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Wer verschuldet die Griechenland-Misere?: Streit um die Euro-Spekulanten

VON BIRGIT MARSCHALL - zuletzt aktualisiert: 10.03.2010 - 13:05

Düsseldorf (RPO). Die EU-Staaten sehen Griechenland, aber auch den Euro durch internationale Spekulanten gefährdet. Die Finanz-Jongleure stehen am Pranger. Griechenlands Ministerpräsident Papandreou vergleicht sie mit Brandstiftern. Vor allem zwei Mechanismen an den internationalen Finanzmärkten stehen in der Kritik. Zu Unrecht, meinen Experten.

Im griechischen Finanz-Desaster verlagert sich auf der Suche nach den Schuldigen die Debatte: Standen anfangs nach die Griechen und ihre Haushaltspolitik als Schuldige da, geraten nun zusehends die Finanzmärkte in den Fokus. Bundeskanzlerin Angela Merkel will zusammen mit anderen Euro-Staaten Spekulanten an die Kandare nehmen. Brüssel prüft ein Verbot von Kreditausfallversicherungen.

Wetten auf den Finanzmärkten setzen seit Wochen nicht nur Griechenland, sondern auch den Euro unter Druck. Schnell entsteht der Eindruck, es handle sich dabei um eine gezielte Aktion der Finanzmärkte. Verschwörungstheorien haben Hochkunjunktur. Handfeste Belege gibt es allerdings nicht. Staaten wie Griechenland oder Spanien sollen in der Sache sogar ihren Geheimdienst beauftragt haben, den Markt nach möglich Drahtziehern zu erforschen. Ohne Ergebnis. Auch die deutsche Börsenaufsicht BaFin hat nach eigenen Angaben keine Anhaltspunkte für massive Spekulationen gegen Griechenland.

In der Kritik stehen vor allem zwei Finanzinstrumente, die sogenannten Kreditausfallversicherungen oder Credit Default Swaps (CDS) und Leerverkäufe.

Die Credit Default Swaps Mit CDS sichern sich die Käufer von Firmen- oder Staatsanleihen gegen mögliche spätere Zahlungsausfälle ab. Meistens sind das große Banken oder Versicherungskonzerne. Wer von ihnen griechische Staatsanleihen erwirbt, tut angesichts der dortigen Haushaltsmisere im Prinzip gut daran, diese per CDS abzusichern. So spiegelt der aktuelle Anstieg der CDS-Preise nach Meinung von Experten schlichtweg die wachsende Nachfrage nach Absicherung von Krediten für den Schuldner Griechenland wider. Athens ruinöse Haushaltspolitik stimuliert die Nachfrage.

Das Problem Die CDS-Papiere werden unabhängig von den eigentlichen Anleihen gehandelt, auf die sie sich beziehen. Investmentbanken können mithin solche Papiere unbegrenzt auf den Markt bringen. Damit werden sie zum Spekulationsobjekt: Wer etwa auf einen drohenden Staatsbankrott Griechenlands spekuliert, deckt sich möglichst früh massenweise mit den entsprechenden CDS ein. Durch die steigende Nachfrage steigt der Preis für die Versicherungen, der Spekulant verkauft seine CDS, bevor viele andere es tun, und macht so Gewinn.

Staatsanleihen weniger attraktiv Problematisch daran ist, dass auch die potenziellen Käufer griechischer Staatsanleihen überhöhte Preise für die CDS bezahlen müssen. Die Spekulanten erschweren also Griechenland die erfolgreiche Platzierung seiner Staatsanleihen. Athen muss sich im April und Mai am Kapitalmarkt erneut 20 Milliarden Euro von den Banken leihen.

Alles anonym Der CDS-Handel ist für Außenstehende bisher völlig undurchschaubar: Niemand weiß etwa genau, wer diese Papiere hält und welche Motive er damit verfolgt. Die EU-Staaten streben daher beispielsweise eine globale Meldepflicht für den CDS-Handel an. Auch könnte den Verkäufern von CDS-Papieren vorgeschrieben werden, diese prinzipiell an die entsprechenden Anleihen zu koppeln.

Die Leerverkäufe Bei dem anderen in der Kritik stehenden Finanzinstrument handelt es sich um so genannte Leerverkäufe. Bei ihnen leihen sich Investmentbanken ein bestimmtes Wertpapier oder eine bestimmte Euro-Summe aus. Sie verpflichten sich, das Wertpapier oder die Euro-Summe dem eigentlichen Eigentümer einige Zeit später zum gleichen Preis zurückzugeben. Sie verkaufen das geliehene Wertpapier oder die geliehenen Euros sofort und hoffen dann darauf, Aktien oder Euros zum Rückgabetermin zu einem niedrigeren Preis wieder erwerben zu können. Die Differenz zwischen altem und neuem Kaufpreis ist ihr Gewinn. Durch diese Wetten können sich Negativentwicklungen an den Börsen stark beschleunigen.

Gerade erst wieder zugelassen Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde hatte Leerverkäufe auf dem Höhepunkt der Finanzkrise daher verboten, sie aber vor einigen Wochen wieder zugelassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel strebt nun offenbar ein erneutes Verbot an.

Kritik vom Koalitionspartner Kritik an diesem Vorstoß kommt von der FDP. "Ich befürchte, da wird eine Sau durch das Dorf getrieben, um vermeintliche Probleme zu lösen", sagte FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler unserer Redaktion. "Es ist von Finanzminister Schäuble noch nicht der Nachweis erbracht, dass Leerverkäufe oder der Handel mit Kreditausfallversicherungen wirklich Spekulationselemente enthalten", so Schäffler. Laut Finanzaufsicht Bafin umfassen nur vier Prozent des CDS-Handels Spekulationen.

Kritik aus der Wissenschaft Auch Experten aus der Wissenschaft halten nicht viel von den Forderungen nach stärkerer Regulierung. "Dass die Spekulanten Schuld sind, ist Unsinn", sagt etwa der Leiter der Abteilung Öffentliche Finanzwirtschaft beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann. Nur selten seien Risikoaufschläge auf Staatsanleihen so gut zu rechtfertigen gewesen wie im Falle Griechenlands. Er betrachtet die Finanzmärkte vielmehr als unverzichtbares Korrektiv für Regierungsversagen. Entsprechend seien auch die EU-Verträge aufgebaut: Sie verbieten der Europäischen Zentralbank, den EU-Staaten direkte Kredite zu geben, um sie zur Schuldenaufnahme am Kapitalmarkt zu zwingen.

Sparkurs zeigt Wirkung Von einer krimireifen Spekulanten-Verschwörung also bisher keine Spur. Plausibler lässt sich der Unmut der Regierungen dadurch erklären, dass sie es mit Marktprozessen zu tun haben, die sie empfindlich unter Druck setzen und nicht kontrollieren können. Der BaFin zufolge hat das Volumen der griechischen CDS-Kontrakte jedenfalls zuletzt stagniert oder ist sogar leicht gesunken - wohl vor allem weil die griechische Regierung auch auf Druck der Spekulanten angefangen hat, die Finanzen in Ordnung zu bringen.

Quelle: RP/RTR

 
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