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Bahn-Chef Mehdorn zurückgetreten: Koalitionsspitzen ringen um Nachfolger

zuletzt aktualisiert: 30.03.2009 - 21:25

Berlin/Düsseldorf (RPO). Nach dem heutigen Rücktritt von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn will nun die Bundesregierung schnell einen Nachfolger präsentieren: Schon am Dienstagabend beraten die Spitzen der Großen Koalition darüber. Eine Vorentscheidung über die Nachfolge soll laut Kanzleramt noch nicht getroffen worden sein. Doch die Gerüchteküche brodelt. Indes will nach Mehdorns Rücktritt einem Medienbericht zufolge nun auch der Finanzvorstand Diethelm Sack das Unternehmen verlassen.

Nur wenige Stunden nach dem Rücktritt von Bahn-Chef Mehdorn am Montagmittag begann das Ringen um einen Nachfolger. Einem Zeitungsbericht zufolge wollen die Spitzen der Koalitionsparteien bereits am späten Dienstagabend deswegen zusammenkommen. Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, ist für diesen Zeitpunkt ein Treffen im engstem Kreis verabredet, an dem neben Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Vorsitzenden von SPD und CSU, Franz Müntefering und Horst Seehofer, teilnehmen dürften.

Zuvor hatte Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier in Berlin erklärt, noch in der ersten Wochenhälfte werde sich die Regierung deswegen zusammensetzen. Steinmeier sagte, man werde innerhalb der Regierung noch in der ersten Wochenhälfte zu Fragen der Nachfolge der Vorstandsnachfolge zusammenkommen und "hoffentlich eine Lösung finden". Er vermute, dass es von allen Seiten Vorschläge geben werde. Man werde sich kurzfristig zusammensetzen und ebenso kurzfristig eine Lösung finden.

Mögliche Nachfolger bereits im Gespräch

Bislang sei keine Vorentscheidung über die Nachfolge des zurückgetretenen Bahn-Chefs Mehdorn gefallen, hieß es aus dem Kanzleramt. Doch hinter den Kulissen wird seit langem über einen möglichen Nachfolger diskutiert. Im Gespräch soll der Chef des europäischen Flugzeugkonzerns Airbus sein, Thomas Enders. Vor seiner Berufung an die Airbus-Spitze war Enders Vorstandsvorsitzender des europäischen Luftfahrtkonzerns EADS. Der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Enders, kennt die Politik aus eigener Anschauung. So arbeitete Enders unter dem ehemaligem Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) im Planungsstab der Bonner Hardthöhe.

Die CSU brachte bereits einen anderen möglichen Nachfolger ins Spiel. Ex-CSU-Chef Erwin Huber plädierte im "Münchner Merkur" für seinen Parteifreund Otto Wiesheu als Bahnchef. Wiesheu war bis Ende 2005 über mehrere Legislaturperioden Wirtschafts- und Verkehrsminister in Bayern und sitzt nun im Vorstand der Bahn.

Ebenfalls im Gespräch sind bereits seit längerer Zeit Norbert Bensel - der 61-Jährige ist im Vorstand der DB Mobility Logistics AG und leitet das Gütertransportgeschäft bei der Bahn – und auch Nikolaus Breuel, der den Fernverkehr leitet. Weitere mögliche Kandidaten sind: der scheidende Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der frühere Chef des Energieversorgers EnBW Utz Claassen und Andreas Meyer, der derzeit die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) führt.

Nun wird offenbar auch über eine Doppelspitze nachgedacht. Wie die Zeitung "Die Welt" (Dienstagausgabe) unter Berufung auf Bahnkreise berichtet, wird in Politik und im Konzern diskutiert, die bisherige Funktion Hartmut Mehdorns zu teilen. Es werde einen neuen Vorstandschef der Deutschen Bahn geben, der an der Spitze des gesamten Konzerns steht, einen CEO (Chief Executive Officer), der vor allem ein politisches Amt innehabe. Ihm zur Seite stehe ein COO (Chief Operating Officer), also ein Spitzenmanager, der für das operative Geschäft tätig sei. Damit würde der Verbund des Konzerns, auf den die Gewerkschaften bestehen, gewährleistet.

