Deutschland-Report: OECD erwartet fünf Millionen Arbeitslose
zuletzt aktualisiert: 31.03.2009 - 15:51Düsseldorf (RP). Die übliche Frühjahrsbelebung auf dem deutschen Arbeitsmarkt bleibt aus. Im März stieg die Zahl der Menschen ohne Job auf um 34.000 auf 3,586 Millionen. Die OECD rechnet für das kommende Jahr gar mit fünf Millionen Arbeitslosen.
Die Organisation vertritt die 30 reichsten Nationen der Welt. Die tiefe Rezession trifft auch diese Länder hart. Die Organisation rechnet mit einem durchschnittlichen Wirtschaftseinbruch von 4,3 Prozent. Das sei die tiefste, weltumspannende Rezession seit mehr als 50 Jahren, sagt der Chefökonom der OECD, der Deutsch-Chilenen Klaus Schmidt-Hebbel.
Wo stehen wir in der Krise?Schmidt-Hebbel Das erste Quartal 2009 war in Deutschland noch einmal deutlich schlechter als das letzte Quartal 2008. Bis Ende 2009 erwarten wir, dass die Wirtschaft noch weilter schrumpft, aber nicht mehr so stark. 2010 erleben wir wahrscheinlich ein leichtes Wachstum, wir rechnen dann mit 0,2 Prozent.
Wie tief wird der Einbruch in diesem Jahr?
Schmidt-Hebbel Deutschlands Wirtschaftsleistung wird dieses Jahr um real 5,3 Prozent zurückgehen.
Wie viele Arbeitslose erwarten Sie?
Schmidt-Hebbel Für dieses Jahr rechnen wir mit 3,9 Millionen Arbeitslosen. Im kommenden Jahr dürfte die Schwelle von fünf Millionen überschritten werden. Das entspricht einer nach internationalem Standard gemessenen Arbeitslosenquote von 11,6 Prozent 2010. Erst 2011 dürfte die Arbeitslosigkeit dann wieder sinken.
Muss Deutschland in der Krisenbekämpfung mehr tun?
Schmidt-Hebbel Wir haben alle Konjunkturpakete und die Intensität des Wirtschaftseinbruchs in den 30 OECD-Mitgliedsländern untersucht und wir empfehlen den Ländern, in denen es noch Spielraum dafür gibt, über einen weiteren Impuls nachzudenken. Von den G7-Ländern wären das Kanada und Deutschland.
Also ein drittes Konjunkturpaket?
Schmidt-Hebbel Wir empfehlen der Bundesregierung darüber nachzudenken, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Das muss nicht unbedingt ein neues Konjunkturpaket in großem Umfang sein, sondern Maßnahmen, die schnell wirken und zeitlich begrenzt sind.
Welche meinen Sie konkret?
Schmidt-Hebbel Wir haben schon in einem früheren Bericht Maßnahmen identifiziert, die nicht nur für die Konjunktur, sondern auch für das langfristige Wachstum gut sind. Dazu gehören Investitionsprogramme und Steuersenkungen für Geringverdiener. Wenn nun die Arbeitslosigkeit stark ansteigt, sollte aktive Arbeitsmarktpolitik mit Qualifizierungsprogrammen und Hilfe zur Jobsuche ein Schwerpunkt sein. Wir müssen verhindern, dass sich die Arbeitslosigkeit festsetzt und in Langzeitarbeitslosigkeit übergeht.
Sehen Sie noch Spielräume für Steuersenkungen?
Schmidt-Hebbel Steuersenkungen sind differenziert zu sehen. Generell ist die Effektivität nicht sehr groß, wenn es um die Belebung der Konjunktur geht. Jeder Euro, der jetzt für Investitionen ausgegeben wird, erhöht die Wirtschaftsleistung um etwa den gleichen Betrag. Jeder Euro, mit dem Steuern gesenkt werden, erhöht das Bruttoinlandsprodukt dagegen nur um 20 bis 40 Cent. Was helfen kann, sind Steuersenkungen für Geringverdiener. Das ist effektiv.
Die USA pumpt massiv neues Geld in die Märkte. Erleben wir nach der Krise eine drastische Inflation?
Schmidt-Hebbel Die Inflationsgefahr wäre nur dann gegeben, wenn die Zentralbanken nicht rechtzeitig genug wieder Liquidität aus den Märkten ziehen würden.
Die massiven Staatsausgaben der USA drücken den Dollar immer tiefer nach unten. Nimmt der Dollar als Leitwährung seinen Abschied?
Schmidt-Hebbel Einen massiven Schwund bei den Dollarreserven und eine langfristige Abwertung der US-Währung sehe ich nicht. Die US-Notenbank Fed wird sich dem rechtzeitig entgegenstellen.
Was erwarten Sie vom G-20-Gipfel?
Schmidt-Hebbel Der erste Gipfel in Washington war bereits sehr erfolgreich. Ich halte das Format für richtig. Die 20 wichtigsten Volkswirtschaften müssen jetzt koordiniert weitere Maßnahmen einleiten. Dann könnte ein neuer Optimismus entstehen.
Michael Bröcker führte das Gespräch.
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