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Interview mit Commerzbank-Chef Blessing
"Ein Drittel der Bankfilialen wird schließen"

Düsseldorf. Commerzbank-Chef Martin Blessing sprach mit unserer Redaktion über die Zukunft der Branche, den Bund als Aktionär und Griechenland. Von Michael Bröcker und Georg Winters

Martin Blessing ist seit sieben Jahren Commerzbank-Chef. Wir trafen den Spross einer bekannten Banker-Familie (sein Vater war Deutsche-Bank-Vorstand, sein Großvater Bundesbank-Präsident) in Düsseldorf.

Herr Blessing, wenn es bei einem Wettbewerber wie der Deutschen Bank so drunter und drüber geht wie zuletzt - freut das den Konkurrenten?

Blessing Nein. Das wäre völlig fehl am Platz. Erstens haben wir selbst schwierige Zeiten hinter uns, zweitens strahlen solche Entwicklungen auf die gesamte Branche aus. Deutschland braucht starke Banken in der Euro-Zone. Ich wünsche John Cryan alles Gute für seinen Job.

Bei der Deutschen Bank scheint der Druck der Aktionäre den Wechsel befördert zu haben. Ist ein Großaktionär wie der Bund da von Vorteil?

Blessing Der Bund ist zunächst einmal ein Investor wie jeder andere. Er wird über die Strategie informiert, er trifft in der Hauptversammlung Entscheidungen, und er möchte natürlich gern eine Erfolgsbeteiligung . .

. . . die er in den vergangenen Jahren bei Ihnen nicht bekam, weil die Dividende seit 2007 ausgefallen ist.

Blessing Das ist richtig. Für dieses Jahr haben wir wieder eine Ausschüttung geplant, auch wenn man das nach einem halben Jahr natürlich noch mit Vorsicht sagen muss.

Irgendwann will der Bund seine Anteile verkaufen, aber im Moment ist das ein schlechter Zeitpunkt, weil die Aktie seit dem Einstieg verloren hat.

Blessing Eins darf man nicht vergessen: Als der Bund in der Finanzkrise eingestiegen ist, war das Motiv nicht eine attraktive Geldanlage, sondern ein ordnungspolitisches. Wir sind für die Hilfe damals sehr dankbar. Wann die Anteile wieder verkauft werden, ist allein die Entscheidung des Bundes. Denn es ist ja nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, eine Bank zu betreiben.

Zum Thema Schulden: Der griechische Premier Tsipras sagt, bei einem Ausstieg Griechenlands aus dem Euro könnten Italien und Spanien folgen - was halten Sie davon?

Blessing Die Ansteckungsgefahren sind bei weitem nicht mehr so groß wie vor einigen Jahren, aber man kann sie eben auch nicht komplett ausschließen. Insofern trifft Herr Tsipras einen Punkt. Aber er stellt den Kollaps der Euro-Zone nach einem Grexit ja fast als Automatismus hin, und das stimmt natürlich nicht.

In diesen Tagen wird viel über die Bank der Zukunft und die wachsende Digitalisierung in der Branche gesprochen. Brauchen wir in Zukunft überhaupt noch Filialen?

Blessing Im Moment haben wir über alle Bankengruppen hinweg - also Privatbanken, Volksbanken und Sparkassen - noch rund 35.000 Filialen in Deutschland. Davon wird in den nächsten zehn Jahren nach meiner Überzeugung bis zu einem Drittel schließen. Wir haben den Prozess schon weitgehend hinter uns, weil wir unser Niederlassungsnetz in den vergangenen fünf Jahren von mehr als 1500 auf rund 1100 Filialen reduziert haben. Auch wenn es weniger Filialen geben wird, bedeutet diese Entwicklung nicht, dass das Filialmodell in Deutschland stirbt.

Sondern?

Blessing Die Filiale bleibt ein Anlaufpunkt für Menschen, die auf persönliche Beratung nicht verzichten wollen, bei der Geldanlage, der Altersvorsorge oder der Immobilienfinanzierung.

Lohnt sich das Massengeschäft mit Privatkunden eigentlich noch?

Blessing Ja, auf jeden Fall. Wir sind seit Ende 2012 netto um 600.000 Kunden gewachsen und haben im vergangenen Jahr ein operatives Ergebnis von 420 Millionen Euro erzielt. Im kommenden Jahr wollen wir in der Sparte mindestens 500 Millionen Euro vor Steuern verdienen. Hier sind wir hier also auch ökonomisch gut unterwegs.

Das Gespräch führten Michael Bröcker und Georg Winters.

Quelle: RP
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