Trotz steigender Gewinne: Siemens will 1000 Stellen streichen
VON CHRISTIAN MERTEN UND THORSTEN BREITKOPF - zuletzt aktualisiert: 27.01.2010 - 07:55München (RP). Siemens steigert trotz sinkender Umsätze seinen Gewinn. Dennoch will Konzern-Chef Peter Löscher beim Personal den Rotstift ansetzen und tausende Jobs streichen. Am Donnerstag werden die Betriebsräte davon unterrichtet.
Die Brisanz der Hauptversammlungen der vergangenen Jahre ist raus: Siemens hat seine Korruptionsaffäre aufgeklärt und fast vollständig rechtlich geklärt. Der Konzern ist neu ausgerichtet auf die Geschäftsfelder Industrie, Energie und Gesundheit. Das Programm zur Verschlankung von Verwaltung und Vertrieb wurde übererfüllt, die Kosten um zwei Milliarden Euro gesenkt. Jetzt sprudeln die Gewinne: Trotz eines Umsatzrückgangs von acht Prozent auf 17,4 Milliarden Euro im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2009/2010 konnte der operative Gewinn um elf Prozent auf 2,3 Milliarden Euro gesteigert werden.
Ein Schatten fällt aber auf die guten Zahlen: Siemens-Chef Peter Löscher kündigte "punktuelle und strukturelle Maßnahmen" an. Ob und wie viele Entlassungen das bedeutet, wollte er nicht sagen. Erst sollen morgen am Donnerstag die Betriebsräte im Wirtschaftsausschuss informiert werden. Mehr weiß man auch bei der IG Metall noch nicht. Selbst deren Vertreter im Aufsichtsrat des Elektrokonzerns haben keine Informationen, was Löscher mit seinen Andeutungen gemeint haben könnte. Die Gewerkschaft befürchtet Maßnahmen in mehreren Bereichen, die wirtschaftlich zwar nicht nötig seien, aber die berufliche Existenz von voraussichtlich weit über 1000 Mitarbeitern gefährdeten.
Siemens in Zahlen
Die wichtigsten Zahlen der Siemens-Zwischenbilanz im ersten Quartal 2009/2010 im Überblick:
Gewinn nach Steuern 1,531 Milliarden Euro (plus 24 Prozent)
Umsatz 17,352 Milliarden Euro (minus zwölf Prozent)
Mitarbeiter weltweit 402.000 (minus 3000 im Vergleich zum 30.9.2009 ) davon in Deutschland: 128.000 (keine Veränderung)
Welche Auswirkungen der Stellenabbau auf Standorte in NRW hat, ist ungewiss. Gewerkschaftsvertreter sehen eher die bayrischen Standorte der Hörgerätesparte in Gefahr. Aus Unternehmenskreisen wurde bekannt, dass man den geplanten Stellenabbau eher als "Sturm im Wasserglas" sieht, der die Aktionäre gnädig stimmen solle, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Die Mitarbeiter am Standort in Krefeld-Uerdingen haben wohl am wenigsten mit einem Stellenabbau zu rechnen. Ein Milliardenauftrag zum Bau neuer ICE-Züge wird immer wahrscheinlicher – Siemens ist offiziell bevorzugter Anbieter der Deutschen Bahn AG.
Nach den harten Auseinandersetzungen rund um die Aufklärung der Korruptionsaffäre scheinen sich die Anteilseigner nach einem Gefühl der Geborgenheit zu sehnen. Doch so ganz ohne Konflikte läuft auch diese Hauptversammlung nicht. Erstmals sollen die Aktionäre über das Vergütungssystem für den Vorstand abstimmen. Rechtlich bindend ist dies zwar nicht – zurzeit legt noch der Aufsichtsrat fest, wie viel die Manager verdienen –, doch die Debatte über die Vorstandsgehälter und -boni führt die Befindlichkeit der Aktionäre vor. Den einen ist der variable Anteil zu hoch, anderen zu niedrig, wieder andere wollen eine Orientierung von Boni an längerfristigen Erfolgszahlen. Auf der Hauptversammlung 2011 soll dafür eine Lösung vorgelegt werden. An der neuen Eintracht bei Siemens ändert diese Diskussion nichts. Die Einigung mit ehemaligen Vorständen und Aufsichtsräten auf einen Vergleich stößt auf positive Resonanz. Damit ist fast ein Schlussstrich unter die größte Korruptionsaffäre in der Siemens-Geschichte gezogen. Offen ist nur noch eine Klage gegen die Ex-Vorstände Thomas Ganswindt und Heinz-Joachim Neubürger, die sich auf den vorgeschlagenen Vergleich nicht einlassen wollten.
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