Skandale werden teuer: Neue Härte gegen Topmanager
VON REINHARD KOWALEWSKY - zuletzt aktualisiert: 07.12.2009 - 18:37(RP). Zuerst die Bahn, dann der Lastwagenbauer MAN, nun Siemens, künftig wohl Telekom: Spitzenkräfte müssen immer häufiger harte Konsequenzen befürchten, wenn sie Unregelmäßigkeiten nicht konsequent bekämpften.
Fünf Millionen Euro überweist Heinrich von Pierer, einstiger Vorzeigemanager, an den viele Jahre von ihm geleiteten Siemens-Konzern. Der Grund sind keineswegs eigene strafbare Handlungen. "Ich bin zwar politisch verantwortlich", bekennt sich der 68-jährige, aber er sei persönlich unschuldig. Das Geld zahle er, um weiteren Streit mit Siemens zu vermeiden.
Der Fall von Pierer zeigt, dass die Unternehmenschefs immer härter für tatsächliches oder vermeintliches Führungsversagen zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht mehr nur schlechte Zahlen, eine falsche Strategie oder persönliche Vergehen sind Rücktrittsgrund.
Nein, auch die nachlässige Kontrolle von Mitarbeitern und damit das indirekte Begünstigen von Fehlverhalten können den Job kosten und/oder am Ende hohe Geldforderungen nach sich ziehen. Von Pierer selbst hatte niemanden bestochen. Aber er hatte anscheinend zu wenig nachgehakt, ob auch alle Konzernteile wirklich sauber arbeiten – am Ende gingen dem Konzern 1,4 Milliarden Euro wegen Bestechung und Korruption verloren.
"Pflichtprogramm für Manager"
"Korrektes Einhalten von Recht und Gesetz ist unter dem Schlagwort Compliance zum Pflichtprogramm des Managements geworden", warnt Julius Reiter, Partner der Kanzlei Baum-Reiter in Düsseldorf-Benrath, "wer die Organisation nicht konsequent auf Gesetzestreue ausrichtet, gefährdet seinen Job und die private Kasse."
Die neue Sauberkeit bringt einen Manager nach dem nächsten in Bedrängnis. Hartmut Mehdorn ließ als Bahnchef geschehen, dass Mitarbeiter bespitzelt wurden – Rücktritt. Beim Lkw-Hersteller MAN aus München mussten binnen Wochen zuerst der Vorstandsvorsitzende Hakan Samuelsson und dann zwei weitere Vorstände gehen – sie ließen Bestechungszahlungen von womöglich mehr als 100 Millonen Euro zu.
Tatsächlich wird bei der neuen Sauberkeit aber nicht immer nach den gleichen Maßstäben gemessen. Gerhard Cromme zwang bei Siemens zuerst von Pierer zum Rücktritt (und wurde Nachfolger), setzte die hohen Zahlungen durch und drängte auch von Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld mit schwachen Argumenten aus dem Amt. Weil die US-Aufsichtsbehörde SEC Kleinfeld verdächtigen könnte, an Korruption beteiligt gewesen zu sein, zögerte Cromme mit der Vertragsverlängerung so lange, bis Kleinfeld hinschmiss.
Betriebsräten wurde Besuch bei Prostituierten bezahlt
Bei seinem Hauptjob als Oberaufseher bei Thyssenkrupp konnte er es andererseits nicht verhindern, dass sich die Aufzugsparte an einem illegalen Kartell beteiligte. MAN-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch drängte drei Vorstände zum Rücktritt. Doch als Chef von VW hatte er selbst nicht verhindert, dass Betriebsräten der Besuch bei Prostituierten bezahlt worden war. Er ist trotzdem VW-Aufsichtsratschef.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – nach diesem Motto müssen sich alle Chefs richten. Dies zeigt sich auch bei der Bewältigung der sogenannten "Telekom-Affäre." Egal, ob Ex-Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und der frühere Oberaufseher Klaus Zumwinkel wirklich vor Gericht kommen, weil sie nach Vermutung der Staatsanwälte illegale Spitzeleien in Auftrag gaben – Schadenersatz in Höhe von rund einer Million Euro wird das Unternehmen fast sicher von ihnen fordern. Die Manager hatten den Sicherheitsdienst gebeten, herauszufinden, wer im Konzern vertrauliche Infos an Journalisten weitergab.
Da sie dabei illegale Aktionen zumindestens nicht verhinderten, werden sie wohl zumindest zivilrechtlich belangt. "Uns entstand durch die Affäre riesiger Schaden", sagt ein Telekom-Vorstand, "das kann man nicht auf sich beruhen lassen."
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