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Essay zum Steuerskandal: Lauter Zumwinkels?

VON SVEN GÖSMANN - zuletzt aktualisiert: 16.02.2008 - 22:19

Düsseldorf (RP). Die Affäre um den Post-Chef und Hunderte anderer möglicher Steuerhinterzieher befeuert die Debatte über gierige Manager. Schlimmer noch: Sie könnte unsere Demokratie gefährden.

Klaus Zumwinkel ist Multimillionär. Er hat gemeinsam mit seinem Bruder vor Jahrzehnten die elterliche Warenhaus-Kette verkauft. Als Post-Chef verdient er gut 4,5 Millionen Euro pro Jahr. Trotzdem hat er seinen Job, seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt, um durch Steuerhinterziehung eine Million Euro zu sparen.

Gier? Oder ihre Schwester, die Dummheit? Oder tat Zumwinkel nur, was alle Manager tun, weil ihnen das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen ist?

Schnell sind - ausgerechnet - Politiker dabei, die gesamte Manager-Kaste zu attackieren. In Hamburg ist Wahlkampf. Da macht sich das Lied vom „Wir hier unten - die da oben“ gut. Gewiss gibt es eine ganze Reihe von Negativ-Beispielen. Aber ist das auch die Regel? Wer solche Erklärungen verbreitet, macht es sich zu einfach.

Versuch einer Spurensuche in der deutschen Wirtschaft. Beginnen wir in diesem Winter. Ein Treffen mit Klaus Zumwinkel im Bonner „Post-Tower“. Den Glasbau hat der Chicagoer Stararchitekt Helmut Jahn 2002 für Zumwinkel an den Rhein gesetzt. Er ist keine Firmenzentrale, sondern ein Porto-Palast.

Audienz beim Hausherren. Schon eine Viertelstunde vorher wieseln Adjudanten durch den Raum. „Er kommt gleich.“ Das „er“ klingt, als müsste man es groß schreiben: „ER.“ Auftritt Zumwinkel. Im Schlepptau mehrere Post-Männer. Er doziert, kritische Fragen beantwortet er nicht. Widerspruch kommt in seiner Welt nicht mehr vor. Teil einer professionellen Deformation, der lange amtierende Wirtschaftsführer häufiger erliegen. So einer nimmt sich, was er will, weil er sicher ist, dass es ihm zusteht.

Klaus Zumwinkel ist unter den Bossen der großen Konzerne nicht allein. Das nach ihm immer noch berüchtigste Beispiel ist Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp. Der ritt zwar seinen Weltkonzern fast in die Pleite, erstritt aber Millionenabfindung, Sekretärin und Büro auf Lebenszeit. Derzeit verhandelt er mit seinem Ex-Arbeitgeber, ob Frau Schrempp (seine ehemalige Sekretärin), die er zur bestbezahlten Büroleiterin Deutschlands (200 000 Euro im Jahr) ernannte, nicht noch eine Abfindung zusteht.

Zumwinkel, Schrempp und einigen anderen sind Maß und Mitte verlorengegangen. Die Welt, in der sie leben, veranschaulicht kaum etwas so gut wie die zweite Seite im Fachblatt „Financial Times Deutschland“. Dort werden die aktuellen Wechsel an den Firmenspitzen vermeldet: Manager gehen vom Milchhersteller zum Schraubenfabrikanten, ihre Bonus- und Abfindungszahlungen notiert die Zeitung wie die Wechselbörsen von Fußballprofis. Firmentreue, soziale Verantwortung - solche Begriffe kommen in diesen Artikeln nicht mehr vor.

Ein Teil der Wirtschaft, das macht die Affäre Zumwinkel deutlich, hat sich abgekoppelt von der Wirklichkeit. Diese Fälle, auch wenn es zu viele sind, aber hochzurechnen auf „die deutsche Wirtschaft“, wie es etwa der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick tut, greift zu kurz.

Die Welt der Ökonomie wie unsere Gesellschaft kennt nicht nur die Farben Schwarz oder Weiß, sondern vor allem Grautöne. Sie wird zwar in der Wahrnehmung von einigen wenigen an den Spitzen der großen Dax-Konzerne geprägt. Die Hauptlast der Wirtschaft jedoch trägt der Mittelstand, der solche Negativ-Schlagzeilen selten produziert.

Dass unter den aktuell Verdächtigen auch Mittelständler sein sollen, ändert nichts an dieser positiven Unterstellung. Sie fußt nicht nur auf der weniger starken öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern vor allem auf der Tatsache, dass in kleineren, eigentümergeführten Unternehmen die soziale Marktwirtschaft, die Sozialverpflichtung des Eigentums, nicht nur Lippenbekenntnis, sondern immer noch gelebte Wirtschaftswirklichkeit sind.

Nach Zumwinkel ist es auch höchste Zeit, an einen Manager wie den Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller zu erinnern. Er wechselt aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat und hätte Anspruch auf sieben Millionen Euro Sonderzahlung gehabt. Müller fand das unangebracht, er verzichtete.

Der Düsseldorfer Vermögensforscher Thomas Druyen hat für seine Arbeit Millionäre befragt. Diskrete Unternehmer und Manager, die Millionen spenden, ihre Firmen sozial verantwortlich führen. Der Professor beschreibt eindrucksvoll anonymisierte Fälle der Menschenfreundlichkeit und des Verantwortungsgefühls. Vielleicht ist ein Teil des ganzen Problems die Selbstdarstellung der Wirtschaft:

Nur die bösen Buben fliegen auf, die guten Jungs wirken im Stillen. So prägt ein Abzocker wie Zumwinkel das Bild. In einer Gesellschaft, die zunehmend misstrauisch auf die Zwänge der Globalisierung reagiert, rüttelt sein Fall am Grundvertrauen vieler in die Demokratie. Ausgerechnet die Eliten gefährden die Stabilität unseres Systems mehr als alle Revolutionäre zusammen.

Topmanager wie Zumwinkel gerieren sich längst wie Showstars. Sie posieren für bunte Blätter, treten in Fernsehshows auf und postulieren gern ihre Forderungen an die anderen. Sie verlangen Einschnitte, rufen wie Zumwinkel scheinheilig nach sozialer Gerechtigkeit durch staatliche Eingriffe ins Wirtschaftsleben, betrügen aber selbst die Gesellschaft durch Steuerflucht um Millionenwerte.

Brüche wie bei Zumwinkel zwischen Vorbildfunktion und tatsächlichem Handeln wirken wie Doping auf all jene, die mit einfachen Antworten um Stimmen buhlen. Derzeit ist die „Linke“ dabei am erfolgreichsten.

Was tun? Ein Trost: Der Rechtsstaat greift durch. Steuerhinterzieher Zumwinkel kommt nicht so einfach davon. Er wird geächtet. Ein Anfang: Es gibt den Begriff des ehrbaren Kaufmanns und lebensklugen Mannes. Heute wird er nur noch mit einem Lächeln verwendet. Das sollten wir uns sparen und häufiger diejenigen loben, die so handeln.


 
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