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Lehman brothers ap panorama krise finanzkrise
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Ein Jahr nach dem Lehman-Infarkt: Krise – welche Krise?

VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 13.09.2009 - 00:33

Düsseldorf (RP). Vor bald einem Jahr, am 15. September 2008, ging die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleite. Die globale Finanzwelt stand am Rande des Kollaps. Die folgende Krise ist für viele Menschen bisher seltsam unwirklich geblieben. Dabei hat sie unser Denken längst verändert.

Sauber gescheitelte Männer im Business-Hemd, breite Hosenträger, die Krawatte auf Halbmast, einen Pappkarton voller Schreibtisch-Habseligkeiten vor dem Bauch, verlassen ein Bürogebäude in New York. Die Bilder von der Vertreibung der sündigen Banker aus ihrem Wallstreet-Paradies markierten den Ausgangspunkt dessen, was wir heute als "die Krise" erleben. Krise? Es fiel schwer, das sofort zu begreifen. Von der pleite gegangenen amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers hatten die meisten Deutschen noch nie im Leben gehört, es sei denn jene entsetzten Anleger, die bald entdecken mussten, dass man ihnen Lehman-Zertifikate aufgeschwatzt hatte, angeblich bombensichere Papiere, die jetzt keinen Pfifferling mehr wert waren. Sie, die Lehman-Sparer, waren hierzulande eine Zeit lang die Einzigen, die die Folgen der Krise ganz unmittelbar zu spüren bekamen.

Ansonsten blieb die Krise seltsam unwirklich; für viele ist sie es bis heute. Der Fieberschub der internationalen Finanzindustrie, der auf der anderen Seite des Atlantiks seinen Ausgang genommen hatte, erreichte das deutsche Publikum als Inszenierung wie in einem billigen Katastrophenfilm der 70er Jahre.

Erstmal löschen

Auf das furiose Debüt der Lehman-Pleite folgt zunächst, wie die kurze Stille nach dem Sturm, das sprachlose Entsetzen. Dann hallen panische Hilfeschreie. Die Retter, in den Hauptrollen Notenbankchefs, Präsidenten, Finanzminister und eine Kanzlerin, zögern erst, weigern sich fast, die Tragweite des Ereignisses zu begreifen. Doch dann sind sie schon zur Stelle wie die Feuerwehrleute am Ground Zero und pumpen aus scheinbar unerschöpflichen Hydranten Milliarden-Summen in den Finanzbrand. Erst mal löschen, danach sehen wir weiter. Millionen, Milliarden, Billionen: Am Publikum, das vergeblich versucht, die astronomischen Zahlen mit den eigenen finanziellen Ressourcen zu vergleichen, zieht das Geschehen unbegreiflich vorbei. Popcorn gibt es nicht, aber die selbe tröstliche Geborgenheit wie im Kino: Solange wir zuschauen, kann es so schlimm nicht sein. Gleich geht das Licht wieder an.

Trotzdem, diese Krise ist gefährlich. Denn es ist eine Glaubenskrise. Sie rüttelt an den Grundfesten dessen, worauf unsere westliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung beruht, dem Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des ökonomischen Handelns.

Wo ist die "german angst"?

Ohne dieses Ur-Vertrauen wäre kaum zu erklären, dass wir alle an das Mysterium glauben, wonach man für bunt bedruckte Papierfetzen alles Mögliche kaufen kann: Unser täglich Brot, ein Auto, ein Haus, ja sogar, wenn man es geschickt anstellt, die Anerkennung unserer Mitmenschen oder Sicherheit vor den Fährnissen des Lebens. Ja, nicht einmal Geldscheine brauchen wir, um fest an die Existenz unseres Vermögens zu glauben: Eine dürre Zeile im Kontoauszug genügt, um uns zu beruhigen. An diesem Vertrauen hat die Finanzkrise gekratzt – und zum Glück nur gekratzt, sonst wäre es vielleicht doch noch zu den Szenen gekommen, die man gleich an die Wand gemalt hat. Zu langen Schlangen vor den Banken wie in der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre. Mit den bekannten Folgen: Zusammenbruch. Inflation. Arbeitslosigkeit. Und am Ende noch Schlimmeres.

Das ist uns erst einmal erspart geblieben. Und, das ist gerade für Ausländer die eigentliche Sensation: Ausgerechnet die Deutschen blieben gelassen. Keine Panik, keine Spur von "german angst", Ruhe als erste Bürgerpflicht. Vielleicht, weil sich diese Krise so leicht verdrängen ließ. Der brutale Einbruch der Wirtschaft hatte ja auch ein paar ganz angenehme Nebeneffekte, die in unserem täglichen Leben zunächst so weitaus spürbarer waren als die angekündigte, aber noch längst nicht manifeste Katastrophe. Die Benzinpreise sanken, die Inflationsrate auch, und auf den Straßen war plötzlich freie Fahrt, weil weniger Laster die Aussicht versperrten.

