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Niederlande planen neues Akw
NRW ist von Atommeilern umgeben

Hintergrund: Die NRW-Atomanlagen
Hintergrund: Die NRW-Atomanlagen FOTO: dapd
Düsseldorf. Im niederländischen Borssele soll ein neues AKW gebaut werden. Von einem Atomunfall könnte NRW massiv betroffen sein. Auch in Belgien und Frankreich werden Atommeiler betrieben. Kernkraftgegner aus NRW protestieren gegen die Anlagen. Von Gerhard Voogt

Udo Buchholz ist der energiepolitische Sprecher des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz. Gestern Nachmittag fuhr der Aktivist aus Gronau mit dem Rad in den niederländischen Nachbarort Overdinkel.

Buchholz gibt einen braunen Umschlag mit mehr als 2000 Unterschriften gegen den Bau des AKW Borssele II per Einschreiben bei der Post in Holland ab. "Ich will sicher sein, dass das Paket rechtzeitig ankommt", sagt der 48-Jährige. "Die Frist für den Einspruch läuft am Donnerstag ab."

Bürger in NRW können im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung bis zum 12. Januar Bedenken gegen den Neubau des Nuklearmeilers in der niederländischen Provinz Zeeland anmelden. Das EU-Recht macht die Beteiligung möglich.

Räumliche Nähe zu NRW

Auch der Kreis Kleve hatte Einspruch erhoben. Die möglichen Gefahren für Mensch und Umwelt seien im Fall eines Reaktorunfalls zu hoch, heißt es in einem Schreiben der Kreisverwaltung an das niederländische "Bureau Energieprojecten", das unserer Redaktion vorliegt.

Die räumliche Nähe des Standorts Borssele zur nordrhein-westfälischen Landesgrenze löst auch bei der rot-grünen Landesregierung Besorgnis aus. "Nach den schweren Reaktorunfällen in Tschernobyl und Fukushima gehört die Energiewende in ganz Europa auf die Tagesordnung", sagt NRW-Wirtschafts- und Energieminister Harry K. Voigtsberger (SPD).

Unfälle dieser Größenordnung zeigten, dass die atomare Strahlung nicht an Landesgrenzen haltmache. "Ein Störfall würde mit der häufig vorkommenden Westwindlage in kürzester Zeit den Fallout auch zu uns bringen", warnt Monika Düker, Landesvorsitzende der Grünen in NRW.

Gefahr geht auch von anderen Anlagen aus

Der Standort der geplanten Anlage direkt am Meer in einem dicht genutzten Flugkorridor stelle ein erhöhtes Risiko dar. "Auch die Touristenregion Zeeland, wo viele Menschen aus dem Rheinland gerne mal am Wochenende ausspannen, wird durch den Bau eines Atomkraftwerks in direkter Nachbarschaft der Ferienorte sicher für viele Urlauber an Attraktivität verlieren", ist sich die Grünen-Chefin sicher.

In den Niederlanden könne der Bau jetzt noch verhindert werden. "Zum Teil erhebliche Risiken gehen aber auch von den anderen Atomkraftwerken aus, von denen NRW in den Nachbarländern umzingelt ist", beklagt Düker.

Neben den Anlagen in Bayern und Niedersachsen bereiten den Atomkraftgegnern vor allem die Meiler in Belgien und in Frankreich Sorge, die mitunter weniger als 250 Kilometer von der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf entfernt liegen.

Nur 80 Kilometer westlich von Aachen befindet sich das AKW im belgischen Tihange. Die Anlage ging 1975 ans Netz und geriet bereits durch Störfälle in die Schlagzeilen. 2002 wurde ein gefährlicher Druckabfall gemessen, mehrere Sicherheitsventile mussten geöffnet werden. Im Jahr 2010 ereignete sich erneut eine Panne: 600 Liter Säure liefen in die Maas aus und verseuchten den Fluss.

Cattenom nicht erdbebensicher

Auch das französische Atomkraftwerk Cattenom gilt als gefährlich. Die Anlage, die an der Mosel liegt (zwölf Kilometer von der saarländischen Grenze entfernt), besteht aus vier Druckwasserreaktoren. Experten bemängeln, dass das Kraftwerk nicht erdbebensicher sei.

Der Betreiber garantiert die Sicherheit für ein Beben der Stufe 5,4 auf der Richterskala. Seismologen halten es jedoch für möglich, dass sich in der Region stärkere Erdstöße ereignen könnten. In Cattenom kommt es regelmäßig zu "meldepflichtigen Ereignissen". So musste 2004 ein Block nach einem Kabelbrand heruntergefahren werden.

Außer in den Niederlanden gibt es auch im Nachbarland Polen Planungen für die Errichtung eines neuen Atomkraftwerks. Nach Medienberichten will die polnische Regierung den in den 90er Jahren gestoppten Bau einer Atomanlage in Narnowiec (in der Nähe von Danzig) vollenden.

(RP/csr)
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