Neue Geschäftsfelder: RWE vor Strategiewechsel
VON MARTIN KESSLER UND THOMAS SEIM - zuletzt aktualisiert: 15.08.2007 - 20:52Essen (RP). Der designierte Chef des Essener Energie-Riesen, Jürgen Großmann, will Amtsinhaber Harry Roels vorzeitig ablösen. Ihm schwebt ein umfassender Strategiewechsel vor. Wichtigster Punkt: Neue Geschäftsfelder.
Das Aushandeln lukrativer persönlicher Verträge macht RWE-Chef Harry Roels so schnell niemand nach. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit beim Essener Energie-Riesen sicherte er sich ein Antrittsgeld von 1,5 Millionen Euro und trat zunächst einmal einen Urlaub an. Dann kassierte er dank günstiger Aktienoptionen in nur fünf Jahren 40 Millionen Euro. Und sollte er vorzeitig seinen Platz räumen müssen, sind noch einmal sieben Millionen Euro fällig.
Genau der letzte Umstand macht den Verantwortlichen nun ernsthaft zu schaffen. Denn der Aufsichtsrat unter Führung des angeschlagenen Ex-WestLB-Chefs Thomas Fischer kann der Öffentlichkeit kaum verkaufen, dass der Holländer einen solch hohen Betrag kassiert, nur um vorzeitig Platz zu machen. „Das ist nicht vermittelbar”, klagte Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer, einer der Vertreter der Kommunen im Kontrollgremium.
Roels’ Ellipse
RWE-Chef Harry Roels definierte die Absatzgebiete seines Konzerns mit Hilfe einer Ellipse. Sie umfasst die Staaten Deutschland, Großbritannien, Osteuropa und Benelux. Außerhalb der Ellipse soll unter seiner Führung der Konzern nur dann tätig werden, wenn sich kurzfristig außergewöhnliche Gewinne erzielen ließen. So ist RWE in Russland, Türkei oder Spanien nur sporadisch vertreten.
Am vergangenen Montag trafen sich die beiden Manager mit Aufsichtsratschef Thomas Fischer, um einen „reibungslosen Übergang” im Führerhaus des Konzerns zu verabreden. Abermals bot Roels an, seinen Posten abzugeben gegen Auszahlung aller im Vertrag zugesicherten Zahlung einschließlich der Aktienprogramme.
Der heikle Punkt bleibt also weiterhin offen. Dafür preschte Großmann an anderer Stelle vor im Gespräch mit den anderen Vorstandskollegen, das am gleichen Tag kurz zuvor stattfand. Den erstaunten RWE-Managern eröffnete der Stahlmann, dem die Georgsmarienhütte in Osnabrück gehört, dass er die „Kompetenzen der Zwischenholdings auf die Zentralholding verlagern” wolle.
Mit anderen Worten: Die beiden großen Töchter RWE Power (Erzeugung) und Energy (Vertrieb) wären ihre rechtliche Selbstständigkeit los. Da Kraftwerkschef Ulrich Jobs, der gerade seinen Posten antrat, ein alter Corpsbruder Großmanns ist, dürfte der weiter im Vorstand bleiben. Eng wird es dagegen für Vertriebschef Berthold Bonekamp. Der soll wesentliche Vertriebsfunktionen an die regionalen Töchter abgeben. Ob er im Vorstand verbleibt, ist offen. Und noch eine personelle Neuerung plant Großmann. Er will einen operativen Chef fürs Tagesgeschäft einsetzen. Damit hat der gebürtige Mülheimer mehr Zeit für Visionen und Strategien.
Im kleinen Kreis sagte Großmann, dass er gleich zu Beginn „den großen Wurf” plane. Darunter versteht er zum einen den radikalen Strategiewechsel des Konzerns hin in Wachstumsmärkte wie Russland oder Türkei. Die hatte Roels wegen der Risiken gemieden.
Noch spektakulärer wäre eine andere Weichenstellung, die der Stahl-Manager demnächst ebenfalls einem ausgewählten Publikum vorstellen will. Statt sich nur auf den Verkauf von Strom und Gas zu konzentrieren, will Großmann auf allen Stufen der Wertschöpfungskette aktiv werden: vom Kraftwerksbau und seiner Komponenten bis zum Energieverkauf an Endkunden. „Hier sind die Wachstumsfelder der Zukunft”, lässt der agile Manager verlauten. In den regulierten Energiemärkten Deutschlands und Mitteleuropas stecke dagegen nur wenig Phantasie.
Noch muss Großmann warten. Doch längst sind auch an anderer Stelle mächtige Anteilseigner unterwegs, um den Wechsel zu beschleunigen. Sollte Aufsichtsratschef Fischer nicht mit einer raschen Lösung aufwarten, steht sein Posten gleichfalls zur Disposition. Die graue Eminenz im Kontrollgremium, der frühere Osnabrücker Oberkreisdirektor Hans-Eberhard Holl, ist schon auf der Suche nach einem Nachfolger. Holl war es auch, der Großmann ins Gespräch brachte.
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