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Gesundheitsfonds: Kassen werben um chronisch Kranke

VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 05.12.2008 - 06:18

Düsseldorf (RP). Früher warben Krankenkassen um gesunde Mitglieder, nun buhlen sie aggressiv um kranke. Die AOK Niedersachsen animiert Ärzte, ihre Patienten als sehr krank einzustufen. Dann gibt es mehr Geld für die Kasse. Auch die Knappschaft buhlt um Kranke.

Für Diabetiker, Rheuma- oder andere chronisch Kranke erhalten die Kassen mit Einführung des Gesundheitsfonds 2009 mehr Geld. Die AOK Niedersachsen schickt derzeit Mitarbeiter systematisch in Praxen, um mit den Ärzten die Akten von je rund 20 Patienten durchzusehen.

Die Ärzte sollten prüfen, ob sie die Erkrankungen für die Abrechnung richtig codiert haben. Wenn ein Patient mit hohem Zuckerwert dabei zum "Diabetiker mit Komplikationen" umcodiert wird, gibt es mehr Geld für die AOK: pro Patient im Monat 169 Euro zusätzlich aus dem Fonds. Auch für Ärzte lohnt die Mühe. Pro kontrollierter Akte zahlt die AOK ihnen zehn Euro.

Auch Kassen in NRW sind aktiv. "Wir versuchen, unser Optimierungspotenzial zu heben", sagte eine Sprecherin der Knappschaft. Wie, verriet sie nicht. Hintergrund ist die Reform des Finanzausgleichs zwischen den Kassen. Bisher orientierten sich die Ausgleichszahlungen ("Risikostrukturausgleich") an Alter, Geschlecht und Erwerbs-Status der Versicherten. Ab 2009 orientieren sie sich am Gesundheitszustand. Die Knappschaft bekam im alten System viel Geld, da sie viele erwerbsunfähige Bergleute versichert. Jetzt muss sie sehen, dass sie auf andere Art Zuschüsse erhält.

"Manche Kassen machen regelrecht Jagd auf chronisch kranke Patienten", sagte Leonhard Hansen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, unserer Zeitung. Vor allem der "gesunde Kranke" ist für sie interessant. Also der Patient, der zwar chronisch krank ist und hohe Zuschüsse einbringt, tatsächlich aber unterdurchschnittlich Kosten produziert. Hansen kritisiert: Weder Ärzte noch Patienten hätten etwas davon, wenn die Patienten auf dem Papier krank gemacht werden. Nur die Kasse bekomme Geld.

Auch die AOK Rheinland-Hamburg lehnt das Vorgehen ab. Ihr Chef, Wilfried Jacobs, sagte: "Wir zahlen Ärzten nicht mehr Geld für Verwaltungsarbeit, die sie ohnehin tun müssen." Zudem sei es falsch, Patienten kränker zu machen. Das wäre unrechtmäßig und unethisch, meint auch die AOK Niedersachsen. Es gehe aber auch nur darum, Ärzten Hilfe für die richtige Codierung zu geben.

Generell führen die Reformen nicht dazu, dass Patienten besser behandelt werden, meint Hansen. Vor allem Neurologen und Psychiater seien die Verlierer. Zwar bekommen die Kassen auch für Depressions- oder Parkinson-Kranke mehr Geld. "Das sollte auch in die Behandlung dieser Patienten fließen", fordert Hansen.

Quelle: RP

 
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