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Stahl-Chef von ThyssenKrupp
"Wir müssen 100 Millionen Euro zusätzlich einsparen"

Stahl-Chef von ThyssenKrupp / Andreas J. Goss: Konzern hält an Kurzarbeit fest
Andreas J. Goss sprach mit unserer Redaktion. FOTO: ThyssenKrupp
Duisburg. Der Stahl-Chef von ThyssenKrupp, Andreas J. Goss, plant ein neues Sparprogramm. "Wir werden auch in den nächsten Jahren sehr genau auf unsere Kosten achten. Ich erwarte mindestens 100 Millionen Euro zusätzliche Einsparungen pro Jahr", sagte Goss. An der Kurzarbeit hält der Konzern fest. Von Thomas Reisener

Aus seinem Büro im zehnten Stock überblickt der Stahl-Chef von ThyssenKrupp das Duisburger Werk. Vor ihm liegen Anlagen im Wert von rund fünf Milliarden Euro. Mit 26.000 Mitarbeitern –13.000 davon in Duisburg – ist ThyssenKrupp Steel Europe Deutschlands größter Stahlkonzern.

Stahl ist bei ThyssenKrupp fast zur Nebensache geworden. Das Geschäftsfeld der Gründer trägt nur noch weniger als ein Drittel zum Konzernumsatz bei. Nagt das am Selbstbewusstsein Ihrer Belegschaft?

Goss Wir haben nicht das Selbstverständnis, das größte Geschäft des Konzerns sein zu müssen. Wir wollen aber die besten im Wettbewerb sein. Unser Anspruch ist es, dass wir unser operatives Geschäft weiter voranbringen. Und das tun wir. Wir haben jetzt seit elf Quartalen in Folge das Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr verbessert.

Ihre Mitarbeiter sind seit drei Jahren in Kurzarbeit. Ende September endet das Sparprogramm. Was hat es gebracht?

Goss Wir haben mit dem Sparprogramm "Best in class-Reloaded" rund 700 Millionen Euro pro Jahr gespart, 650 Millionen davon bleiben als jährlicher Spareffekt erhalten. Die Personalmaßnahmen machen davon 180 Millionen Euro aus – durch Arbeitszeitverkürzung sowie den sozialverträglichen Abbau von rund 1000 Stellen. Weitere 150 Millionen haben wir durch einen effizienteren Einsatz unserer Rohstoffe und Optimierungen beim Einkauf erreicht.

Reicht das?

Goss Nein. Wir werden auch in den nächsten Jahren sehr genau auf unsere Kosten achten. Ich erwarte mindestens 100 Millionen Euro zusätzliche Einsparungen pro Jahr. Die 31-Stunden-Woche ist vereinbart bis 2018 – damit vermeiden wir zusätzlichen Stellenabbau.

Klingt nicht gerade nach einer Wachstumsstory . . .

Goss . . . davon kann bei einem jährlichen Marktwachstum von einem bis 1,5 Prozent der Stahlindustrie in Europa auch nicht die Rede sein. Bis 2020 ist auch kein nachhaltiges Wachstum in Sicht. Wir werden unseren Erfolg im Wesentlichen aus Produktivitätssteigerungen holen müssen.
Konzernchef Heinrich Hiesinger verlangt vom Stahl, dass er zumindest seine Kapitalkosten deckt.

Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Goss Nimmt man für unser gebundenes Kapital in Höhe von etwa 5,3 Milliarden Euro einen Risiko-Zins von 8,5 Prozent an, betragen unsere Kapitalkosten 450 Millionen Euro im Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Zielgröße im laufenden Geschäftsjahr erreichen. Aber dieser Erfolg muss auch wiederholbar sein.

Die EU will den Emissionsrechtehandel reformieren und Ihnen zugunsten des Klimas höhere Kosten aufbrummen. Wie gefährlich ist das für Sie?

Goss Die Pläne der EU sind für die deutsche Stahlindustrie existenzgefährdend. Das ist kein Lobbyisten-Gejammer, sondern belegbar. Mit der Umsetzung der aktuellen Pläne aus Brüssel kämen auf ThyssenKrupp von 2021 bis 2030 Mehrkosten zwischen 1,9 und drei Milliarden Euro zu – je nach Lesart. Im Mittel also ein dreistelliger Millionenbetrag pro Jahr. Im letzten Geschäftsjahr hat unsere europäische Stahlsparte 216 Millionen Euro verdient. Mindestens 450 Millionen Euro im Jahr brauchen wir dauerhaft, um unsere Kapitalkosten zu verdienen. Da liegt es doch auf der Hand, dass die von Brüssel geplanten Verschärfungen für die Stahlindustrie nicht zu stemmen sind.

Was wäre die Folge?

Goss Die Stahlindustrie würde sich aus Europa verabschieden. Im Rest der Welt gibt es diese Belastungen durch den Zertifikatehandel nicht.

Das klingt so einfach. Stahlwerke können nicht ohne weiteres umziehen .  . .

Goss . . . der Abzug vollzieht sich schleichend. Indem hier nicht mehr investiert wird, während in anderen Erdteilen neue Kapazitäten entstehen – aber bei geringeren Umweltschutzstandards. Bei ThyssenKrupp stehen im Bereich Stahl aktuell Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro an. Wir brauchen in den nächsten Monaten Klarheit aus Brüssel, wenn wir vor unseren Aktionären vertreten wollen, dass wir Geld in Europa investieren.

Die rot-grüne Landesregierung in NRW verfolgt besonders strenge Klimaschutzziele. Gefährdet das den Standort Duisburg?

Goss Wir glauben an diesen Standort. Die Logistik ist hervorragend, hier sitzen unsere Kunden, hier sind die Mitarbeiter besonders qualifiziert. Es geht der Landesregierung ja nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Arbeitsplätze. NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin ist ein wichtiger Partner für unsere Gespräche mit Brüssel. Die Stahlindustrie in Deutschland hat die Emissionen zwischen 1990 und 2010 schon um über 20 Prozent gesenkt. Nirgends auf der Welt wird Stahl in Hüttenwerken klimaschonender produziert als hier. Insofern würde Brüssel durch eine übertriebene Verschärfung des Zertifikatehandels nicht nur den Menschen in NRW, sondern auch dem Klima einen Bärendienst erweisen. Das weiß auch die Landesregierung.

Russen und Chinesen produzieren deutlich billiger…

Goss Das kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass China enorme Überkapazitäten hat und diese auch auf den europäischen Markt drücken. Umso wichtiger ist es, dass wir uns durch unsere Technologieführerschaft vom Wettbewerb abheben.

…aber der Technologievorsprung wird kleiner…

Goss Ja und nein. Bei allen Sparmaßnahmen werden wir den Forschungsetat von derzeit rund 100 Millionen Euro pro Jahr um fünf bis sieben Prozent steigern. Stahl ist ein enorm innovativer Werkstoff. Wir haben heute die Möglichkeit, Stahl auf der atomaren Ebene berechnen und optimieren zu können. Da tun sich ganz neue Möglichkeiten auf. Im Technologie-Wettlauf sind wir vorne. Es bleibt aber dabei: Die Politik muss der Stahlindustrie verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen bieten.

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