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Jürgen Grossmann Energie RWE AG Panorama ddp2010
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Jürgen Großmann im Interview: Strompreise steigen, wenn Laufzeiten nicht verlängert werden

VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 27.08.2010 - 21:51

Düsseldorf (RP). Eine Warnung an die Regierung: "Wer die Rücknahme der Laufzeitverkürzung ablehnt, muss offen sagen, dass er höhere Preise will“, sagt RWE-Chef Jürgen Großmann im Interview mit unserer Redaktion. Zudem wirbt er für eine Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke weit über die derzeit in der Koalition diskutierten zehn Jahre hinaus.

Angespanntes Verhältnis: RWE-Chef Großmann, Kanzlerin Merkel.  Foto: dapd, APN
Angespanntes Verhältnis: RWE-Chef Großmann, Kanzlerin Merkel. Foto: dapd, APN

Mit einem „Energiepolitischen Appell“ werben Sie und andere Manager für längere Laufzeiten von Kernkraftwerken. Der Maschinenbau kritisiert, dies stoppe Investitionen in Kohlekraftwerke. Stadtwerke beklagen, dies stärke die Macht der „großen Vier“. Was antworten Sie den Kritikern?

Großmann Der breite Energiemix sorgt für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Gerade die Industrie ist zwingend auf eine gleichmäßige Versorgung mit wettbewerbsfähigen Strompreisen angewiesen. Darauf wollten wir in dem Appell hinweisen, sachlich und mit klarer Betonung, dass den Erneuerbaren Energien die Zukunft gehört. Wer die Rücknahme der Laufzeitverkürzung ablehnt, muss offen sagen, dass er höhere Preise will. Die Börsenstrompreise in Deutschland und Europa sind derzeit niedrig, während Rohstoffe wie Kohle und Öl teurer werden, unter anderem wegen der starken Nachfrage in China und Indien. Neue Kohlekraftwerke rechnen sich deshalb zurzeit nicht. Das liegt also nicht an der Kernenergie. Übrigens ist die Unterstützung für den Appell groß. Schon jetzt haben ihn mehr als 10.000 Menschen unterzeichnet. Täglich kommen neue hinzu. Ohne die CO2-freie Kernenergie werden wir unsere ehrgeizigen Klimaschutzziele jedenfalls nicht erreichen. Und über solche wichtigen Fragen lohnt eine öffentliche Diskussion allemal.

War der öffentliche Aufruf eigentlich geschickt? Jede Kernkraft-freundliche Politik der Bundesregierung könnte nun als Kuschen vor der Atomwirtschaft verstanden werden. Damit macht sich Politik besonders unbeliebt, wie die Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers gezeigt hat.

Großmann Wer den Aufruf genau gelesen hat, sieht schnell, dass er moderat und nicht fordernd formuliert ist. Ob Stil und Form immer gewahrt bleiben, sollten Sie mal die Kernkraftgegner fragen. Wir jedenfalls argumentieren sachlich. Niemand kuscht. Den Unterzeichnern des Appells geht es darum, dass sich möglichst viele Bürger im Interesse des Wirtschaftsstandorts Deutschland gemeinsam für einen breiten Energiemix einsetzen. Dazu zählen in zunehmendem Maße die erneuerbaren Energien, aber auch die Kernkraft, denn sie ist CO2-arm, preisdämpfend und sicher verfügbar. Im Übrigen ist es doch so: Wenn sich die Wirtschaft fast ein Jahr nach Ankündigung eines nationalen Energiekonzepts mit einem Appell sachlich zu Wort meldet, kann von Druck auf die Regierung keine Rede sein.

Aufgeheizte Debatte: Ein Atomkraftgegner mit einem selbst gemachten Merkel-Plakat. Foto: dapd, APN

Zur Sache: Welche Laufzeit-Verlängerung wäre energie- und wirtschaftspolitisch aus Ihrer Sicht sinnvoll? Was ist realistisch für Deutschland?

Großmann Die Politik wird eine Zahl festlegen. Mit dieser Zahl werden wir leben. Was technisch geht, zeigen unsere Nachbarn in Europa. In Belgien beispielsweise werden die Laufzeiten auf 50 Jahre verlängert. In den Niederlanden darf ein Kernkraftwerk 60 Jahre laufen, das als „Zwilling“ von Biblis bezeichnet werden kann - gleiche Bauart und im gleichen Jahr ans Netz gegangen. Bei uns sollen es 32 Jahre sein. Aber nochmal: Entscheiden wird die Politik.

Die Regierung streitet anhaltend über die Laufzeiten. Braucht Deutschland ein Machtwort der Kanzlerin?

Großmann Die anstehenden Beschlüsse zur Kernenergie sind keine leichte Aufgabe. Die Regierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich für eine Rückname der Laufzeitverkürzung ausgesprochen. Darauf arbeitet sie auch entschlossen hin und hat für Ende September die Vorlage des Energiekonzeptes in Aussicht gestellt. Wir sind gespannt. Das Kanzleramt hat das Heft in der Hand und koordiniert das Wirtschaft-, Umwelt- und Finanzministerium.