Symptome der Angst

Spurlos ist der Zusammenbruch eines Teils der Bankenwelt, darunter auch einige deutsche Top-Adressen, trotzdem nicht an unserer Psyche vorbei gegangen. Es gibt einem schon zu denken, wenn die Leute im Jahr 2009 wieder Goldmünzen hamstern und in Deutschlands Gartencentern statt nach schicken Bambusstauden plötzlich verstärkt nach Saatkartoffeln gefragt wird. Eine Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft, die Flucht nicht nur in Sachwerte, sondern gleich in Grundnahrungsmittel?

Ein Randphänomen, gewiss. Aber doch ein Symptom für eine Angst, die wenigstens die Jüngeren für längst ausgestorben hielten. Viele kennen die alten Mütterlein, die ihr Erspartes eisern im Sparstrumpf horteten, weil sie Banken für zu unsicher hielten, nur noch vom Hörensagen. Wir Nachgeborenen wurden schon als Kinder beim Weltspartag darauf getrimmt, dass unsere Groschen nicht unter die Matratze gehören, sondern gefälligst Zinsen erarbeiten müssen. An das Politikerversprechen, dass die Rente sicher sei, glaubten im Ernst nur noch die Wenigsten. Aber die sichere Bank, die war sprichwörtlich.

"Sichere Bank" - nicht mehr als ein Bonmot

Dass auch die biedersten Finanzinstitute – schon die Bezeichnung "Institut" zeigt unsere Wertschätzung – zuletzt mit hohen Rendite-Versprechen hausieren gingen, ließ doch nur einen Schluss zu: Satte Gewinne ohne Risiko sind möglich, ja unverzichtbar, in der neuen, schönen, globalisierten Finanzwelt der unendlichen Anlagemöglichkeiten. Wo man per Mausklick seine Mäuse ganz schnell auch auf die Konten einer obskuren isländischen Bank transferieren kann, weil die noch mal ein Prozent mehr bietet. Die "sichere Bank" geht nur noch als Bonmot. Diese ebenso schöne wie offensichtlich trügerische Gewissheit geriet zum Kollateralschaden der Krise.

Und natürlich bekam auch jenes System sein Fett weg, das seit dem Ende des real gescheiterten Sozialismus gemeinhin für den Fortschritt, genauer gesagt die unaufhaltsame, sei sie auch ungleich verteilte Bereicherung der Menschheit stand: der triumphierende Kapitalismus. Einige Zaunzeugen der Krise genossen das Schauspiel sichtlich, weil es in ihren Augen "das System" endlich bloßstellte. Diese Gelegenheit wollte keiner der einschlägig Verdächtigen verpassen, aber auch bisher eher gutbürgerlich verortete Promis nutzten die Gelegenheit zur lautstarken Empörung. In unzähligen Talkrunden wurde die hässliche Fratze des Kapitalismus wieder und wieder gezeichnet: Ein räuberisches System, das die niedrigsten Instinkte weckt, Gier und maßlose Profitsucht belohnt. Prompt meinte ein Drittel der Deutschen, man solle es doch noch einmal mit dem Sozialismus versuchen.

Es geht im Kapitalismus um Kredit

Gerne wird seither auch in Gut und Böse differenziert, stellt man die "Realwirtschaft" und das hochspekulative Finanzrittertum gegenüber wie unversöhnliche Welten. Erstere wird assoziiert mit öligen Maschinen, haufenweise Eisenspänen und ehrlichem Arbeiterschweiß. Zweitere steht für flackernde Bildschirme, virtuelle Geldgeschäfte und flüchtigen Armani-Duft.

Eine absurde Unterscheidung, immerhin ist der Finanzkapitalismus seit beinahe fünf Jahrhunderten integraler Bestandteil des Kapitalismus im Allgemeinen. Aber sie zeigt kurioserweise, dass die marxistische Annahme, wonach die Wirtschaftsordnung vom Kampf zwischen Arbeit und Kapital bewegt wird, eklatant daneben liegt. Es ist vielmehr das Wechselspiel zwischen Gläubigern und Schuldnern, das als Triebkraft der modernen Ökonomie wirkt. So haben wir bei der Debatte über die Krise gelernt, dass der Kredit die Seele fast jedes Betriebs ist, und dass angesichts der Sorge um die Rückzahlung des geliehenen Geldes, Kapital und Arbeit sich nicht bekriegen, sondern auf derselben Seite stehen. Wer hätte das gedacht.

