Positives Fazit: Siemens-Chef von Pierer geht nach zwölf Jahren
zuletzt aktualisiert: 27.01.2005 - 15:42München (rpo). Mehr als zwölf Jahre leitete Heinrich von Pierer die Geschicke von Siemens. Bei der Hauptversammlung in München hat der Konzernchef die Firmenleitung an Klaus Kleinfeld abgegeben. Von Pierer soll dem Unternehmen allerdings in einer anderen Funktion erhalten bleiben.
Der 64-Jährige soll künftig als Chef des Aufsichtsrates über die Geschicke des größten europäischen Elektro- und Elektronikkonzerns mit weltweit 430.000 Mitarbeitern wachen. Im Startquartal des Geschäftsjahrs 2005 verdiente Deutschlands größter Elektronikkonzern eine Milliarde Euro. Das entspricht einem satten Gewinnplus von 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, berichtete Siemens am Donnerstag in München.
Diesen Erfolgsweg solle sein Nachfolger Klaus Kleinfeld fortsetzen, sagte Pierer bei der Hauptversammlung am Donnerstag in München. "Ich gehe mit einem guten Gefühl." Aktionäre und Investoren lobten Pierer für seine Verdienste in gut zwölf Jahren an der Siemens-Spitze. "Es war eine erfolgreiche Zeit", sagte Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ergänzte: "Das Unternehmen ist globaler geworden, wettbewerbsfähiger und profitabler."
Seit seinem Amtsantritt im Oktober 1992 schaffte es Pierer, den Umsatz etwa zu verdoppeln und den Gewinn fast zu vervierfachen. Ebenso erfolgreich verlief Pierers Abschiedsquartal; für einen zusätzlichen Gewinnschub sorgte dabei ein Beteiligungsverkauf. Von Oktober bis Ende Dezember 2004 kletterte der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5 Prozent auf 21,5 Milliarden Euro. Der Umsatz gab leicht nach auf 18,2 Milliarden Euro nach. Die 13 Sparten legten beim operativen Ergebnis um 5 Prozent auf 21,5 Milliarden Euro zu. Stärkste Ergebnislieferanten waren die Automatisierungstechnik und - trotz Einbrüchen - die Sparten Medizintechnik und Kraftwerk.
Baustelle Kommunikationssparte
Als größte Baustelle hinterließ Pierer die Kommunikationssparte. Das Handy-Geschäft rutschte noch tiefer in die Verluste, weil eine Softwarepanne das Weihnachtsgeschäft vermiest hatte. Siemens, Nummer 4 auf dem Handy-Weltmarkt, verkaufte nur noch 13,5 Millionen Mobiltelefone. Die Sanierung muss jetzt Kleinfeld anpacken, aber "nicht mit der Brechstange", wie Pierer mahnte. Aufgeben will Siemens das Handy-Geschäft vorerst wohl nicht, deutete er an: "Wir haben eine gute Entwicklungsmannschaft, exzellente Werke und einen guten Namen. Eine Option, die diese Werte vernichten würde, wäre nicht die beste."
Sorgen bereitet außerdem der IT-Dienstleister SBS, der als einziger Bereich rote Zahlen schrieb. Die Bahntechnik-Sparte konnte die Probleme mit Combino-Straßenbahnen weitgehend lösen. Aktionärsschützerin Bergdolt sagte dem scheidenden Vorstandschef: "Sie übergeben ein gut bestelltes Haus." Baustellen seien bei einem so großen Konzern normal. Pierer sah dies ähnlich, bedauerte aber, Siemens nicht "besenrein" übergeben zu können. Das Traditionsunternehmen zählt zu den größten Elektrokonzernen der Welt, ist in 190 Ländern aktiv und liefert Produkte von Turbinen über Automobilelektronik bis hin zu Glühbirnen.
In Deutschland, wo Siemens ein Fünftel seines Gesamtumsatzes erzielt, arbeiten 164.000 von insgesamt 434.000 Mitarbeitern. Pierer freute sich, in seinen letzten Amtstagen noch flexiblere Arbeitszeiten durchgesetzt zu haben. "Jeder Arbeitsplatz in Deutschland ist uns wichtig. Wir kämpfen darum."
Wehmut und Erleichterung
Im Siemens-Konzern will Pierer künftig als Aufsichtsratschef wirken. An seinem letzten Arbeitstag als Vorstandsvorsitzender spürte er etwas Wehmut, aber auch "ein gewisses Gefühl der Erleichterung: Ich bin 64, ich muss nicht mehr unbedingt 80 Stunden in der Woche arbeiten."
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