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Telekom und VW: Neue deutsche Härte

VON THOMAS WELS - zuletzt aktualisiert: 14.11.2006 - 20:17

Düsseldorf (RP). Kai-Uwe Ricke und Bernd Pischetsrieder wurden quasi über Nacht entmachtet. Eine Folge des Endes der Deutschland AG: Wer zu lange fackelt, fliegt. Die Investoren wollen Entscheidungen sehen.

Selten hat der Sturm derart heftig geblasen in den deutschen Chefetagen wie dieser Tage. Innerhalb von einer Woche sind die Vorstandsvorsitzenden zwei der wichtigsten deutschen Unternehmen entmachtet worden. Zufall oder Zeichen einer neuen Kultur der Härte im Oberhaus der deutschen Wirtschaft?

Wenn auch die Probleme bei Volkswagen mit denen der Deutschen Telekom kaum zu vergleichen sind, haben die Rauswürfe von Bernd Pischetsrieder und Kai-Uwe Ricke mehrere Gemeinsamkeiten. Zum ersten ist da der schon fast putschartige Sturz beider. Pischetsrieder muss gehen, obwohl ihn der Aufsichtsrat erst im Mai mit einem Vertrag bis 2012 ausgestattet hat. Und Ricke, bei dem zwar schon seit Wochen immer wieder über den Rauswurf spekuliert wurde, gab einem Magazin für Montag noch ein Interview über seine Strategie der Zukunft. Übers Wochenende war das Gespräch Vergangenheit. Zu weich für den Job

Der zweite Punkt, der beiden Ehemaligen gemeinsam ist: Beide wurden offenbar für zu weich für ihre Jobs gehalten. Zu zögerliche Entscheidungen gegenüber den Arbeitnehmern vertretern oder Wankelmut bei der strategischen Umsteuerung, lauteten die Vorwürfe. Allerdings: Im Falle Pischetsrieder spielte der Bruch mit dem Aufsichtsratvorsitzenden und Großaktionär des VW-Konzerns Ferdinand Piech auch eine maßgebliche Rolle.

Dennoch ist offensichtlich: Es ist zugig geworden hoch oben in den Bürotürmen. „Insgesamt werden die Manager heute deutlich schneller ausgewechselt als früher“, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Den Managern bleibe keine Zeit mehr sich auszuprobieren oder ein Jahr für die Analyse des Unternehmens verstreichen zu lassen. „Das machen die Kapitalmärkte heute nicht mehr mit.“

Überall in den 30 größten Unternehmen des Deutschen Aktienindexes (DAX) sind inzwischen Ausländer mit ihrem Geld engagiert. Diese Investoren wie die amerikanische Blackstone-Gruppe bei der Telekom steigen in die Unternehmen ein, um eine ordentliche Rendite einzustreichen, um möglichst nach drei, vier Jahren das Paket gewinnbringend verkaufen zu können. „Die Chefs dieser Fonds drücken ein Denken in die Chefetagen, das sich an der Wertsteigerung orientiert“, sagt Kurz. Und das verlangt vor allem eines: Entscheidungen. Wer lange fackelt, muss weg. „Der Druck aufs Management ist enorm gestiegen.“ Das dürfte auch Folgen für die Vertragslaufzeiten haben. DaimlerChrysler hat jüngst als eines der ersten deutschen Unternehmen die Laufzeit der Verträge bei Wiederbestellung auf drei Jahre begrenzt. Bislang sind fünf Jahre üblich.

Mit den Investoren aus dem amerikanischen und angelsächsischen Raum, die seit Jahrzehnten eine ganz andere Aktionärskultur pflegen als man sie hier zu Lande kennt, zieht eine neue Härte ein. Und eine neue Macht: Der Pensionsfonds Calpers etwa, der die Pensionen der Lehrer in Kalifornien abzusichern hat, verwaltet rund 190 Milliarden Dollar und ist in börsennotierten Unternehmen engagiert, auch in Deutschland. Die Manager solcher Fonds haben gewiss ein selbstbewusstes Auftreten. Vieles zum Vorteil geändert

Mit dem Einzug der Ausländer, vor allem aber mit dem Abzug der deutschen Unternehmen aus dem verflochtenen Netzwerk des gegenseitigen Anteilsbesitzes ist das Ende der Deutschland AG besiegelt. „Die Zeiten, in denen ein Vorstandsvorsitzender bei seinen Anteilseignern Deutsche Bank oder Allianz anrufen konnte mit der Bitte, die eine oder andere Scharte auszubügeln, sind endgültig vorbei“, sagt Kurz.

Politisch war das gewollt: Die Rot-Grüne Bundesregierung hat ein Gesetz erlassen, das es den deutschen Konzernen erlaubte, ihren Anteilsbesitz steuerfrei zu verkaufen. Satte Gewinne waren die Folge, aber auch die Entflechtung. „Es hat sich viel zum Vorteil geändert in den letzten Jahren“, befand Bundesfinanzminister Peer Steinbrück jüngst. Und fügte hinzu: „Die Deutschland AG gibt’s nicht mehr.“ Das hat auch Kai-Uwe Ricke, der Chef der Telekom zu spüren bekommen. Der Bund ist schließlich der größte Telekom-Aktionär.


 
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