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Kommunen warnen vor Remondis-Deal
Um den Grünen Punkt tobt ein Machtkampf

Machtkampf um den Grünen Punkt
Zwei Verpackungen mit dem "Grünen Punkt" (Archivfoto). FOTO: Oliver Multhaup
Köln. Die Großaktionäre des Dualen Systems wollen ihre Anteile in Kürze verkaufen. Als aussichtsreicher Käufer gilt Remondis. Kommunale Entsorger warnen davor, sie fürchten Konzentration und höhere Preise für Verbraucher. Wir beantworten die wichtigsten Fragen. Von Antje Höning

Jeder kennt den "Grünen Punkt", der auf vielen Verpackungen prangt. Dahinter steckt ein Millionen-Geschäft, um das ein erbitterter Kampf entbrannt ist. Denn das Unternehmen Duales System Deutschland (DSD), dem der "Grüne Punkt" gehört, steht zum Verkauf. Die Finanzinvestoren Bluebay und HIG Capital wollen ihre Anteile von 55 Prozent beziehungsweise 25 Prozent verkaufen.

Laut Branchenkreisen will ausgerechnet der Entsorgungsriese Remondis zuschlagen. Branche und Kartellrechtler sind alarmiert, sie fürchten eine neue Marktmacht, die die Preise diktiert. In Kürze soll die Entscheidung fallen. "Unsere Eigentümer Bluebay und HIG Capital wollen ihre Anteile veräußern", sagt DSD-Chef Michael Wiener unserer Redaktion. "Der Prozess läuft, der Verkauf soll wie angekündigt bis Mitte des Jahres abgeschlossen sein." Zur Frage, ob man mit Remondis verhandele, wollten sich Remondis und DSD nicht äußern.

Was ist der Grüne Punkt?

1990 gründeten Handel und Hersteller das Unternehmen DSD, das sich um die Wiederverwertung von Leichtverpackungen kümmert. Um den Verbrauchern beizubringen, was in die gelbe Tonne gehört, druckte man den Verpackungen den "Grünen Punkt" auf - das an Yin und Yang erinnernde Zeichen mit zwei Pfeilen. Zunächst war DSD Monopolist, 2006 wurde der Markt geöffnet. Heute bieten zehn Unternehmen ein duales Wiederverwertungssystem an, neben DSD auch Firmen wie Belland oder Interseroh. Diese übernehmen die Organisation des Recyclings: Sie beauftragen Entsorger wie städtische Abfallfirmen oder Remondis mit der Abholung der gelben Tonnen und Säcke, der Sortierung des Mülls, der Verwertung der Kunststoffe und Metalle.

Was darf in die gelbe Tonne?

Das Zeichen "Grüner Punkt" ist heute nur noch ein Markenzeichen von DSD. Das heißt: Der Verbraucher soll Verpackungen mit dem "Grünen Punkt" in die gelbe Tonne werfen - aber auch andere Leichtverpackungen wie Joghurt-Becher, Plastiktüten oder Zahnpasta-Tuben ohne das Zeichen. Früher gab es hunderte Sortieranlagen, in denen der Inhalt der gelben Tonne oft per Hand sortiert wurde. Heute liefert das DSD seinen Müll an 35 industriell arbeitende Anlagen.

Wie funktioniert das Geschäft?

Handel und Hersteller bezahlen an DSD oder einen der anderen neun Anbieter eine Gebühr für die Organisation des Recyclings. Allein DSD nahm 2015 rund 400 Millionen Euro an Lizenzgebühren für den "Grünen Punkt" ein. Die Händler geben diese über den Produktpreis an Verbraucher weiter. Jeden Bürger kostet das Recycling – über die üblichen Müllgebühren hinaus – laut Branche rund 13 Euro im Jahr. Für den einzelnen nicht viel, für die Branche ein Milliarden-Geschäft.

Was sagen Kritiker zu Remondis?

Das Unternehmen aus Lünen, das zur Rethmann-Gruppe gehört, ist Marktführer der deutschen Recyclingwirtschaft. Wenn es nun zusätzlich in das duale System einsteigt, kommt es zu weiterer Konzentration, fürchten Kritiker. "Das wird eng", sagen Kartellexperten der Branche. "Wir sehen den Prozess mit Sorge. Der größte deutsche Entsorger würde den größten Betreiber eines dualen Systems erwerben. Damit entstünde ein Unternehmen mit hoher Marktmacht", sagt Katharina Reiche, Chefin des Verbands kommunaler Unternehmen, unserer Redaktion.

"Die mittelständischen und auch kommunalen Entsorgungsunternehmen befürchten steigende Preise zu Lasten der Verbraucher, zum Beispiel höhere Gebühren für das duale System, die auf den Verbraucher abgewälzt werden." Reiche fordert eine scharfe Prüfung: "Es ist am Bundeskartellamt, den Fall mit Sachkenntnis der Branche sehr genau zu überprüfen. Eine weitere Konzentration des Entsorgungsmarktes schadet dem Wettbewerb und damit dem Verbraucher." Eine Zuständigkeit der EU-Kommission sei ebenfalls zu prüfen. Diese ist am Zug, wenn der Umsatz beider Unternehmen mehr als fünf Milliarden Euro beträgt. Remondis setzte 2016 mit 33.000 Mitarbeitern 6,1 Milliarden Euro um.

Beim Kartellamt ist noch keine Anfrage eingegangen. Noch ist man sich wohl auch nicht einig über den Preis. Remondis soll den DSD-Eigentümern 100 Millionen Euro geboten haben, diese würden gerne 130 Millionen sehen, heißt es in der Branche. "Es gibt keinen Zeitdruck - wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir für die beste Lösung brauchen", sagt DSD-Chef Wiener.

 
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