Jungbrunnen für die Politik

Dennoch sind im Katastrophen-Film dieser Krise die guten und die schlechten Rollen genretypisch ebenso klar wie stereotyp verteilt. Die Helden sind Politiker, die Bösen sind Banker, raffgierige Manager und nebenbei eigentlich auch alle auf Pump lebenden Amerikaner. Die einen mussten laut Drehbuch die anderen mal ganz gehörig in die Schranken weisen. Man hat viel von der "Rückkehr des Staates" gesprochen, der die entfesselte Wirtschaft vor sich selbst retten müsse. Dabei war der Staat ja nie weg, ganz im Gegenteil. Es ist schon richtig, die Regierungen haben mit ungewohnter Entschlossenheit gehandelt und der wenigstens vorläufige Erfolg gibt ihnen recht. Allerdings haben sie dabei auch die Folgen ihres eigenen Beitrags zur Krise reparieren müssen. Der Fehler gab es viele, falsche Geldpolitik, hanebüchene Wohnungsbauprogramme und ineffiziente Überwachung des Finanzsektors sind nur die bekanntesten politischen Zutaten der Spekulationsblase. Und zwar nicht nur im fernen Amerika. Aber nach vielen Jahren, in denen sie sich durch arrogante Bosse von oben herab behandelt fühlten, freuten sich viele Politiker fühlbar darüber, mal wieder die Hosen anzuhaben.

Die Krise als Jungbrunnen der Politik: Den lärmenden Krieg gegen die Steuerparadiese, den ein deutscher Finanzminister mit sichtlicher Lust vom Zaun brach, als wäre die Finanzkrise ausgerechnet vom eidgenössischen Bankgeheimnis ausgelöst worden, zeugt davon ebenso wie das Auftreten einer Kanzlerin, die längst als Deutschlands personifizierter Rettungsschirm fungiert. Trotzdem: Auch die Politiker, nicht nur die geschmähten Banker, haben in dieser Krise an Ansehen verloren. Die Zuschauer nehmen eben nicht alles für bare Münze, was sie im Katastrophen-Kino so vorgeführt bekommen.

Und wer zahlt am Ende?

Bleibt die Frage, wer sind in Deutschland eigentlich die Opfer dieser Krise? Natürlich alle geprellten Anleger. Aber auch jene die, wie man es uns nun ja schon seit Jahren predigt, brav auf die Finanzmärkte vertraut haben, um ihre Altersversorgung zu sichern. Ebenso die Menschen, die kurzarbeiten müssen oder schon ihren Job verloren haben, wegen der Krise oder wenigstens unter Berufung auf sie. Denn nicht überall, wo Krise draufsteht, ist auch Krise drin. Die Krise dient auch als Ausrede für ökonomisches Versagen, als Vorwand für Entlassungen, als Argument für Subventionen.

Natürlich wird am Ende irgend jemand die Zeche bezahlen müssen, für all die Milliarden, die Rettungsschirme, Konjunkturpakete und grün angepinselten Abwrackprämien. Das macht uns dann fast alle zu Opfern, jedenfalls, soweit wir dem Steuerstaat tributpflichtig sind. Die Schuldenorgie zur Stützung der Wirtschaft und zur Vermeidung der unmittelbaren Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt hat gigantische Lasten aufgetürmt, die eine unmittelbare Gefahr eines erneuten Aderlasses besonders für die bereits kräftig gemolkenen Mittelschichten bedeuten. Der Staat wird nach finanzieller Entlastung suchen, ja suchen müssen. Solche unbequemen Wahrheiten werden traditionell immer erst nach Wahlterminen ausgesprochen, aber schon jetzt kann jeder, der seine politischen Sinne halbwegs beisammen hat, das Unheil kommen spüren. Ob nun durch Inflation aufgrund der gigantischen, in den Wirtschaftskreislauf injizierten Geldmengen, oder durch einen noch festeren Würgegriff des Fiskus, geschröpft werden wir so oder so.

Am Ende so ratlos wie zuvor

Die Krise wird uns teuer zu stehen kommen, und nicht nur uns, sondern auch noch die kommenden Generationen. Die Ausplünderung der Zukunft durch die Gegenwart, davor hat man auch schon vor her gewarnt. Jetzt ist sie endgültig beschlossene Sache. Die Bekämpfung der Katstrophe heiligt offenbar alle Mittel. Wenn wir wenigstens daran glauben könnten, dass so etwas nie wieder geschieht. Aber das wäre wohl naiv, ebenso naiv wie der Wunsch, die Wirtschaft möge doch bitte fortan ein stabiles, berechenbares System sein. Die nächste Krise kommt bestimmt.

Dabei ist diese Krise, die mit den kartonschleppenden Lehman-Bankern ein Gesicht bekam, noch nicht einmal vorbei. Ja, einige Experten weissagen uns, dass das Schlimmste erst noch bevorsteht. Weil dieselben Experten sich aber auch schon bei der Einschätzung der Lage im Vorfeld des Banken-Desasters bis auf die Knochen blamiert haben, sind wir weiter voller Hoffnung auf ein Happy End. Am Ende gewöhnen wir uns noch an die Krise. Wer weiß.

Quelle: RP

 
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