Fehlgeleitete Diskussion: Klon-Fleisch im Supermarkt?
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 23.06.2009 - 17:41Düsseldorf (RPO). Fleisch von geklonten Rindern oder Schafen auf deutschen Tellern? Politiker und Industrie protestieren reflexartig gegen die Pläne, ohne auf die Faktenlage einzugehen. In den USA dürfte die Hysterie nur für Kopfschütteln sorgen: Fleisch von geklonten Rindern gibt es dort im Supermarkt.
Das japanische Hydagyu-Rind hat es im Vergleich zu seinen europäischen Artgenossen aus der Massentierhaltung ziemlich gut. Massagen und Bier sorgen für das Wohlbefinden der wohl exklusivsten Rinderrasse der Welt. Das legendäre Fleisch ist ebenso wie das der Kobe-Rinder hochbegehrt und ziemlich teuer. Um eine gleichbleibend hohe Zuchtqualität zu gewährleisten, müssen ausgewählte Bullen ihr Erbgut zur Verfügung stellen.
Im Fall der Hydagyu-Rinder musste der legendäre Zuchtbulle Yasufuku herhalten. Das Problem: Yasufuku ist bereits vor 13 Jahren verstorben. Also nahmen die Forscher der Kinki-Universität ein paar Hodenzellen des Stammvaters und produzierten nach dem Klon-Verfahren vier Kälber mit genau dem gleichen Erbgut. Sämtliche Eigenschaften teilen die Nachkommen mit ihrem Vorfahren - genetisch gesehen handelt es sich um eineiige Zwillinge. Bei Genmanipulationen hingegen wird die genetische Struktur eines Tieres verändert - genau das wollten die Japaner mit ihrem Verfahren aber verhindern.
In Japan hat man wenig Berührungsängste mit geklonten Rindern, auch wenn die Freigabe für den Nahrungsmittelmarkt noch in der Schwebe ist. In den USA hingegen bekommt man das Fleisch im Supermarkt. Jetzt ist die EU an der Reihe: Die Agrarminister der Union haben nach zähem Ringen die Einführung eines einheitlichen Zulassungsverfahrens für das Fleisch von Nachkommen geklonter Tiere beschlossen.
Klon-Fleisch im engeren Sinne, also Koteletts oder Würste aus Tieren, die eine genetische Kopie eines Artgenossen sind, kommt in der Praxis ohnehin nicht auf den Tisch. Klonen zur Fleischproduktion ist wirtschaftlich unrentabel: "Ein geklontes Tier würde zur Zeit das 50-fache eines nicht geklonten Tieres kosten", sagte Agrarstaatssekretär Gert Lindemann. Selbst in Japan lohnt sich das komplizierte Verfahren nur für qualitativ hochwertigen Rassen, die entsprechende Preise einspielen. Ein Kilo Kobe-Rind kostet in Japan 600 Euro - dafür wird allerdings Top-Qualität erwartet.
Unbedenkliches Fleisch
Lohnend kann dagegen das Klonen eines erfolgreichen Zuchtbullen sein. Dessen auf natürliche Art gezüchtete Nachkommen wurden bislang wie ganz normales Schlachtvieh behandelt. Künftig soll ihr Fleisch nach dem Willen der Landwirtschaftsminister erst verkauft werden dürfen, wenn dies von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) genehmigt wurde.
Die EFSA hat allerdings bereits im vergangenen Jahr erklärt, das Fleisch von geklonten Tieren und deren Nachkommen sei gesundheitlich unbedenklich. Das kümmert die Klon-Gegner wenig. Ein wahrer Sturm der Entrüstung ging durch die Politik. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner entschuldigte sich fast für die Regelung.
Als Übergangslösung brauche man nun wenigstens ein "geregeltes Verfahren, wie diese Lebensmittel in den Markt kommen", erklärte sie. Deshalb habe sie sich für die Einführung eines Zulassungsverfahrens ausgesprochen. Bislang war eine Genehmigung nur für das Fleisch geklonter Tiere erforderlich, nicht aber für ihre auf traditionellem Wege gezüchteten Nachkommen. Klon-Fleisch würde "Tür und Tor" geöffnet, warnte der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling. "Tierquälerei", urteilte Parteikollegin Bärbel Höhn.
Industrie verzichtet
Auch bei der Industrie schrillten sämtliche Alarmglocken: Die Reaktion der Verbraucher ist gefürchtet. "Es gibt kein Klon-Fleisch auf deutschen Tellern - und das bleibt auch einige Jahre so", sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Jürgen Abraham der"Bild" und fügte hinzu: "Wir glauben, dass weder Handel noch Verbraucher diese Ware akzeptieren werden. Wir lassen uns dieses Thema nicht von EU-Bürokraten und Tierzüchtern aufzwingen."
Auch der Vorstand der Steakhaus-Kette Block House, Dirk Block, äußerte sich ablehnend: "Wir werden kein geklontes Rindfleisch anbieten, da die Natürlichkeit unserer Steaks im Vordergrund steht." Die Verbraucherschutzorganisation foodwatch erklärte hingegen, entscheidend sei die Wahlfreiheit der Kunden. "Daher gilt: Es muss eine klare Kennzeichnung geben - wo Klon-Fleisch drin ist, muss auch Klon-Fleisch drauf stehen."
"Die Aufregung ist nicht gerechtfertigt", sagt ein EU-Diplomat. "In den kommenden ein bis zwei Jahren wird Klonfleisch ohnehin nicht auf den Tellern der Verbraucher landen." Das ist zweifelsohne richtig. Bisher ist die Vermarktung von Klonprodukten nur in den USA erlaubt. Und kein einziger US-Konzern hat eine Erlaubnis beantragt, das Fleisch oder die Milch von geklonten Schafen oder Kühen in Europa zu verkaufen.
Also viel Lärm um Nichts? Die Deutschen stehen gentechnisch veränderten Speisen ebenso wie Klon-Fleisch in der großen Mehrheit ablehnend gegenüber - obwohl deren Einsatz in den USA seit Jahren üblich ist. Bei den Nachfahren von geklonten Zuchtbullen dürfte das nicht anders sein - Kennzeichnung hin oder her.
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