Management düpiert Arbeitnehmer: Kulturbruch bei ThyssenKrupp
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 30.09.2009 - 07:27Düsseldorf (RP). Die Nordseewerke werden verkauft. Erstmals in der Konzerngeschichte hat das Management einen Beschluss per Doppelstimmrecht im Aufsichtsrat gegen das komplette Arbeitnehmerlager durchgesetzt.
Der Burgfrieden, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer im krisengeschüttelten Mischkonzern ThyssenKrupp geschlossen haben, wackelt schon wieder. Als der Aufsichtsrat der ThyssenKrupp-Tochter Marine Systems in der Nacht zu Dienstag den Verkauf der Emdener Nordseewerke beschloss, kam es nach Informationen unserer Zeitung zu einem Eklat: Olaf Berlien, heiß gehandelter Kandidat für die Nachfolge von Konzernchef Ekkehard Schulz, hat den Verkauf gegen den geschlossenen Widerstand des Arbeitnehmerlagers durchgeboxt.
Um den Verkauf der Nordseewerke zu erzwingen, hat Berlien als Aufsichtsratschef der zuständigen ThyssenKrupp-Tochter Marine Systems von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch gemacht. Das bestätigte gestern ein Aufsichtsrat unserer Zeitung. Auch wenn ein ThyssenKrupp-Sprecher es gestern unter Verweis auf die grundsätzliche Vertraulichkeit von Aufsichtsratssitzungen nicht bestätigen wollte: Das ist das erste Mal in der Geschichte des Konzerns, dass ein Chefaufseher die Interessen der Arbeitgeber mit diesem Notrecht durchsetzen musste. Bislang gehörte es bei ThyssenKrupp stets zum guten Ton, auch schmerzhafte Entscheidungen im Konsens mit den Arbeitnehmern zu beschließen. Beobachter sprechen deshalb von einem Kulturbruch.
ThyssenKrupp steckt in der schwersten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp vor zehn Jahren. Trotz eines radikalen Konzernumbaus und bereits 16 000 gestrichener Jobs droht dem Konzern im aktuellen Geschäftsjahr ein Minus von fast zwei Milliarden Euro. Erst ein Machtwort des Konzernmitbegründers Berthold Beitz konnte im Mai die Eskalation des Konflikts mit den Arbeitnehmern verhindern.
Mit dem Verkauf der Nordseewerke in Emden zieht ThyssenKrupp sich weitgehend aus dem zivilen Schiffbau zurück. Der Verkauf der zivilen Kapazitäten von HDW in Kiel ist zwar vorerst gescheitert, aber nur noch eine Frage der Zeit. Auch der Yachtbau und der Reparaturbetrieb von Blohm + Voss in Hamburg hat die längste Zeit zu ThyssenKrupp gehört. "Auch wenn Blohm + Voss nicht auf der Tagesordnung des Aufsichtsrates stand, sind wir fest überzeugt, dass die Sparte für den zivilen Schiffbau da auch noch verkauft wird", hieß es gestern bei der IG Metall. ThyssenKrupp will sich künftig nur noch auf Kriegsschiffe und U-Boote konzentrieren und diese Militärtechnik in Kiel und Hamburg bündeln.
Der Düsseldorfer Dax-Konzern hatte die über 100 Jahre alten Nordseewerke 1975 von Rheinstahl übernommen und reicht sie jetzt an den Windanlagenbauer Siag Schaaf weiter. Siag übernimmt 700 der knapp 1200 Mitarbeiter und will in Emden künftig Tüme für Windkrafträder auf hoher See bauen. Thyssen will knapp 400 Nordsee-Werker weiterbeschäftigen und die übrigen Stellen sozialverträglich abbauen.
Der Betriebsratsvorsitzende der Nordseewerke, Fritz Niemeier, der seit 46 Jahren in den Emdener Nordseewerken Schiffe baut, ist über den neuen Ton des ThyssenKrupp-Managements entsetzt: "Es gab 25 000 Unterschriften, Einlassungen von Landesvater Christian Wulff, dem niedersächsischen Landtag und der Emdener Kommune – das alles wurde eiskalt ignoriert", sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. "Sowas habe ich noch nicht erlebt."
Der Schiffbau in Deutschland habe immer schon Höhen und Tiefen erlebt. "Aber gerade in schweren Zeiten muss das Management doch zu uns halten. In guten Zeiten braucht man diese Universitäts-Schlaumeier doch nicht." Niemeier würde in Emden gerne für ein Konsortium von Thyssen und Siag Spezialschiffe bauen, die Hochsee-Windräder aufstellen. Und hofft: "Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."
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