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Dritte Woche Streik bei der Post
Die ersten Kunden helfen sich jetzt selbst

Hintergrund: Kleine Geschichte der Deutschen Post
Hintergrund: Kleine Geschichte der Deutschen Post FOTO: AP
München/Köln. Not macht erfinderisch, besagt ein Sprichwort. Und das trifft im Poststreik nicht nur auf das Unternehmen selbst zu, sondern auch auf manchen Kunden. Zwei Bayern jedenfalls übernahmen das Zustellen nun selbst. Von Dana Schülbe

Die Streiks bei der Deutschen Post gehen in die dritte Woche, dutzende Briefe und Pakete bleiben liegen. Das stößt manchem Kunden bitter auf. So auch Achim Raak, der in Nürnberg Chef eines Verlags ist. Seit die Post streikt, kommt nur ein Teil seiner Druckerzeugnisse bei seinen Kunden an, und er selbst wartet ebenfalls vergeblich auf Post, wie die "Nürnberger Nachrichten" schreiben. Also übernahm er selbst die Initiative.

Raak, so berichtet die Zeitung, sei also einfach mit drei Mitarbeiterinnen in den Zustellstützpunkt marschiert, habe sich durch die Berge unzugestellter Post gewühlt und schließlich die Briefe mitgenommen, die an ihn adressiert gewesen seien. "Es kann doch nicht angehen, dass da wochenlang die Post lagert", sagte der Mann der Zeitung. 

Post-Chef Appel im Porträt: Biologe, Ziehsohn und Familienmensch FOTO: AP

Die Post wiederum bewertete die Aktion als Hausfriedensbruch und behält sich rechtliche Schritte vor. Der Kunde habe sich die offene Türe während des Beladeprozesses zunutze gemacht und sich unerlaubt Zutritt zum Gebäude verschafft, das wegen des Streiks personell ausgedünnt war, zitieren die "Nürnberger Nachrichten" Post-Pressesprecher Erwin Nier.

Ein Kölner Unternehmer ging da lieber den sicheren Weg – und wählte selbst den rechtlichen Schritt. Studimed-Geschäftsführer Hendrik Loll will die Post per einstweiliger Verfügung zwingen, die liegengebliebenen Sendungen herauszugeben. Der Antrag war vor einigen Tagen beim Kölner Amtsgericht eingegangen.

Das Unternehmen Studimed hat sich auf die Vermittlung von Medizin-Studienplätzen im Ausland spezialisiert und sieht sich durch den Poststreik in ihrer Existenz bedroht. Man sei dringend auf die Post angewiesen, da beglaubigte Originalunterlagen eingereicht werden müssten – im konkreten Fall betreffe das eine Bewerbung um einen Studienplatz in Litauen, dessen Frist am Monatsende endet.

Auch ein Bürgermeister in Bayern hat angesichts des Poststreiks selbst die Initiative ergriffen. Wie der "Bayern Kurier" schreibt, steht in der Gemeinde Feldafing am Starnberger See am 19. Juli ein Bürgerentscheid an. Wegen des Streiks liegen viele Wahlbenachrichtigungen aber noch im Postverteilungszentrum in Starnberg.

Also steigt Bürgermeister Bernhard Sontheim laut dem Bericht aufs Rad, holt die Post ab und trägt sie mit seinen Mitarbeitern selbst aus. Wie er an die Briefe herankommt, wird in dem Bericht nicht verraten.

Die Deutsche Post selbst hatte sich am Wochenende mit privaten Helfern versucht aus der Misere zu befreien. Mehr als 11.000 Menschen machten laut dem Unternehmen am Sonntag mit und trugen liegengebliebene Pakete und Briefe aus. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte, die Post untergrabe so das Streikrecht. 

(das)
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