nicht gegen patientenfeindliche Aspekte der Reform. Vielmehr gehe es den Veranstaltern nur um die Einkommen aus der Behandlung von Privatpatienten: "Zweiklassenmedizin ist ihren Augen gewünscht und unvermeidlich."
Unter dem Motto: "Geiz macht krank" trafen sich am Nachmittag mehrere tausend Ärzte und Apotheker in der Erfurter Innenstadt und gaben symbolisch ihre Kittel ab. "Die Kittel stehen für die 12.500 Ärzte, die seit dem Jahr 2000 Deutschland auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen verlassen haben", erklärte das Bündnis der Ärzte Thüringens.
Viele Ärzte seien inzwischen gefrustet und zweifelten am Sinn der Proteste, sagte der Sprecher der Berliner Ärztekammer, Sascha Rudat. Im Laufe des Jahres habe es schon vier nationale Protesttage gegeben und dennoch sei die Kritik der Ärzte bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform in keinster Weise berücksichtigt worden. "Viele Ärzte haben das Gefühl, das nützt alles nichts", sagte Rudat. Dennoch blieb in Berlin am Montag jede zweite der rund 6.000 Arztpraxen geschlossen.
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