Niedrige Inflation und hohe Tarifabschlüsse: Steigen die Reallöhne 2009 wieder?
zuletzt aktualisiert: 02.12.2008 - 14:18Düsseldorf (RPO). Licht am Ende des Tunnels für die beschäftigten in Deutschland: Trotz der Wirtschaftskrise dürften 2009 die Reallöhne erstmals seit Jahren wieder steigen. Dank der hohen Tarifabschlüsse dieses Jahres und der zu erwartenden niedrigen Inflationsrate im kommenden Jahr könnten die Arbeitnehmer real bis zu 1,5 Prozent mehr Geld verdienen.
Das geht aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP bei führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten hervor. Die Experten prognostizieren eine deutliche Steigerung des Reallohns und bestätigten damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.
Roland Döhrn, Tarifexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, macht eine einfache Rechnung auf: Schon dank der bislang vereinbarten Tarifabschlüsse sei für 2009 mit Tariflohnsteigerungen von rund 2,5 Prozent zu rechnen. Gleichzeitig sei die Inflationsrate stark rückläufig. "Wenn auf den Energiemärkten nichts Dramatisches passiert, dürfte die Inflationsrate 2009 etwa bei einem Prozent liegen", meint der Experte. Unter dem Strich bleibe damit ein Plus von 1,5 Prozent übrig. Ähnlich sieht das Kai Carstensen vom Münchner ifo-Institut. "Das reale Lohnplus dürfte 2009 bei 1,5 Prozent liegen", zitierte ihn die "Bild"-Zeitung.
Effektivlöhne dürften geringer steigen als Tariflöhne
Doch gibt es einen Haken bei der Sache: Zwar werden Beschäftigte mit sicheren Arbeitsplätzen wohl in den vollen Genuss dieses Zuschlags kommen. In Branchen wie der Automobilindustrie dürften Kurzarbeit und Lohnzugeständnisse der Gewerkschaften aber zu Lohneinbußen führen. Die effektiven Löhne - also das was am Ende wirklich auf dem Lohnzettel steht - dürften deshalb im kommenden Jahr durchschnittlich geringer steigen als die Tariflöhne erwarten lassen, sagt Döhrn voraus.
Das glauben auch die Tarifexperten des gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Sie erwarten einen Reallohnanstieg von netto knapp einem halben Prozent.
Deutschland Schlusslicht bei Reallohnentwicklung
Sicher ist das Plus in der Lohntüte ohnehin noch nicht. "Eine Prognose für das nächste Jahr halte ich für völlig verfrüht. Kein Mensch weiß, wie extrem sich die Energiepreise ändern", warnt etwa der Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Hagen Lesch.
Nach einer Untersuchung des WSI ist Deutschland bei der Reallohnentwicklung europäisches Schlusslicht. Nach einer im September veröffentlichten Studie des Instituts gingen die Reallöhne in der Bundesrepublik zwischen 2000 und 2008 um 0,8 Prozent zurück, während sie den Niederlanden, Schweden, Finnland, Dänemark, Großbritannien, Irland und Griechenland um 12,4 bis 39,6 Prozent stiegen.
Ein wichtiger Grund für diese schwache Reallohnentwicklung in Deutschland liegt der WSI-Analyse in der sogenannten negativen Lohndrift. Während in anderen Ländern die Effektivlöhne häufig deutlich stärker anstiegen als die Tariflöhne, sei es in der Bundesrepublik in den letzten Jahren zumeist umgekehrt gewesen: Die Beschäftigten bekamen den Angaben zufolge im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt niedrigere Lohnerhöhungen, als in den Tarifverträgen vereinbart wurde. Wesentliche Ursachen dafür seien die rückläufige Tarifbindung sowie Möglichkeiten, auf betrieblicher Ebene von tarifvertraglichen Standards nach unten abzuweichen.
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