Finanzielles Risiko: Manager ohne Falten
VON SIMONE DURCHHOLZ - zuletzt aktualisiert: 17.12.2006 - 18:09Bonn/Darmstadt (RPO). René Obermann, Achim Kassow, Shai Agassi - junge Führungskräfte schaffen es bei Dax-Unternehmen mittlerweile bis in den Chefsessel. Einer Studie zufolge unterschätzen die Konzerne dabei das finanzielle Risiko, denn der Ausfall eines Topmanagers kostet die Firma Millionenbeträge.
Er ist die Nummer eins an der Spitze von Europas größtem Telekommunikations-Konzern, entscheidet über das Schicksal von rund 245000 Mitarbeitern...und sieht dafür verdammt jung aus. Spätestens seitdem die ersten Gerüchte durch das Unternehmen geisterten, René Obermann wolle die gesamte Führungsspitze der Telekom umbauen, muss sich der neue Vorstandsvorsitzende argwöhnische Blicke auf sein vom Leben noch kaum gezeichnetes Gesicht gefallen lassen. Dabei steht der 43-Jährige als junger Chef bei einem Dax-Unternehmen gar nicht mal alleine da: Die Commerzbank lässt den 40-jährigen Achim Kassow ihr Privatkunden-Geschäft regeln. Das Softwareunternehmen SAP holte im Jahr 2002 sogar den damals 34-jährigen Shai Agassi in seinen Vorstand. Damit sind die Konzerne ein großes finanzielles Risiko eingegangen, wie jüngst eine Studie der Technischen Universität Darmstadt ergab.
„Vor allem junge Topmanager haben Probleme, die Ausgewogenheit zwischen Beruf und Privatleben aufrecht zu erhalten“, erklärt die Darmstädter BWL-Professorin Ruth Stock-Homburg, die gemeinsam mit der Psychologin Eva-Maria Bauer die Leistungsfähigkeit von Führungskräften untersucht hat. „Deshalb ist bei ihnen die Gefahr besonders groß, am Burnout-Syndrom zu erkranken.“ Ein Risiko, das viele Konzerne unterschätzten. Die Kosten beim Ausfall eines Topmanagers liegen Stock-Homburg zufolge im sechs- bis siebenstelligen Bereich.
Das Problem der Senkrechtstarter: Sie haben weniger Erfahrung, mit Stress umzugehen, haben kaum Konflikte durchlebt und gelernt, sie zu lösen. „Jüngere Menschen können unseren Untersuchungen zufolge häufig besser analytisch denken und haben ein leistungsfähigeres Kurzzeitgedächtnis. In Sachen Konfliktfähigkeit sind ihnen die alten Hasen aber meist deutlich überlegen“, berichtet Stock-Homburg.
Hinzu kommt, dass sie sich in der Regel privat noch im Aufbau befinden. „Bei den älteren Kollegen sind die Kinder erwachsen und das Haus ist gebaut. Die Jüngeren kommen nach Hause und müssen noch einmal ihre volle Aufmerksamkeit für die Belange der Familie mobilisieren“, erläutert die Expertin.
Ruth Stock-Homburg weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, sehr schnell Karriere zu machen. Die gebürtige Hessin ist mit 34 Jahren die jüngste BWL-Professorin Deutschlands. Im Jahr 2005 wurde sie unter eintausend Professoren zur viertbesten BWL-Forscherin des Landes gekürt. „Wenn ich Termine in Unternehmen habe, werde ich schon mal verwundert gemustert“, erzählt sie. „Die meisten honorieren aber die Leistung, die hinter so einer Karriere steckt.“ Zwar gebe es auch den ein oder anderen alteingesessenen Unternehmer, der ihr aufgrund ihres Alters weniger zutraue. Solche Menschen würden allerdings erst gar nicht mit ihr in Kontakt treten.
Auch wenn Obermann kein Einzelfall ist, ist seine Berufung doch eine Entscheidung gegen den Trend. „Nachdem Unternehmen in letzter Zeit vor allem junge Führungskräfte eingestellt haben, besinnen sie sich im Moment darauf, die brachliegenden Ressourcen an älteren Mitarbeitern zu nutzen“, berichtet Stock-Homburg.
Das liege zum einen am demografischen Wandel, aber auch daran, dass sie aufgrund ihrer geregelten familiären Situation meist flexibler sind. Hinzu käme, dass junge Manager häufig schon nach einer kurzen Einarbeitungsphase im neuen Job zum Ziel von Headhuntern würden.
Ob sich Volkswagen deshalb entschieden hat, den 59-jährigen Martin Winterkorn zum neuen Vorstandschef zu machen? Eigentlich galt der 46-jährige Wolfgang Bernhard, derzeit Markenchef bei Volkswagen, als geborener Nachfolger für Bernd Pischetsrieder.
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