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Interview mit Klaus Engel
"Meine Heimat ist besser, als der 'Tatort' zeigt"

Essen. Klaus Engel führt den Chemieriesen Evonik, der aus dem früheren Zechenkonzern RAG entstanden ist. An einem heiteren Spätsommertag erzählt er für unsere Reihe "Sommerinterview" über seine Kindheit zwischen Zeche und Bolzplatz, die Fehler der Atomkraft und den Sinn von Parteispenden. Von Antje Höning

Sie haben stets Kurs auf das Ruhrgebiet gehalten und für verschiedene Ruhr-Konzerne gearbeitet. Was bedeutet Ihnen das Revier?

Engel Das Ruhrgebiet ist eine starke Wirtschaftsregion, und für mich ist es Heimat. Ich bin in Duisburg groß geworden, mein Großvater war Bergmann auf der Zeche Westende. Das Büdchen, der Bolzplatz und Hamborn 07 gehörten zum Leben wie die Deputatkohle. Die Zeche lieferte jedem Bergmann Kohle vor das Haus, wir Kinder mussten helfen, sie in die Keller zu schaufeln. Wer sich eine Kohlerutsche leisten konnte, war schon gut dran.

Warum sind Sie nicht selbst Bergmann geworden?

Engel In der Familie galt die Devise: Die Kinder sollen es einmal besser haben. Schon mein Vater war Ingenieur im Stahlwerk. Zunächst sah es aber so aus, als würde ich Lehrer werden für Biologie und Sport.

Sport?

Engel Auch wenn man es sich heute nicht vorstellen kann: Ich brauchte damals 2,42 Minuten für 1000 Meter. Aber meine Leidenschaft war nicht Die Leichtathletik, die galt dem Schwimmen und dem Fußball. Der Dortmund-Spieler Siggi Held war mein großes Idol.

Dann entschieden Sie sich aber doch für die Chemie ...

Engel Wie so oft war es ein Lehrer, der mich für diese Wissenschaft begeistert hat. Ich studierte Chemie, obwohl ich als Schüler schlechte Noten hatte. Mit meinem Abitur-Zeugnis hätte ich heute wohl Schwierigkeiten, zu einem Vorstellungs-Gespräch eingeladen zu werden.

ber der mächtige Veba-Chef Bennigsen-Foerder hat Sie später eingestellt. Alle wichtigen Ruhr-Manager gingen bei ihm in die Lehre. Wie hat er Sie geformt?

Engel Nach dem Studium habe ich zunächst bei den Chemischen Werken Hüls gearbeitet. Gummizeche hießen sie im Volksmund, inzwischen sind sie in Evonik aufgegangen. Dann bekam ich ein Angebot, in die Stabsabteilung der Veba zu wechseln. Das war eine ganz neue Welt: In Hüls hatte ich direkt in der Anlage gearbeitet, bei Veba saß ich den ganzen Tag im Büro. Doch am Ende habe ich da viel gelernt: transparent zu arbeiten, gründlich zu recherchieren und sich rasch eine Meinung zu bilden. Jeden Tag mussten wir politische und wissenschaftliche Fragen analysieren – und das ohne Wikipedia. Binnen 24 Stunden mussten alle Vorgänge bei Bennigsen-Foerder auf dem Schreibtisch liegen. Manchmal bekamen wir die Analysen direkt zurück - mit Anmerkungen wie "Quatsch" und "unlogisch".

Sie teilten das Büro mit Rolf Martin Schmitz, dem heutigen Vizechef von RWE. Und Ihr gemeinsamer Chef war Werner Müller. Was bedeuten Freundschaften im Wirtschaftsleben?

Engel Schmitz musste die energiepolitischen Fragen analysieren, ich die chemischen. Heute sind Evonik und RWE in Essen direkte Nachbarn, wir sehen uns ein, zwei Mal im Jahr. Freundschaften und kurze Drähte helfen, um schnell mal ehrliche Einschätzungen auszutauschen.

Bennigsen-Foerder beschloss auch, dass die umstrittene Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf nicht in Betrieb ging. Wie politisch war Wirtschaft damals?

Engel Energiepolitik war schon immer hochpolitisch. Bennigsen-Foerder hatte das früh erkannt. Er wusste, dass man eine Technologie nicht über Jahrzehnte gegen den Willen der Gesellschaft und mit Polizeigewalt durchsetzen kann.

War es rückblickend betrachte ein Fehler, dass Deutschland überhaupt in die Atomkraft eingestiegen ist?

Engel Im Kalten Krieg gab es eine allgemeine Begeisterung für die Atomkraft. Sie sollte helfen, das Land bei der Energieversorgung unabhängiger zu machen. Dafür ist man in eine Technik eingestiegen, ohne die Frage der Endlagerung gelöst zu haben. Mit Tschernobyl und Fukushima zeigte sich dann obendrein, dass diese Technik nicht vollkommen sicher beherrscht wurde.

Nun steigt man in Deutschland hektisch wieder aus. 2022 geht der letzte Meiler vom Netz. Was halten Sie von der Energiewende?

