| 13.23 Uhr

Interview mit Ronald Pofalla
"Mit Fußballfans mehr Probleme als mit Flüchtlingen"

Fotos: Pofalla – Christdemokrat, Bahn-Vorstand, Weezer
Fotos: Pofalla – Christdemokrat, Bahn-Vorstand, Weezer FOTO: dpa, hsc lre kde
Berlin . Bahn-Tower, Potsdamer Platz in Berlin. Wir treffen Ronald Pofalla auf einer Dachterrasse in 96 Meter Höhe. Zwei Stockwerke tiefer wird gerade sein neues Büro renoviert. In "der 24.", wie sie hier in der Konzernzentrale die Vorstandsetage nennen. Von hier oben könnte der Ex-Chef des Kanzleramtes auch Angela Merkel zuwinken. Einfach über den Tiergarten hinweg, der jetzt zu seinen Füßen liegt und wo er jeden Morgen zehn Kilometer joggt. Von Thomas Reisener

Sie haben sich aus der Politik zurückgezogen, weil Sie kürzer treten wollten. Ist das Leben als Bahn-Vorstand entspannt?

Pofalla Ich hatte 35 Jahre lang häufig kein Wochenende mehr. Denn Wochenenden gibt es für Politiker nicht. Das hat sich jetzt ein Stück weit gebessert. Am vergangenen Wochenende war ich in Emmerich und habe meinem Vater zum 90. Geburtstag gratuliert. Unter der Woche arbeite ich genauso viel wie früher.

In diesen Tagen wird die unscharfe Grenze zwischen Bahn und Staat besonders deutlich. Sie müssen für die Regierung den Transport der Flüchtlinge organisieren...

Pofalla Wir helfen gern.

Was kostet das die Bahn?

Pofalla Als die Kanzlerin vor drei Wochen Tausenden von Flüchtlingen, die in Ungarn festsaßen, die Einreise genehmigt hat, haben wir sofort reagiert. Ich habe davon nachts über den Nachrichtenticker erfahren und den stellvertretenden Regierungssprecher angerufen und gefragt: Stimmt das? Als er mir das bestätigt hat, haben wir noch in der Nacht zu Samstag unsere Maschinerie in Gang gesetzt. In den letzten drei Wochen hat die Deutsche Bahn 130.000 Flüchtlinge in über 100 Sonderzügen befördert. Ich gehe von Kosten in Höhe eines siebenstelligen Betrages aus.

Wer bezahlt das?

Pofalla Die Frage stand für uns nicht im Vordergrund. Wir wollten zunächst helfen, diese Sondersituation in den Griff zu bekommen. Erst seit Ende letzter Woche liegt der Bahn die Zusage des Bundes vor, dass die Kosten erstattet werden.

Leiden die übrigen Bahn-Passagiere unter den Flüchtlingstransporten der Bahn?

Pofalla Von punktuellen Ereignissen mal abgesehen glaube ich, dass unsere Kunden nicht unter den Belastungen durch die hohe Anzahl der Flüchtlinge leiden müssen. Dank einer logistischen Meisterleistung unseres Teams rollt die überwiegende Anzahl der anderen Züge normal. Die Bahn-Mitarbeiter machen einen tollen Job. Es gab bislang hinsichtlich unserer Regelverkehre eine Sondersituation: Wegen einer akuten Lage am Münchener Hauptbahnhof mussten wir dort einen regulären Zug aus Sicherheitsgründen für Flüchtlinge einsetzen und haben die ursprünglichen Passagiere gebeten, den Zug freizumachen.

Bei solchen Menschenmassen kann viel passieren. Sind Sie auf Krisen vorbereitet?

Pofalla Die Behörden arbeiten exzellent mit uns zusammen. An erster Stelle die Bundespolizei. Da kann ich nur meinen Dank aussprechen. Bis heute ist noch kein einziger Flüchtling unter unserer Obhut zu Schaden gekommen. Unsere Mitarbeiter durchlaufen gerade spezielle Schulungen bei der Bundespolizei und waren auch vorher schon auf Extremsituationen vorbereitet.

Gab es denn schon Extremsituationen?

