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"Nerv der Zeit getroffen": Lichtdurchlässiger Beton: Welt der Architektur erschüttert

zuletzt aktualisiert: 08.08.2004 - 11:56

Aachen (rpo). Beton ist bislang nicht wirklich was fürs Auge gewesen. Das könnte sich nun ändern - immer dann, wenn die Sonne scheint. Lichtdurchlässiger Beton, das klingt nach einem Paradoxon. Ein Aachener und sein Partner beweisen das Gegenteil und rütteln damit mal gerade eben an an den Grundfesten der Architektur.

"Normalerweise ist Beton hässlich, schwer, grau und eben lichtundurchlässig", sagt Andreas Bittis (37), der mit seinem Partner Áron Losonczi (27) eine buchstäblich helle Idee auf den Markt bringt - und damit derzeit die Welt der Architektur in ihren Grundfesten erschüttert.

Eine 24 Zentimeter dicke Betonwand, die das Licht durchschimmern lässt wie japanisches Reispapier, Beton, durch den Licht scheint, und zwar bis zu einer Dicke von 20 Metern ohne Verlust - damit erschließen sich ganz neue Möglichkeiten in der Architektur. Seit Anfang des Jahres, als der Aachener und der Ungar im Londoner Institute of Royal Architecture eine Schauwand ihres LiTraCon (Light Transmitting Concrete) ausgestellt hatten, stehen Telefon, Fax und E-Mail-Postfach nicht mehr still. 2500 Mails sind bisher eingegangen, Anfragen von den größten und renommiertesten Architekturbüros der Welt.

"Wir haben offensichtlich mehr als nur den Nerv der Zeit getroffen", lacht Bittis, der zurzeit die Gründung einer GmbH in Aachen vorantreibt. Die Interessenten haben klanghafte Namen: "Norman Foster haben wir in London besucht, der hat zwei konkrete Projektanfragen, Herzog/de Meuron aus Basel, die das Olympiastadion für 2008 in Peking bauen, haben eine konkrete Projektanfrage, Skidmore, Owings and Merrill aus Chicago, Jean Nouvel aus Paris, der deutsche Stararchitekt Günther Benisch, ..."

Die Liste wird lang und länger. Dass es sich in fast allen Fällen um Großprojekte mit hohem Prestige handelt, kommt nicht von ungefähr. Denn beim lichtdurchlässigen Beton handelt es sich eben nicht um einen günstigen Baustoff. "Der Kubikmeter Beton kostet etwa 50 Euro. Der Kubikmeter LiTraCon kostet etwa 50 000 Euro", rückt Bittis die Dimension zurecht und raubt dem Eigenheimbauer alle Illusionen. Die Technik, die den Beton durchsichtig und quasi jedermann zu Superman werden lässt, der durch Wände blicken kann, heißt: "Glasfaser!"

"Das ist etwas für Liebhaber oder Prunkbauwerke"

Hunderttausende dieser optischen Fasern, über die auch Telefon, Internet und Fernsehen funktionieren, mit Durchmessern zwischen zwei Millimetern und zwei Mikrometern sind im Betonfertigteil angeordnet. Die Fertigbauteile werden dann nach den konkreten Erfordernissen am jeweiligen Projekt erstellt, deshalb auch die hohen Kosten. Die stellen zugleich sicher, dass die patentierte Technik nicht von großen Herstellern gestohlen wird: "Im traditionellen Bau gibt es für unsere Produkte keinen Markt. Das ist etwas für Liebhaber oder Prunkbauwerke", ist sich Bittis sicher.

Neben der ästhetischen Komponente faszinieren vor allem die Möglichkeiten, die in der Anwendung der optischen Fasern liegen, das Leben der Menschen einfacher und sicherer zu machen: "Man kann mit der entsprechenden Technik, die es heute schon gibt, Gebäude intelligent machen." Mit einer stehenden Lichtschranke im Betonteil und einer passenden Software ließen sich etwa Gebäude in Erdbebengebieten auf Einsturzgefahr überwachen; die Software würde dann Alarm auslösen, wenn Risse einen definierten Wert erreichten.

Möglich scheint alles, wenn Bittis ins Schwärmen gerät, um im nächsten Augenblick von einem Anruf aus dem Ausland unterbrochen zu werden. Nur eines soll der Lichtdurchlässige Beton dann doch nicht, klärt der Architekt auf: "Wir haben das nicht entwickelt, um alles durchsichtig zu machen. Das kann man besser und billiger mit Glas..."

Quelle: afp

 
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