Engel Wir begrüßen Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Auch Evonik leistet Beiträge zur Energiewende: Wir stellen Vorprodukte für energiesparende Dämm- und Baustoffe her und sind Zulieferer für Windräder. Was die Wirtschaft insgesamt überfordert, ist das Tempo. So hält zum Beispiel der Netzausbau nicht mit dem Ausbau der Erneuerbaren mit. Die Chemie, aber auch andere Branchen brauchen verlässliche und bezahlbare Energie, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Die Energiewende wird auch Thema im Wahlkampf 2017. Evonik unterstützt traditionell die Parteien mit Spenden. Was ist für dieses Jahr geplant?

Engel Wir werden auch in diesem Jahr an alle demokratischen Parteien spenden.

Und für die AfD?

Engel ... werden wir nicht spenden.

Wie viel wollen Sie insgesamt geben?

Engel Wir spenden insgesamt rund 220.000 Euro an SPD, CDU, die Grünen und die FDP.

Sind Parteispenden nicht aus der Zeit gefallen wie Ruhrbarone mit Zigarren?

Engel Nein. Im Gegenteil! Es ist wichtig, dass Unternehmen sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bekennen und demokratische Parteien unterstützen. Diese Spenden müssen transparent ausgewiesen werden. Und über Obergrenzen kann man sich durchaus unterhalten.

Sind Sie eigentlich Mitglied in einer Partei?

Engel Nein. Ich habe zwar früher als Schüler Plakate für Willy Brandt geklebt, aber Parteimitglied war ich nie. Manager in meiner Funktion sollten auch besser parteipolitisch unabhängig sein.

Seit 2008 sind Sie Chef von Evonik. Werner Müller hat den Konzern erfunden, Sie haben ihn umgebaut. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Bilanz?

Engel Umbau ist eine Daueraufgabe um zu bestehen. Dass Evonik sich wandeln kann, haben wir in den vergangenen Jahren gezeigt. Wir haben den Versorger Steag an regionale Stadtwerke verkauft und uns auch von den Immobilien getrennt. Nun sind wir ein reiner Chemiekonzern, wie es sich der Kapitalmarkt gewünscht hat.

Die Aktie steht aber zurzeit mit rund 30 Euro unter ihrem Ausgabekurs von 33 Euro.

Engel Der Börsengang war eine Zangengeburt, und das Umfeld nach der Finanzkrise war auch schwierig. Inzwischen hat Evonik gelernt, sich am Kapitalmarkt zu bewegen.

Vielleicht kann eine große Übernahme neue Anleger locken. 2014 sagten Sie, bei der Konsolidierung der Branche werde Evonik nicht an der Seitenlinie stehen.

Engel ... und mit der Übernahme des Additiv-Geschäfts von AirProducts ist uns jetzt ja auch ein guter Fang geglückt. Wir stärken damit entscheidend unser Geschäft mit Spezial-Additiven und wachsen mit unseren Segmenten Ressourceneffizienz und Nutrition & Care vor allem in Nordamerika.

Und was ist mit Ihrer dritten Sparte Performance Materials? Wollen Sie die verkaufen?

Engel Ein Verkauf ist kein Thema. Das Geschäft ist ja profitabel, wenn auch nicht mit so hohen Margen wie die beiden anderen Segmente.

Durch die Branche rollt gerade eine Fusionswelle. Wollen Sie weiter mitmischen?

Engel Der Wettbewerb nimmt zu, China und andere Länder holen weiter auf. Und die extrem niedrigen Zinsen heizen die Übernahmen zusätzlich an. Ich bekomme immer wieder Analysen, in denen mir Berater diesen oder jenen großen Deal vorschlagen. Doch Größe allein ist kein Ziel. Eine Übernahme nur um der Übernahme willen wird es mit mir nicht geben. Da bleibe ich vorsichtiger Kaufmann.

Im Zuge der Fusion Bayer-Monsanto dürften die Kartellbehörden einige Verkäufe verlangen. Hat Evonik Interesse?

Engel Eher nicht, denn das Agrarchemie-Geschäft spielt für uns fast keine Rolle.

Und wie sieht es mit der Fusion der US-Konzerne Dow und Dupont aus? Die werden aus Kartellgründen das eine oder andere verkaufen müssen.

Engel Da schauen jetzt sicher alle genau hin.

Ihr Vertrag bei Evonik endet 2018. Mit Christian Kullmann, Ihrem Stellvertreter, ist bereits ein Kronprinz gefunden. Wann wird der Stab übergeben?

Engel Meine Arbeit macht mir großen Spaß und wir haben mit Evonik noch einiges vor. Ich habe einen Vertrag bis Ende 2018, und den werde ich gern erfüllen.

Was wird denn eher geschehen: Der von Evonik gesponserte BVB wird deutscher Meister - oder das Ruhrgebiet kommt aus der Krise?

Engel An guten Tagen, wie Dienstag gegen Real Madrid, kann der BVB schon jetzt die Bayern schlagen, und mittelfristig können wir auch wieder Deutscher Meister werden. Und für das Ruhrgebiet wäre schon viel gewonnen, wenn weniger geklagt und mehr angepackt würde. Hier gibt es starke Unternehmen, tüchtige Forschungseinrichtungen, Unikliniken und neuerdings auch mehr Start-ups. Meine Heimat ist besser als der "Tatort" und die Kritiker sie gern darstellen.

Quelle: RP
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