| 11.03 Uhr

Streik-Bilanz 2017
Das friedliche Gewerkschaftsjahr

Streik-Bilanz 2017: Das friedliche Gewerkschaftsjahr
im Februar streikten Lehrer, unter anderem in Düsseldorf (Archiv). FOTO: rtr, WR/joh
Düsseldorf. Selten verlief ein Tarifjahr harmonischer als dieses. Das belegt eine Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft. Allerdings werfen die ersten Großkonflikte 2018 ihre Schatten voraus – in der Metallbranche und bei der Bahn. Von Maximilian Plück

Tarifauseinandersetzungen verlaufen oft nach einem Muster: Die Arbeitgeberseite verlangt vor der ersten Begegnung Augenmaß der Gewerkschaften, die wiederum präsentieren Maximalforderungen. Bei dem ersten Aufeinandertreffen kommt es zum Austausch wirtschaftlicher Eckdaten und deren Interpretationen, die – selbstverständlich – weit auseinanderliegen. Schritt für Schritt laufen sich beide Seiten warm, bis es nach mehreren Verhandlungsrunden zum ersten Knall kommt und Streiks oder Aussperrung im Raum stehen.

In diesem Jahr ist es aber ungewöhnlich ruhig an der Tarif-Front. Wie eine Erhebung für den "Gewerkschaftsspiegel" des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergeben hat, der unserer Redaktion vorab vorliegt, ist das laufende Jahr das harmonischste seit Beginn der Messung 2006.

In der Regel werden Tarifauseinandersetzungen danach beurteilt, wie viele Arbeitstage streikbedingt verloren gegangen sind. Da aber schon ein angedrohter Streik Folgen haben kann, weil etwa die Kunden einer Airline sich nach anderen Transportmitteln umsehen, setzt das Konzept der IW-Wissenschaftler Hagen Lesch und Paula Hellmich schon früher an.

Mit ihrem Konfliktintensitäts-Index haben sie alle Tarifstreitigkeiten seit 2006 in 13 zentralen Branchen betrachtet – darunter große wie die Metall- und Elektro-Industrie, das Bauhauptgewerbe und den Öffentlichen Dienst, aber auch kleinere Bereiche wie die Luftfahrt oder den Krankenhaussektor. Für diese vergaben sie anhand einer Skala Punkte je nachdem, zu welchen Mitteln die Gewerkschaften oder Arbeitgeber im Laufe der Auseinandersetzung griffen: Für geräuschlose Verhandlungen ohne Drohungen oder Arbeitskampf vergaben die Experten null Punkte, für die Androhung eines Streiks einen Punkt, für den Abbruch von Verhandlungen zwei Punkte und so weiter. Sieben Punkte, die höchste vergebene Zahl, gab es für Arbeitskämpfe nach einer Urabstimmung.

Mit einer durchschnittlichen Konfliktintensität von 4,9 Punkten handelt es sich um das harmonischste Jahr seit Beginn der Erfassung. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren erreichte das Konflikt-Barometer einen Rekordwert von 18,4 Punkten, damals insbesondere getrieben durch die Großkonflikte bei der Deutschen Bahn und der Lufthansa.

Ein Grund für die nun herrschende Harmonie: Nur in acht Branchen gab es überhaupt Gespräche. Am handfestesten ging es dabei noch im Einzelhandel zu. Dort wurde mit 26 Konfliktpunkten – angesammelt durch zahlreiche Warnstreiks – der höchste Wert erreicht. Nach knapp fünf Monaten einigte sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit den Arbeitgebern in NRW auf eine zweistufige Erhöhung um insgesamt 4,3 Prozent plus Einmalzahlung von 50 Euro.

Doch nicht allein die geringe Zahl von Verhandlungen ist laut IW für den niedrigen Konflikt-Wert verantwortlich: Auch dort, wo sich Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände an einen Tisch setzten, ging es geräuschlos zu. Mit Ausnahme der gescheiterten Gespräche zwischen Eurowings und der Ufo – dort stehen Urabstimmung und unbefristete Streiks im Raum – und der Verhandlungen für die Tarifbeschäftigten der Länder, wo Warnstreiks alleine schon der Tradition wegen fest zum Ablauf gehören, einigten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber ohne Getöse. Das galt im Übrigen auch für die ansonsten so streit- und streiklustigen Spartengewerkschaften. Die Lokführergewerkschaft GDL und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit brachten ihre bereits im vergangenen Jahr konfliktreich gestarteten Verhandlungen in diesem Jahr ohne jegliche Eskalation zu Ende. Der Marburger Bund schaffte an den Unikliniken im Rekordtempo von zweieinhalb Wochen eine Einigung.

2018 dürfte es jedoch wieder deutlich lebhafter zugehen. Dann verhandelt etwa die IG Metall für die Metall- und Elektroindustrie. Auf dem Tisch liegt eine Forderung nach einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung – eine Steilvorlage für einen komplizierten Konflikt. Und auch bei der Bahn könnte es nach der letzten geräuschlosen Runde wieder deutlich härter zur Sache gehen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Streik-Bilanz 2017: Das friedliche Gewerkschaftsjahr


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.