Mehdorns Rücktritt

Mehdorn war am Montagnachmittag bei der Bahn-Pressekonferenz in Berlin zurückgetreten. Der 66-Jährige zog damit die Konsequenzen aus der Datenaffäre. Dennoch stritt Mehdorn bis zuletzt ab, unrechtmäßig gehandelt zu haben. Ein Klima der Vorverurteilung mache es unmöglich, die Vorwürfe sachlich aufzuklären, bemängelte er. Mehdorn sagte am Montag nach der Bilanzpressekonferenz in Berlin, er habe sich nichts vorzuwerfen. Die "zerstörerischen Debatten" über den Skandal um die Ausspähung von Mitarbeitern schadeten aber dem Unternehmen und dem ganzen Land.

Mehdorn stand seit Freitag massiv unter Druck. An diesem Tag hatten die Bahn-Sonderermittler Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin sowie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ihre Ergebnisse zur Datenaffäre vorgelegt. Danach soll die Bahn nicht nur die Daten der Mitarbeiter und Lieferanten massenhaft abgeglichen, sondern auch E-Mails von 70.000 bis 80.000 Mitarbeitern systematisch gefiltert haben.

Erleichterung nach Mehdorns Rücktritt

Desweil zollten Kanzlerin Angela Merkel, Minister von Union und SPD sowie die Gewerkschaften Mehdorn Respekt. Erleichtert zeigten sich dagegen die Opposition im Bundestag und zahlreiche Bahnkritiker.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nahm die Entscheidung Mehdorns "mit großem Respekt" zur Kenntnis. Die Deutsche Bahn sei unter ihm "zu einem modernem Dienstleister geworden". Auch Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte die erfolgreiche Arbeit Mehdorns. 

Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte, der Schritt von Mehdorn verdiene "Respekt". Mehdorn wende damit "öffentlichen Schaden von der Bahn ab". Gleichzeitig hob Pofalla hervor, dass Mehdorn Enormes für die Bahn geleistet habe. Es müsse nun geklärt werden, was bei der Bahn schiefgelaufen sei, betonte Pofalla mit Blick auf die Datenaffäre.

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: "Der Zug von Herrn Mehdorn ist abgefahren - zwar mit reichlich Verspätung, aber das sind wir ja gewohnt bei der Deutschen Bahn." Mehdorn habe mehr und mehr in einer "absolutistischen Manier" regiert und "geglaubt, er könne sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen". Ein guter Unternehmensabschluss rechtfertige nicht "illegale Praktiken" gegen die Mitarbeiter. Roth rügte auch die Bundesregierung. Sie habe mit ihrem "Lavieren und interessengeleiteten Taktieren" ein fatales Signal sowohl in die Mitarbeiterschaft der Bahn auch die Gesellschaft gesendet.

Die Gewerkschaften Transnet und GDBA werteten den Rücktritt als "logische Konsequenz aus der Schnüffelaffäre".

Finanzvorstand will Konzern verlassen

Nach Mehdorns Rücktrittsangebot wolle auch Finanzvorstand Diethelm Sack den Konzern verlassen, berichtete das "Handelsblatt". Es gelte als sicher, dass Sack dem Unternehmen den Rücken kehren werde, habe die Zeitung aus dem Umfeld der Deutschen Bahn und aus Bankenkreisen erfahren. Sack habe seit langem sein berufliches Schicksal mit dem von Mehdorn verbunden und werde deshalb die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Ein Bahn-Sprecher lehnte jeden Kommentar ab.

Dem Blatt zufolge ist es undenkbar, dass der 61-Jährige auch nur für eine Übergangsphase den Konzernvorsitz übernimmt. Sack, der bereits vor der Bahnreform in den Vorstand der alten Bundesbahn berufen worden war, wird seit Jahren als Experte hinter den Kulissen angesehen, der maßgeblich die wirtschaftliche Erfolgsstory des Bahn-Konzerns bis zur Börsenreife im vergangenen Jahr vorangetrieben hat. Der Vertrag von Sack bei der Deutschen Bahn läuft 2013 aus.


 
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