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Interview Kasper Rorsted
"Henkel ist wie der FC Bayern"

Kasper Rorsted: "Henkel ist wie der FC Bayern"
Kasper Rorsted sprach mit unserer Redaktion. FOTO: Endermann, Andreas (end)
Düsseldorf. In einem Präsentationslabor des Düsseldorfer Konzerns trifft uns Henkel-Chef Kasper Rorsted. In einer gläsernen Mini-Waschmaschine ist das Säubern eines Tuches zu sehen, an der Wand stehen in einem Regal "Pril", "Somat" und andere Henkel-Produkte. Rorsted spricht über die Firma, Weihnachten, die Flüchtlingskrise und Schulpolitik. Von Antje Höning, Reinhard Kowalewsky und Stefan Weigel

Wo und wie feiert der Chef eines Dax-Konzerns Weihnachten?

Rorsted Mit meiner Familie werde ich Weihnachten in den Bergen verbringen. Unsere vier Kinder kommen nach Hause, mein Vater und meine Schwiegermutter sind dabei. Wir treffen uns zum Skifahren in den Alpen und feiern zusammen traditionell-dänisch Weihnachten.

Was sind dänische Weihnachten?

Rorsted Die Dänen schmücken den Weihnachtsbaum mit einer Kette aus Dannebrogs, der rot-weißen Flagge Dänemarks. Und wie die Deutschen singen auch wir traditionelle Weihnachtslieder.

Wird bei Henkel über Weihnachten gearbeitet?

Rorsted Wie jedes Jahr sollen auch diesmal keine Mails geschrieben werden, wenn es nicht unbedingt sein muss. So lange es nicht um eine wichtige Kundenanfrage geht oder irgendwo brennt, soll kein Mitarbeiter an den Festtagen und zwischen den Jahren Mails bearbeiten müssen. Unsere Produktion läuft weiter, aber eingeschränkt.

Heute wird es in vielen Kirchen auch um die Flüchtlingskrise gehen. Übernimmt sich Deutschland?

Rorsted Als eines der wohlhabendsten und sichersten Länder der Welt haben wir aus meiner Sicht eine Verpflichtung, notleidenden Menschen, die vor Terror und Krieg fliehen, Zuflucht und Unterstützung zu gewähren. Wir müssen aber auch im Blick behalten, dass Deutschland von der Flüchtlingskrise nicht überfordert wird. Ich denke, dass wir die Verteilung, Betreuung sowie die langfristige Eingliederung der Flüchtlinge insgesamt besser organisieren müssen.

Was macht Ihr Heimatland Dänemark besser als Deutschland?

Rorsted Es geht nicht darum, wer etwas besser macht. Wir sollten hier aber starke Anreize schaffen, die Landessprache zu lernen. In Dänemark ist das Pflicht. Sprache ist schließlich der Schlüssel zur Integration in Beruf und Gesellschaft.

Forscher sagen, Flüchtlinge würden Deutschland nutzen, weil sie das demografische Problem lösen könnten.

Rorsted Eine etwas verkürzte Sicht. Das Problem fehlender Chemiker, Ingenieure, Techniker werden wir nicht durch Flüchtlinge lösen können. Das dauert vielleicht eine Generation. Vielmehr müssen wir heute das Bildungswesen in Deutschland verbessern.

Was läuft aus der Sicht eines Dänen falsch in hiesigen Schulen?

Rorsted Ich halte es für einen Fehler, die Schüler schon nach der vierten Klasse zu trennen. Ich selbst hätte es im deutschen Schulsystem schwer gehabt, weil ich mich als Zehnjähriger fast nur für Fußball interessierte. Die skandinavischen Länder haben gute Erfahrung damit gemacht, die Schüler erst nach der achten Klasse zu trennen. Entsprechend gut schneiden die Länder auch beim Pisa-Test ab.

Sie sind ein Fan der Gesamtschule?

Rorsted Ich bin ein Befürworter des gemeinsamen Lernens in guten Schulen. Das heißt auch, dass sich die Klassenstärken ändern müssen. 30 Kinder pro Klasse sind zu viel, Deutschland kann sich kleinere Klassen leisten. Auch die Digitalisierung kommt noch zu langsam in den Klassenzimmern an. Dabei liegt hier die Zukunft für viele Branchen. Und heute nutzt doch jeder Schüler Smartphones und Apps.

Was ist denn Ihre Lieblings-App?

Rosted Als Vielflieger nutze ich sehr viel die Lufthansa-App. Als Fußball-Fan nutze ich auch die Herzrasen-App gerne.

Und, wird Bayern wieder Meister?

Rorsted Ja, als Bayern-Fan gehe ich fest davon aus. Die Mannschaft hat einfach den besten Kader in der Bundesliga. So wie auch Henkel in seiner Liga den besten Kader, also die besten Mitarbeiter, hat.

Was ist mit dem Trainer? Werden Sie gefragt, ob Sie wechseln wollen?

Rorsted Gute Trainer und Spieler werden immer mal angesprochen, ob sie wechseln wollen. Das ist in der Wirtschaft nicht anders als beim Fußball. Es zeigt doch nur, dass jemand seine Arbeit gut macht. Zu den Spekulationen über meine Person will ich nur sagen: Ich bin seit vielen Jahren sehr gerne bei Henkel und habe hier noch einiges vor. Ende nächsten Jahres werden wir unsere Strategie für die Zeit nach 2016 vorstellen.

Sehen Sie sich als echter Henkelaner?

