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#Dieselgate
"VW war, ist und bleibt mein Leben"

Martin Winterkorn: Aufstieg und Fall des VW-Topmanagers
Vorstandschef Martin Winterkorn (l.) und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch formten aus dem VW-Konzern den größten Auto-Hersteller der Welt. Das Erbe der zurückgetretenen Manager ist durch die aktuellen Skandale jedoch getrübt. FOTO: dpa
Wolfsburg. Martin Winterkorn verdiente mehr als jeder andere Manager Deutschlands, gleichzeitig vernichtete VW seit Montag mehr Kapital als jeder andere Konzern hierzulande. Winterkorns Karriere ist untrennbar mit Ferdinand Piëch verbunden. Von Reinhard Kowalewsky

Am Ende hat "der Alte" doch gesiegt. Am 25. April ist Ferdinand Piëch von seinem Posten als Aufsichtsratsvorsitzender von Europas größtem Autobauer VW zurückgetreten, weil es ihm nach einem Streit nicht gelungen war, Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt zu drängen. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", hatte Piëch öffentlich gesagt.

Am Mittwoch um 17 Uhr hat der 78-jährige Österreicher nachträglich seinen Willen bekommen: Wegen der Affäre rund um manipulierte Software muss der zehn Jahre jüngere Winterkorn gehen - die für morgen geplante Vertragsverlängerung hat sich erledigt. Schon vorher war klar gewesen, dass Winterkorn nicht Aufsichtsratschef werden kann. Jetzt kann sich der Vater zweier Söhne in seine bereits für den Ruhestand gekaufte Villa in München zurückziehen - vielleicht lässt man ihm ja sein Ehrenamt als Aufsichtsrat des FC Bayern.

Sechs Kandidaten für die Nachfolge von Martin Winterkorn FOTO: dpa, jst fpt lof

Piëch mit Winterkorn, Piëch gegen Winterkorn - so lässt sich die Geschichte rund um Aufstieg und Fall des Martin Winterkorn zum großen Teil deuten. Fast seine ganze Karriere hatte der Manager dem VW-Patriarchen zu verdanken. Ohne Rückendeckung des Großaktionärs konnte er den jetzigen Sturm des Entsetzens nicht überleben. "VW ist zwar eine Wagenburg im Gegensatz zu anderen Konzernen, und die freien Aktionäre haben nichts zu sagen", sagt ein Aktionärsschützer, "aber jetzt war es ja nur noch so, dass Winterkorn entweder selbst für das US-Desaster verantwortlich war oder trotz seiner extremen Liebe für technische Details die Kontrolle im Konzern schleifen ließ. Beides war unverzeihlich."

Das sah gestern wohl auch Winterkorn so: "Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell. Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei", erklärte er. Er sagte aber auch: "Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben."

Das ist Martin Winterkorn FOTO: dpa, ude arc lof

Tatsächlich verdankt der Sohn einer Arbeiterfamilie dem Unternehmen seinen Aufstieg. Auch seine zweite Ehefrau Anita hat er in der Firma kennengelernt. Urlaub machte er selten. Testfahrten mit VW-Wagen aller zwölf Marken waren seine größte Leidenschaft, legendär im Unternehmen war die extrem detaillierte Begutachtung neuer Wagen, bei der er sogar die Kanten der Türen nachfühlte. "Das ist labberig, wer macht denn so was", lautete einer seiner gefürchteten Kommentare zu einer Schaltung.

Winterkorn studierte Physik, promovierte, war kurz bei Bosch. 1981 machte ihn Piëch zu seinem Assistenten für Qualitätssicherung bei Audi. "Er macht die Innovationen, ich sichere sie ab", erklärte Winterkorn später die jahrzehntelange Arbeitsteilung. Er stieg in Ingolstadt und im VW-Konzern auf, bis er 2002 den Audi-Vorstandsvorsitz übernahm. Audi wurde unter Winterkorn noch mehr zum technischen Antreiber des Konzerns, als Dank übergab ihm sein Förderer Piëch 2007 den Vorsitz im Vorstand, den er selbst von 1993 bis 2002 geleitet hatte, bis er Chef des Aufsichtsrats wurde.

Die großen Skandale der Auto-Industrie

Als Chef ist "Wiko", so das interne, von ihm selbst aber nicht genutzte Kürzel, ein Mann der Superlative geworden. Kein Manager eines Dax-Konzerns verdiente in den vergangenen Jahren soviel Geld wie er mit zuletzt knapp 15 Millionen Euro pro Jahr.

Kein Autokonzern weltweit expandierte so stark wie die Wolfsburger mit zuletzt rund zehn Millionen verkauften Wagen - gerade der sehr hohe Marktanteil in China hat das Wachstum vorangetrieben.

Der weiterhin gerne schwäbisch sprechende Winterkorn gab immer wieder das Ziel aus, im Jahr 2018 sowohl General Motors wie auch Toyota überrunden zu wollen, um weltweit führender Autobauer zu werden. Auf dem Weg dahin sollte insbesondere der Absatz im Problemland USA gesteigert werden.

Und so leistete sich Winterkorn zwei weitere Superlative: Kein Manager der deutschen Wirtschaftsgeschichte hat in nur wenigen Tagen soviel Aktionärsvermögen verspielt - rund 35 Milliarden Euro an Börsenwert hat Volkswagen verloren, seit der Vorstand am Sonntag einräumen ließ, der Betrug in den USA habe tatsächlich stattgefunden. Nur einen kleinen Teil davon haben die VW-Aktien gestern wieder aufgeholt.

Und ausgerechnet der Manager, der selber früher ein Qualitätslabor leitete, verantwortete den dreistesten Umweltbehörden-Betrug eines Autokonzerns in den vergangenen Jahren.

Das drohende Bußgeld von etwa 16 Milliarden Euro in den USA spricht Bände. Ebenso die Tatsache, dass VW am Dienstag einräumen musste, dass neben den 500.000 Wagen in den USA wohl elf Millionen weitere Wagen von Manipulationen betroffen sind. Er selber sagte dazu: "Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren."

Quelle: RP
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