Interview mit Ärzte-Präsident Hoppe: "Kassenpatient muss mehr leiden"
zuletzt aktualisiert: 16.05.2009 - 11:18Düsseldorf (RP). Ärzte-Präsident Jörg Dietrich Hoppe beklagt die Zwei-Klassen-Medizin. Bei Vorsorge-Terminen müssen viele warten. Manche Kassen versuchten, bei Erleichterungen für Krebskranke zu sparen. Zugleich warnt Hoppe die Ärzte vor neuen Protesten.
Macht es noch Spaß, Arzt zu sein?
Hoppe Patienten zu behandeln und heilen, empfinden die meisten Ärzte als befriedigende Aufgabe. Doch die zunehmenden Vorschriften und wirtschaftlichen Zwänge verderben vielen die Freude an der Arbeit. Immer mehr Ärzte gehen vorzeitig in Ruhestand, die Hälfte von ihnen hat psychische Probleme.
Soll nun der Privatpatient die wirtschaftlichen Probleme lösen?
Hoppe Die Einnahmen aus der Behandlung von Kassenpatienten decken häufig gerade einmal die Kosten einer Arztpraxis. Viele Praxen brauchen Privatpatienten, um zu überleben. Investitionen in moderne Medizintechnik, die übrigens auch den Kassenpatienten zugute kommt, wären ohne Privatversicherte vielfach gar nicht möglich.
Wir haben also eine Zwei-Klassen-Medizin.
Hoppe Wer ernsthaft krank ist, wird gut behandelt – egal ob er Kassen- oder Privatpatient ist. Etwas anderes ist ärztlich ja gar nicht vertretbar. Ungeachtet dessen hat die chronische Unterfinanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung in die Zwei-Klassen-Medizin geführt. Das fängt an beim Komfort. Auch müssen Kassenpatienten bei planbaren Eingriffen oder Vorsorge-Untersuchungen oft länger warten. Es lässt sich auf die Dauer einfach nicht durchhalten, die Patienten kostenfrei zu behandeln. Genau das aber müssen Ärzte tun, wenn ihr Budget erschöpft ist.
Gibt es Unterschiede bei Leistungen?
Hoppe Auch dort gibt es Unterschiede. Kassenpatienten, die an Demenz oder Multiple Sklerose erkrankt sind, werden aus finanziellen Gründen nicht so gut versorgt, wie es sein müsste. Auch bei der Diagnostik wird mehr für Privatpatienten getan. Sie erhalten etwa vielfach schneller einen Termin für die Untersuchung im Magnet-Resonanz-Tomographen.
Und bei Arzneien für Krebskranke?
Hoppe Krebskranke Kassenpatienten werden mit dem Notwendigen versorgt. Aber bei der begleitenden Therapie, etwa der Übelkeit bei Chemotherapien, versuchen manche Kassen, Geld zu sparen. Kassenpatienten müssen dann mehr leiden als nötig.
Nun schlagen Sie eine Zweiteilung der Leistungen vor. Welche sollen die Kassen nicht mehr übernehmen?
Hoppe: Wir sollten uns von der Illusion verabschieden, dass im derzeitigen System jeder Patient stets auf alle Leistungen zugreifen kann. Selbstverständlich wäre das wünschenswert. In Wahrheit reicht das Geld, das die Politik zur Verfügung stellt, für eine wirklich gute Versorgung vorne und hinten nicht mehr aus. Ich plädiere nun für ein geordnetes und transparentes Verfahren, die knappen Mittel gerecht zu verteilen. Dabei muss sichergestellt werden, dass schwere Erkrankungen und wirksame Behandlungsverfahren, auch wenn sie teuer sind, auf der Prioritätenliste ganz oben angesiedelt werden. Dagegen sollte dort eingespart werden, wo sich die Menschen vielleicht sogar am besten selbst helfen können.
Wo genau?
Hoppe Problemen wie dem Übergewicht zum Beispiel lässt sich häufig schon durch eine gesunde Lebensführung zu Leibe rücken. Es müssen nicht immer teure Medikamente sein. Auch für Unfälle bei gefährlichen Sportarten wie Skifahren sollten die Kassen nicht aufkommen müssen.
In dieser Woche wollen Ärzte wieder demonstrieren.
Hoppe Ein solches Instrument verbraucht sich, wenn es zu häufig eingesetzt wird. In den Jahren 2006 und 2007 waren die Demonstrationen sinnvoll, um die Öffentlichkeit auf die Probleme der Patienten und Ärzte aufmerksam zu machen. Sicherlich sind die Proteste auch heute berechtigt, allerdings wissen die Bürger bereits von der politisch gewollten Unterfinanzierung des Systems und den daraus unvermeidlich resultierenden Leistungseinschränkungen. Wir nennen das stille Rationierung.
Manche Ärzte drohen, Kassenpatienten nur gegen Vorkasse zu behandeln.
Hoppe Das ist mit dem Ethos des Arztberufes nicht vereinbar und rückt uns in ein schiefes Licht. Wir sind schließlich nicht Gegner, sondern Anwälte unserer Patienten.
Am Dienstag beginnt der Ärztetag. Was wird er beschließen?
Hoppe Wir werden fordern, dass die nächste Gesundheitsreform nach ärztlichen, ethischen, medizinisch-wissenschaftlichen und sozialen Kriterien gestaltet wird. Warum welche Prioritäten in der Krankenversorgung gesetzt werden, muss transparent und öffentlich nachvollziehbar sein.
Wird es Wahlkampf im Wartezimmer geben?
Hoppe Ärzte sollten sich dann äußern, wenn die Patientenversorgung gefährdet ist oder wenn Patienten durch die Gesundheitspolitik Nachteile erleiden. Eine Wahlempfehlung allgemeiner Art auszusprechen, ist nicht Sache der Ärzte. Parteipolitik hat in den Wartezimmern nichts zu suchen.
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