Rorsted Ich bin nun fast elf Jahre bei Henkel, seit rund acht Jahren als Vorstandsvorsitzender - und darauf bin ich stolz. Die Unternehmenskultur und die gute und enge Zusammenarbeit mit den Kollegen in diesen Jahren haben mich schon sehr geprägt, gerade auch weil wir gemeinsam viel bewegen.

Aktuell machen Ihnen die vielen Krisen in der Welt doch einen Strich durch die Rechnung.

Rorsted Wir müssen tatsächlich viele Herausforderungen bewältigen. Aber Henkel ist hervorragend aufgestellt: 2015 wird ein Rekordjahr für unser Unternehmen. Analysten erwarten, dass Umsatz und Gewinn in 2015 um zehn Prozent oder mehr steigen. Die Aktie liegt nahe des Allzeithochs. Und ich erwarte auch 2016 für Henkel noch bessere Zahlen, also ein weiteres Rekordjahr.

In der Klebstoffsparte haben Sie nach einem schwachen zweiten Quartal 1200 Stellen gestrichen - davon 100 in Düsseldorf. Wie verträgt sich das mit einer langfristigen Strategie?

Rorsted Diese Anpassungen sind kein kurzfristiger Aktionismus. Wir hatten uns auf ein höheres Wachstum eingestellt. Nun rechnen wir damit, dass das Wachstum der Wirtschaft in China von rund acht Prozent auf 6,5 Prozent sinkt und in Europa gerade bei 1,5 Prozent bleibt. Und da 90 Prozent der Produktion in der Klebstoffsparte an industrielle Großkunden gehen, müssen wir von einem verhaltenen Auftragswachstum ausgehen. An diese neuen Rahmenbedingungen müssen wir die Organisation schneller als zunächst geplant anpassen.

Die Klebstoffsparte ist Sorgenkind?

Rorsted Nein, mit neuen spezialisierten Angeboten haben wir die Ebit-Marge in den vergangenen Jahren von 9,5 Prozent auf über 17 Prozent fast verdoppelt. Ohne innovative Produkte von uns als Weltmarktführer bei Klebstoffen wären die großen Fortschritte beim Bau leichterer Autos und Flugzeuge sowie bei dünneren Smartphones nicht denkbar. Jetzt bauen wir ein weiteres Forschungszentrum in Shanghai, um weiter zu wachsen.

Haben Sie für die 100 Mitarbeiter in Düsseldorf, deren Stelle wegfällt, eine neue Aufgabe gefunden?

Rorsted Wir sind in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern und einzelnen Mitarbeitern, um angemessene Lösungen zu finden.

Gibt es 2016 neue Sparprogramme?

Rorsted Wir haben seit 2012 die Zahl der Stellen im Unternehmen um rund 3000 erhöht. Die Bedeutung von Düsseldorf als Zentrum des globalen Konzerns ist weiter gestiegen. Aber richtig ist auch: Wir achten weiter streng auf Kostendisziplin, um auch in schwierigeren Zeiten unsere Ziele zu erreichen.

Manche Mitarbeiter klagen über hohen Arbeitsdruck und zu viele Mails.

Rorsted Ich glaube, es gelingt uns insgesamt ganz gut, eine Balance zwischen den ambitionierten Zielen des Unternehmens und den persönlichen Bedürfnissen der Mitarbeiter zu finden. Aber ich gebe zu: Es ist für uns alle manchmal schwer, mit der Informationsflut umzugehen. Um Beschäftigten mehr Flexibilität zu geben, setzten wir auch stärker auf Home-Office-Angebote - nicht die Anwesenheit im Büro zählt, sondern gute Ergebnisse.

Was noch fehlt als Sahnehäubchen, wäre eine neue große Übernahme.

Rorsted Das sagen Sie! Wir sind mit dem Erreichten sehr zufrieden. Im Durchschnitt stieg unser Gewinn pro Aktie seit 2008 jährlich um zwölf Prozent. Anders als viele andere mussten wir 2015 die Prognose nicht zurücknehmen. Nun haben wir jedes Jahr freie Mittel von rund 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung, um weiter zu wachsen.

2012 kündigten Sie an, dass große Firmenkäufe nach dem Schuldenabbau wieder zur Strategie gehören.

Rorsted In den vergangenen zwei Jahren haben wir für über zwei Milliarden Euro Firmen wie den US-Klebstoffspezialisten Bergquist übernommen - wir sind also gut unterwegs. Ein wirklich großer Zukauf macht aber für uns nur dann Sinn, wenn ein wirklich passendes Angebot auf dem Markt ist, das unsere Auswahlkriterien vollständig erfüllt. Und wir sind für weiteres Wachstum nicht auf eine große Akquisition angewiesen - und wir werden keine unangemessenen Risiken eingehen.

Wella ging Ihnen durch die Lappen.

Rorsted Ich bestätige nicht, ob wir interessiert waren. Tatsache ist aber, dass Wella letztlich in einem Gesamtpaket mit anderen Geschäften verkauft wurde, das für uns nicht interessant gewesen wäre. Zudem wurde eine steuerlich vorteilhafte Konstruktion gewählt, die nur für zwei Unternehmen mit US-Sitz möglich war - das hätten wir auch nicht machen können. Insgesamt zeigen die hohen Preise für Firmenverkäufe, dass man Vorsicht walten lassen muss: Wenn eine Firma zum zehn bis 15-fachen des Jahresumsatzes verkauft wird, ist es sehr schwer, den Preis wieder zurückzuverdienen. Unsere Strategie ist dagegen klar: Henkel ist nun 140 Jahre alt - und soll noch mindestens 140 Jahre eine sichere Zukunft haben.

Quelle: RP
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