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Abgas-Skandal
Matthias Müller - der Favorit von Ferdinand Piëch wird VW-Chef

Fotos: Müller – Werkzeugmacher, Informatiker, VW-Chef
Fotos: Müller – Werkzeugmacher, Informatiker, VW-Chef FOTO: afp, EJ/agz
Wolfsburg/Stuttgart. Heute wird der VW-Aufsichtsrat Porsche-Chef Matthias Müller wohl befördern. Er gilt als Mann des Klartextes. Der 62-Jährige begann seine Karriere vor 43 Jahren bei Audi – als Auszubildender. Von Reinhard Kowalewsky

Was machte ThyssenKrupp, als der Konzern von Bestechungsaffären und Milliardenverlusten überrollt wurde? Der Siemens-Manager Heinrich Hiesinger wurde 2011 als Aufräumer geholt.

Was machte wiederum Siemens, als Ermittlungen von US-Fahndern den Konzern bedrohten: Aus den USA wurde 2007 Peter Löscher als neuer Vorstandschef abgeworben -ihm gelang es, sich mit den US-Behörden auf Kompromisse zu einigen. Er warf Dutzende Manager raus.

Was macht VW, nachdem in den USA 16 Milliarden Euro an Bußgeld wegen Motorenmanipulationen drohen und weltweit elf Millionen Motoren möglicherweise wegen Softwaretricks überholt werden müssen? Der vor 43 Jahren beim VW-Ableger Audi nach dem Abitur als Lehrling gestartete Matthias Müller wird in seinem 62. Lebensjahr neuer Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Autokonzern.

Die großen Skandale der Auto-Industrie

"VW verzichtet mit Matthias Müller auf echten Neustart"

"Gemessen daran, dass VW mit den manipulierten Motoren einen der größten Wirtschaftsskandale der vegangenen Jahre am Hals hat, wäre die Wahl eines derart lang gedienten Insiders erstaunlich", sagt Jörg Will, Leiter der Kölner Personalberatung IFP, "man scheint sich sicher zu sein, dass Müller der richtige Mann ist." Der Essener Experte für saubere Unternehmensführung ("Compliance"), Heiju Gärtner, sieht das ähnlich: "Mutig, sich diesen Krisenjob anzutun, aber auch mutig von VW, auf einen echten Neustart zu verzichten."

Trotzdem könnte Müller der beste Mann für den Top-Job sein. "Ich bin für nichts zu alt, ich stehe für jedes Amt zur Verfügung", hatte er öffentlich im März verkündet, als er erstmals als künftiger erster Mann in Wolfsburg gehandelt wurde. Das war damals mutig, weil der jetzt zum Rücktritt gedrängte Vorstandschef Martin Winterkorn zwar angezählt, aber noch im Amt war. "Müller hinterlässt bei Porsche eine makellose Bilanz", lobt ihn Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte der Universität Duisburg-Essen. "Er packt an und kommt bei den Leuten gut an", sagt ein Porsche-Betriebsrat.

Das ist Martin Winterkorn FOTO: dpa, ude arc lof

Dabei wählt ein ungewöhnliches Bündnis den sportlichen und häufig braun gebrannten Müller zum neuen Chef über 600.000 Mitarbeiter: Zehn Stimmen im 20-köpfigen Aufsichtsrat haben Arbeitnehmervertreter, zwei Stimmen hat das rot-grün regierte Land Niedersachsen, vier Stimmen hält der Milliardärsclan Porsche-Piëch aus Österreich als wichtigster Aktionär.

Gut für Müller: Der nicht mehr im Aufsichtsrat vertretene Ex-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch scheint laut mehreren Quellen seine Wahl zu stützen, nachdem er schon lange Winterkorn loswerden wollte. "Ein VW-Chef muss so wie Piech und Winterkorn ein enthusiastischer Automann sein", heißt es im Umfeld des Aufsichtsrates, "aber er muss auch in der jetzigen Krise gut nach außen auftreten können."

Das alles kann Müller ohne Zweifel. Er gilt als besonnener Macher, der aber auch Klartext reden kann. Er gilt als uneitel und unprätentiös - als er als Chef der kleinen Firma Porsche gleichzeitig in den mächtigen Vorstand von VW als Mutterkonzern kam, sagte er nur: "Das darf man nicht überbewerten. Wir sind nur ein kleiner Fisch."

Gleichzeitig kann er sowohl bei der Technik als auch in der Politik mitreden: Nach der Werkzeugmacher-Lehre absolvierte er ein Informatikstudium in München, ging erneut zu Audi, arbeitete lange im Umfeld von Martin Winterkorn, kümmerte sich um Autoentwicklung, bis er 2007 in dessen Gefolge VW-Generalbevollmächtigter wurde. Und nachdem VW Porsche übernommen hatte, ging Müller 2010 als Vorstandschef zum Stuttgarter Sportwagenhersteller und setzte dort eine höhere Eigenfertigung durch als unter dem früheren Vorstandschef Wendelin Wiedeking: "Heute wollen wir das Kerngeschäft selbst beherrschen. Wir müssen unsere Produkte pflegen, neue Technologien entwickeln und den Stau auflösen, den der frühere Vorstand hinterlassen hat."

Mit dieser Strategie kommt er natürlich bestens bei den um ihre Jobs besorgten Arbeitnehmern an, ebenso mit seinen äußerst klaren Aussagen zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion in Deutschland.

Als ein Porsche-Lehrling eine rechtsradikale Äußerung im Internet öffentlich machte, verlor er direkt seinen Job. Müller bezog Anfang September als einer der ersten Top-Manager Deutschlands klar Stellung gegen jede Form von Ausländerhass im Zusammenhang mit der aktuellen Einwandererwelle: "Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen und Haltung zeigen", hatte er in der "Süddeutschen Zeitung" gefordert.

Er sei selber Flüchtlingskind gewesen, sein Vater verließ als Rennleiter beim Autohersteller DKW Chemnitz in den 50er Jahren die damalige DDR und zog wegen der kommunistischen Unterdrückung mit der Familie nach Bayern. Müller: "Kein Mensch gibt doch freiwillig und leichten Herzens seine Heimat auf. Ich wünsche jedem Menschen auf der Welt, dass er einmal am Tag warm essen und ruhig schlafen kann."

Wird Müller ein Übergangschef sein, oder wird er den Konzern langfristig führen? Für eine lange Amtszeit spricht die hohe Wendigkeit von Müller. Kurz nachdem er bei Porsche gestartet war, erklärte der Betriebsrat: "Er ist ein Porscheaner." Er selber erklärte im Frühjahr, äußerst fit zu sein - das spricht für eine lange Amtszeit des Winterkorn-Nachfolgers.

Quelle: RP
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