Die Forschungsinstitute legen verschiedene Laufzeit-Szenarien vor. Was erwarten Sie?

Großmann Es sind renommierte Institute, die mehrere Szenarien mit verschiedenen Laufzeit-Varianten durchgerechnet haben. Das Gutachten kann für die Regierung eine Grundlage für die anstehende Entscheidung über das Energiekonzept sein.

Umweltminister Röttgen ist bereits vorgeprescht. Er fordert eine Mindesteffizienz für bestehende Kohlekraftwerke. Wer die nicht erreicht, muss nachrüsten oder schließen. Was bedeutet das insbesondere für die Braunkohlekraftwerke von RWE?

Großmann Wir bauen im Rheinischen Revier sehr moderne Braunkohlekraftwerke. Im Gegenzug haben wir uns gegenüber der nordrhein-westfälischen Landesregierung zu einem festen Fahrplan für die Abschaltung älterer Blöcke verpflichtet. Dazu stehen wir. Darüber hinaus entwickeln wir die Kraftwerkstechnologie weiter, um künftig mit noch höheren Wirkungsgraden Strom produzieren zu können. Ein Schlüssel hierzu ist die Vortrocknung der Braunkohle. Die Technologie, die wir übrigens selbst erfunden haben, exportieren wir bis nach Australien. Man sollte auch beachten, dass wir einen europaweit greifenden Emissionshandel haben. Dieses Instrument sollte nicht mit weiteren einseitigen Eingriffen überfrachtet werden, denn damit schaffen wir Wettbewerbsnachteile für Deutschland.

Muss am Ende der Stromkunde für solche zusätzlichen Vorgaben der Politik zahlen? Welche Belastungen erwarten Sie?

Großmann Die Strompreise in Europa und Deutschland werden tendenziell steigen. Besonderer Druck geht dabei von der EEG-Umlage (Erneuerbare-Energien-Gesetz) aus. Diese hat sich 2010 deutlich erhöht. Ähnliches erwarten viele Experten, zu denen auch die Verbraucherzentrale gehört, 2011 erneut. Bis 2012/2013 kann die Umlage so hoch sein, dass die Subvention für die Erneuerbaren genau so hoch ist wie der heutige Börsenpreis. Die Kernenergie wirkt sich jedoch preisdämpfend aus. Wissenschaftliche Gutachten gehen von jährlich bis zu 150 Euro pro Haushalt aus. Auch deshalb sollten wir sie weiter im Energiemix nutzen.

Röttgen will auch, dass der Stromabsatz der Konzerne ab 2011 jedes Jahr um ein Prozent sinkt. Sind solche Vorgaben mit einer Marktwirtschaft zu vereinbaren? Was würden solche Vorgaben für RWE bedeuten?

Großmann Gegenfrage: Würde die Rheinische Post akzeptieren, dass ihr jemand eine sinkende Auflage vorschreibt, damit die Meinungsvielfalt gestärkt und der Papierverbrauch gesenkt wird? Angebot und Nachfrage bilden sich am Markt. Und man kann in einer Marktwirtschaft im Wettbewerb keinen Anbieter verpflichten, jedes Jahr weniger von seinem Produkt zu verkaufen. Zweifellos ist Effizienz und damit sparsamer Verbrauch ein hohes Gut. RWE arbeitet an neuen Technologien, wie etwa den intelligenten Zähler oder Smart Home, das Konzept zur computerbasierten Energiesteuerung im Haushalt. Dennoch wird es künftig mehr Stromnachfrage geben und nicht weniger. Strom ist halt bequem und sauber. Nehmen Sie nur den Computer- und Handy-Boom oder die Wärmepumpe. Außerdem arbeiten wir am Elektroauto, das im Straßenverkehr große ökologische Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Benzinantrieb hat. Der Ersatz von Öl und Gas im Verkehrs- und im Wärmemarkt durch CO2-arm erzeugten Strom ist ein Schlüssel zu der politisch angestrebten drastischen Minderung der Treibhausgasemissionen.

Was erhoffen Sie sich von Kanzlerin und Wirtschaftsminister?

Großmann Wir brauchen ein schlüssiges Energiekonzept, das uns in die Zukunft trägt und Investitionssicherheit bietet. Damit die Erneuerbaren das Rückgrat unserer Versorgung werden können, müssen sie klug ergänzt werden. Für Privatkunden muss Strom bezahlbar bleiben und für die Industrie wettbewerbsfähig. Allein die energieintensiven Industrien beschäftigen in Deutschland rund 900.000 Menschen. Dabei sind die Technologie-Cluster noch nicht mal eingerechnet. Glauben Sie, Deutschland könnte Weltzentrum für Windkraft bleiben, wenn Stahl, Guss und Metalle hier nicht mehr produziert werden? Das Energiekonzept sollte dazu führen, dass wir uns breit - und damit sicher – aufstellen. Schließlich steht viel auf dem Spiel. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir bis Ende September ein solches Gesamtkonzept sehen werden.


 
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