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Energie
Netz-Manager kommen an Pfingsten ins Schwitzen

Pfingsten: Jetzt kommen Netz-Manager ins Schwitzen kommen
Pfingsten ist für Krafwerkbetreiber eine schwierige Zeit. FOTO: Stadtwerke Düsseldorf
Düsseldorf. Pfingsten ist für Stromkonzerne und Stadtwerke das, was ein plötzlicher Regentag für den Eisverkäufer bedeutet: Gerade noch lief das Geschäft rund, dann bricht die Nachfrage zusammen. 50 Tage nach Ostern ruhen die meisten Industriebetriebe, die Tage sind lang und hell, die Menschen draußen. Die Elektronen machen ein langes Wochenende.

Am Sonntag sackt der Verbrauch ab und am Montag zieht er auch nicht an. Es ist wohl der Tag im Jahr, an dem Deutschland am wenigsten unter Strom steht. Es könnte ein großer für den Ökostrom werden: Scheint die Sonne, und weht der Wind, so wäre zumindest für einige Stunden die Republik "100 Prozent erneuerbar". Was selbst die Anti-Atom-Bewegung lange nur als Utopie sah, wäre Wirklichkeit. Und der Wetterbericht verheißt 15 Stunden Sonne pur über ganz Deutschland.

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Zeitreise in die Vergangenheit

Der Pfingstmontag ist auch eine Zeitreise in die Zukunft der Energie. 80 Prozent Ökostrom am Jahresverbrauch, das ist das Regierungsziel für 2050. Wie im Brennglas zeigen sich jetzt all die Probleme und Konflikte, die damit verbunden sind. Dieser Tag lässt daher auch die Netz-Manager in den Schaltzentralen keineswegs entspannt im Sessel zurücksinken.
An Wintertagen benötigt Deutschland rund 80 Gigawattstunden Strom, dann laufen fast alle Kraftwerke - ob Wind, Solar, Kohle oder Atom.

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Zusätzliche Reserven aus bereits eingemotteten Anlagen auch aus dem Ausland müssen an einigen Tagen sogar das Netz stabilisieren. Noch kurz vor Pfingsten ist die Nachfrage recht hoch, doch spätestens am Pfingstmontag stürzt sie regelmäßig ab, auf gerade 30 bis 40 Gigawattstunden. Zum Vergleich: Deutschlands Solaranlagen allein können an einem sonnigen Tag bereits rund 35 Gigawattstunden liefern. Von Windrädern könnte locker der Rest kommen, wenn es einigermaßen weht. Aber auch Biomasse-Anlagen und Wasserkraftwerke könnten unabhängig vom Wetter noch über zehn Gigawattstunden beisteuern.

Kaum Platz für Strom aus Atomkraftwerken

Da Ökostrom laut Gesetz vorrangig ins Netz gespeist wird, bleibt kaum Platz für Strom aus Kohle, Atom und Gas. Folglich werden die Kraftwerke Pfingsten wohl nicht viel verdienen, ganz anders als Hausbesitzer mit Solaranlagen auf den Dächern. Dies ist bereits eine der großen Herausforderungen, die Deutschland bei der Energiewende noch angehen muss: Denn verzichtbar sind Kohle- und Gaskraftwerke trotzdem nicht. Sie werden schon allein benötigt, um das Netz bei den Schwankungen von Wind- und Sonnenstrom stabil zu halten. Das wird schon mal mit dem Trapezkünstler verglichen, der auch ein Netz an fest verankerten Pfeilern braucht, die hart, aber auch ein bisschen elastisch sind.

Neues Kabinett: Diese 16 Köpfe regieren Deutschland FOTO: RP. DPA

Tatsache ist, dass in den nächsten Jahren mit dem Ökostrom-Ausbau immer mehr Tage wie der Pfingstmontag auf die Konzerne zukommen. Der Bau neuer Kraftwerke für immer weniger Betriebsstunden rechnet nicht mehr. Es sei denn, der Staat oder die Stromverbraucher springen wieder mit Hilfen ein. Genau dies wird in der Bundesregierung diskutiert. In der zweiten Jahreshälfte will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dazu erste Konzepte entwickeln.

Redispatch gefragt wie sonst nie

Die Manager der Netzbetreiber vor ihren Monitoren werden am Pfingstmontag aber viel dringendere Probleme lösen müssen: Wenn der Wind ordentlich bläst, muss der Strom durch die viel zu schwachen Leitungen nach Süden. Gefragt ist dann Redispatch - schlicht das Abregeln von Windstrom oder auch das Anwerfen konventioneller Anlagen an andere Stelle, um das Netz technisch stabil zu halten. Der Windpark- oder Kraftwerksbetreiber bekommt zwar über die Umlage auf der Rechnung aller Verbraucher weiter sein Geld, Strom wird aber nicht mehr produziert.

Und noch etwas zeichnet sich Pfingsten am Horizont ab: Der Kampf von Wind und Sonne gegen Kohle und Atom wird irgendwann durch neue Konflikte und Fragen abgelöst: Wird Wind-, Sonnen- oder Biomasse zuerst ins Netz gespeist? Denn für alle Erneuerbaren wird an vielen Tagen des Jahres kein Platz mehr im Netz sein.

(REU)
 
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