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Stellenabbau
Die zwei Seiten des VW-Zukunftspakts

Stellenabbau bei VW: Die zwei Seiten des Zukunftspakts
VW-Embleme in der Fertigung. FOTO: rtr
Wolfsburg. Volkswagen will 23.000 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen. Wieso kann sogar der Betriebsrat mit dieser Lösung leben? Sind auch Zulieferer von den Sparmaßnahmen betroffen? Und ist der Diesel-Skandal der Grund? Antworten auf die wichtigsten Fragen. Von Jan Drebes, Susanne Genath und Florian Rinke

Als Herbert Diess seinen Dienst in Wolfsburg antrat, eilte ihm von seinem Ex-Arbeitgeber BMW bereits der Ruf eines Kostenbändigers voraus. Nun sollte der neue Markenvorstand Volkswagen wieder schlagkräftiger machen. "Wir bauen zwar hervorragende Autos, verdienen damit aber zu wenig Geld", beschrieb Diess gestern bei der Präsentation des Zukunftspaktes noch einmal das Problem. Monatelang hatte er mit Betriebsratschef Bernd Osterloh um eine Lösung gerungen. Nun ist klar: Bei VW wird es massive Einschnitte geben.

Wie viele Jobs sind betroffen? Allein in Deutschland fallen bis zum Jahr 2025 bis zu 23.000 Stellen weg. Der Abbau soll aber sozialverträglich erfolgen, etwa über Altersteilzeit. Laut Tarifvertrag können Mitarbeiter, die 1967 oder früher geboren sind, Altersteilzeit in Anspruch nehmen - also ab 50 Jahren. Üblich war das bislang nicht, das könnte sich nun ändern.

Gibt es auch gute Nachrichten? Der Betriebsrat ist stolz, dass es bis 2025 keine betriebsbedingten Kündigungen bei der Stammbelegschaft geben soll. Außerdem sollen alle Werke in Deutschland bestehen bleiben und 9000 neue Jobs in Zukunftsbereichen wie der Batteriefertigung entstehen.

Was bedeutet die Entscheidung für die Leiharbeiter? Sie treffen die Beschlüsse mit am härtesten. Momentan gibt es noch 5700 Leiharbeiter bei VW. Viele davon dürften ihren Job verlieren. VW hatte sich zuletzt bereits von hunderten Leiharbeitern getrennt.

Warum ist der Betriebsrat mit solch massiven Kürzungen einverstanden? Betriebsratschef Osterloh weiß, dass VW schlagkräftiger werden muss. "Es muss uns gelingen, die Produkte der Zukunft in Deutschland zu entwickeln und zu bauen", sagte er gestern. Heißt im Klartext: VW darf nicht die Zeichen der Zeit verpassen - sonst steht die gesamte Zukunft des Unternehmens auf dem Spiel.

Sind auch Zulieferer von den Sparmaßnahmen betroffen? Ja, glaubt Auto-Experte Hans-Gerhard Seeba von der Ostfalia-Hochschule in Wolfsburg: "Allein schon, weil einige Modelle vom Markt verschwinden werden. Wir spüren jetzt schon in der Region Wolfsburg, dass Entwicklungsdienstleister unter Auftragsmangel leiden." Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil, dessen Wahlkreis in der Region liegt, ist besorgt: "Klar ist, dass Betriebe, die sich auf Verbrennungsmotoren spezialisiert haben, auf dem Weg ins Zeitalter von Elektroautos umdenken müssen."

Muss Volkswagen wegen des Diesel-Skandals so massiv sparen? Jein. Natürlich belastet die Affäre den Konzern schwer - doch Diess wurde schon vor dessen Bekanntwerden verpflichtet, weil es noch ganz andere Probleme gibt. Die Marke VW verdient zu wenig Geld: Während bei der VW-Marke Skoda von 100 Euro Umsatz 9,30 Euro Gewinn übrig bleiben, sind es bei VW nur 1,60 Euro. Doch um in Bereiche wie die Elektromobilität oder die Digitalisierung zu investieren, werden Milliarden benötigt. Bis 2020 sollen die Kosten daher um 3,7 Milliarden Euro pro Jahr gedrückt werden.

Drohen wegen des Abgasskandals zusätzliche Probleme? Anleger fordern weiterhin Schadenersatz, weil sie VW vorwerfen, zu spät über den Abgasskandal informiert zu haben. Auch die Abweichungen beim Schadstoffausstoß sind heikel. So hat beispielsweise der Leverkusener Lungenarzt Norbert Karl Mülleneisen Strafanzeige gegen Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder von VW, Audi und Porsche gestellt. Er wirft ihnen unter anderem schwere Körperverletzung vor, weil die Fahrzeuge zu viele Schadstoffe ausstoßen und damit die Gesundheit gefährden. Er hat nach eigenen Angaben in seiner Praxis festgestellt, dass die Zahl von Atemwegserkrankungen in Leverkusen zugenommen hat, die nicht auf Nikotin zurückzuführen sind: "Diese Patienten waren oder sind noch Feinstaub und Stickoxid an viel befahrenen Straßen ausgesetzt."

Quelle: RP
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