Analyse: Streit um Staatshilfe für Schaeffler
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 14.02.2009 - 17:57Düsseldorf (RP). Subventionen schaden der Wirtschaft. Soll der Steuerzahler den Zuliefer-Giganten trotzdem retten? Die Bundesregierung streitet über Hilfe für den angeschlagenen Autozulieferer Schaeffler.
"Ich warne davor, vorschnell einem Staats-Eintreten das Wort zu reden", sagte Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU) am Freitag. "Schaeffler ist kein Fall für den Deutschlandfonds. Die haben sich mit der Übernahme von Continental verspekuliert", sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der den 100-Milliarden-Euro-Deutschlandfonds zur Hilfe von in Schieflage geratenen Unternehmen angeregt hatte, dem Magazin "Focus".
Auch der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU im Bundestag, Laurenz Meyer, warnte vor besonderen Hilfen für Schaeffler: "Da sage ich nur: Vorsicht", wurde Meyer zitiert. Er befürchte bei einem Eingriff des Staates bei Schaeffler "negative Auswirkungen auf die gesamte Branche der Automobilzulieferer".
SPD bewegt sich auf Schaeffler zu
Die SPD dagegen bewegt sich auf Schaeffler zu. Das Familienunternehmen habe sich bei der Übernahme von Continental zwar verzockt, jetzt gehe es aber um die Erhaltung von 220.000 Arbeitsplätzen, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerd Andres der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".
Andres betonte, Hilfe könne es nur geben, "wenn alle die Hosen runterlassen". Die Unternehmerfamilie müsse ihr komplettes Privatvermögen einbringen, auch das möglicherweise in der Schweiz und Österreich angelegte. Zudem müssten die vielen "Tarnbanken" herangezogen werden, die Schaeffler im vorigen Jahr bereits die Mehrheit bei Continental gesichert hätten. Auch SPD-Fraktionschef Struck hatte zuvor erklärt, Hilfe für Schaeffler sei unter Bedingungen möglich.
Was würde ohne staatliche Hilfe passieren?
Welche der beiden Positionen ist ordnungspolitisch richtig? Das Schulbuch sagt: Subventionen für schwache Unternehmen sind tabu, weil den guten Wettbewerbern damit ohne Not geschadet wird. Aber was würde eigentlich passieren, wenn die Bundesregierung Schaeffler fallen ließe? Wenn das Unternehmen auch sonst keinen Investor fände und Konkurs anmelden müsste?
Schaeffler beschäftigt allein in Deutschland 31.000 Mitarbeiter. An jedem dieser Arbeitsplätze hängen indirekt weitere drei – bei Speditionen, Reinigungsfirmen oder Lieferanten. Also würden mit einer Schaeffler-Pleite auf einen Schlag rund 120.000 deutsche Stellen wackeln.
Auch die Kunden von Schaeffler kämen in Turbulenzen. Schaeffler versorgt sämtliche Auto- und Flugzeugbauer der Welt mit teilweise so hochentwickelten Produkten, dass diese von heute auf morgen kein anderes Unternehmen ersetzen kann. Zum Beispiel gibt es kaum ein Flugzeug auf der Welt, dessen Turbinenantrieb sich nicht in den Wälz-, Gleit- und Kugellagern aus dem Hause Schaeffler drehen – seit Übernahme der FAG Kugelfischer (mit einem großen Werk in Wuppertal) ist Schaeffler auf diesem Gebiet Weltmarktführer. Zwischen Peking, Berlin und Detroit gibt es auch keinen Autobauer, der nicht direkt oder indirekt Produkte aus Herzogenaurach bezieht. Die Nockenwellenversteller von Schaeffler passen zum Beispiel die Ventile der Motoren an die Drehzahl an – eine der modernsten Techniken, um Sprit zu sparen. Schaeffler-Kupplungen (Marke: LuK) gehören zu den besten der Welt: Porsche nutzt sie für seine legendäre PDK-Übersetzung, ebenso wie VW in den meisten Golf VI-Modellen.
Jedoch bedeutet die Abhängigkeit der Kunden von Schaeffler auch einen Schutz: Daimler, VW und BMW können sich einen plötzlichen Produktionsausfall bei Schaeffler nicht leisten, so dass sie das Unternehmen eher kaufen als pleite gehen lassen würden.
Um die Arbeitsplätze bei Continental muss man sich im Falle einer Schaeffler-Pleite weniger Sorgen machen. Um den Kauf zu finanzieren, hat Maria-Elisabeth Schaeffler die Conti-Aktien bei Banken verpfändet. Ginge Schaeffler Pleite, bekäme Conti mit diesen Banken lediglich neue Besitzer. Damit gilt die langfristige Profitabilität von Conti auch ohne Staatshilfe als sicher.
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