Pofalla Ja. Ein Flüchtlingszug war auf dem Weg nach Dänemark. Die dänische Regierung wollte ihn nicht einreisen lassen. Es kam zu einem Sitzstreik im Bahnhof, und andere haben sich geweigert, den Zug zu verlassen. Unsere Mitarbeiter haben die Lage aber beruhigt und bewiesen, was sie können. Ein anderes Problem ist: Viele Flüchtlinge kennen ein Bahnsystem wie bei uns nicht. Sie wissen nicht um die Gefahren des Bahnverkehrs: Stromschläge, Geschwindigkeit der Züge, Sogwirkung. Hier müssen wir sehen, dass nichts passiert. Bislang ist das geglückt.

Benehmen die Flüchtlinge sich in den Zügen besser als deutsche Fußballfans?

Pofalla (lacht) Mit einem bestimmten kleinen Teil der Fanszene haben wir in der Tat deutlich größere Probleme als mit Flüchtlingen. Diese angeblichen Fußballfans fügen uns mit ihrer Randale Schäden in Höhe von ungefähr 1,5 Millionen Euro pro Jahr zu, weswegen wir inzwischen langfristige Beförderungsverbote gegen sie aussprechen. Bei den Flüchtlingen gab es bislang keine Probleme mit Aggressivität. Im Gegenteil: Diese Menschen sind auffallend friedfertig.

Wie lange hält der Zustrom denn noch an?

Pofalla Unsere Experten rechnen mit einem witterungsbedingten Rückgang zum November hin. Im kommenden Frühjahr dürfte dann dieser Strom wieder zunehmen.

Ist eine Lösung in Sicht?

Pofalla Das kann nur die internationale Politik lösen, indem sich die Lebensumstände vor Ort verbessern. Vielleicht gibt es ja einen Hoffnungsschimmer für Syrien. Mein Eindruck ist, dass die internationale Politik in der Füchtlingsfrage gerade näher zusammenrückt.

Sind diese Menschen eine Hilfe oder eine Belastung für Deutschland?

Pofalla Eindeutig eine Hilfe. Wir brauchen sie, weil unsere eigene Bevölkerung schrumpft. Die Flüchtlinge, die bei uns bleiben wollen und dürfen, sind auch eine große Chance für den Arbeitsmarkt und die Sozialkassen der Zukunft. Die Deutsche Bahn versucht auch Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das haben wir in der Vergangenheit gemacht und steigern jetzt noch unsere Anstrengungen.

Überschätzen Sie den positiven Effekt der Flüchtlinge auf die deutschen Sozialkassen nicht? Das sind ja nicht alles Ärzte und Lehrer, die da kommen ...

Pofalla Wir brauchen ja auch nicht nur Ärzte und Lehrer. Es gibt viele wichtige Berufe, die keinen Universitätsabschluss voraussetzen.

Kürzlich hat ein vereiteltes Attentat in einem Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris gezeigt, wie anfällig der Zugverkehr für Terroristen ist. Braucht die Bahn mehr Schutz?

Pofalla Nein, die Sicherheitslage ist gut. Die Forderung nach bewaffneten Zugbegleitern ist weder umsetzbar noch sinnvoll. Wir haben täglich 700 Züge im internationalen Einsatz. Würde man jeden mit zwei Polizisten ausstatten, müssten die Sicherheitsbehörden bei einer ganztäglichen Begleitung dafür tausende Mitarbeiter einstellen. Das kann niemand bezahlen. Es können auch nicht über sieben Millionen Bahnkunden tagtäglich durch Metalldetektoren gehen, da sind sich alle Experten einig. Zudem: Was machen wir mit innerdeutschen ICE, IC, Regionalzügen, S-Bahnen oder gar Bussen?

Die Bahn ist auch ohne Flüchtlinge in der Krise und liegt weit hinter ihren Planzahlen zurück. Wirtschaften Privatunternehmen besser als Staatskonzerne?

Pofalla Das kann man nicht verallgemeinern. Bei unserem Unternehmen steckt fast das gesamte Betriebskapital in öffentlicher Infrastruktur, an die ein ganzes Land Ansprüche stellt. Jetzt wollen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit steigern.

Die Bahn lässt sich jetzt von McKinsey beraten. Droht Personalabbau?

Pofalla Es steht ganz klar die Frage im Vordergrund, wie die Bahn besser und wettbewerbsfähiger werden kann. Unser Ziel ist es, unsere Kundenzufriedenheit unter dem Gesichtspunkt von Qualität und Pünktlichkeit deutlich zu steigern.

Quelle: RP
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