In Europa fast jeder Sechste von Armut betroffen: Studie: Jeder achte Bundesbürger ist arm
zuletzt aktualisiert: 08.07.2008 - 17:06Frankfurt/Main (RPO). Jeder achte Bundesbürger ist einer europaweiten Untersuchung zufolge arm. Damit liegt das "reiche" Deutschland nur im oberen europäischen Mittelfeld: In Europa steht die Quote bei 16 Prozent, in Deutschland sind es 13 Prozent, wie aus der am Dienstag vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Studie "Leben in Europa" mit Zahlen des Jahres 2005 hervorgeht. Experten sorgen sich vor allem um die künftigen Rentnergenerationen, denen Altersarmut in erheblichem Umfang drohe.
Die Bundesrepublik kommt der Statistik zufolge gemeinsam mit Finnland, Österreich und Frankreich auf den neunten Rang der 25 EU-Mitglieder. Am niedrigsten ist die Armutsquote den Angaben zufolge mit jeweils zehn Prozent in Island, den Niederlanden und Tschechien, am höchsten mit 23 Prozent in Lettland.
Zwar ist in keinem anderen EU-Land die Verteilung über die verschiedenen Altersgruppen hinweg so ausgeglichen wie in Deutschland. Überdurchschnittlich hoch ist hierzulande aber die Armutsgefährdung von Arbeitslosen. Während sie hier 43 Prozent beträgt, liegt sie in der gesamten EU bei 41 Prozent und in der Euro-Zone sogar nur bei 38 Prozent. Die erwerbstätige Bevölkerung Deutschlands ist im Vergleich zur EU insgesamt aber weniger stark armutsgefährdet.
Während die Ruheständler in der Bundesrepublik mit 13 Prozent und in der EU mit 16 Prozent das gleiche Armutsrisiko wie die Gesamtbevölkerung haben, beträgt es in den zehn neuen, 2004 beigetretenen Mitgliedsstaaten nur 10 Prozent. In zahlreichen anderen Ländern liegt es dagegen deutlich über 20 Prozent.
Sorge um die Älteren
Dennoch mahnte die Deutsche Rentenversicherung eine Strategie zur Vermeidung von Altersarmut an. Dazu gehöre eine Aufstockung der Rentenbeiträge für Langzeitarbeitslose, sagte Rentenversicherungs-Präsident Herbert Rische in Berlin. Außerdem plädierte er für eine zusätzliche Absicherung des Risikos von Invalidität über die Riester-Rente und die Betriebsrente. Zudem brachte Rische erneut eine Pflichtversicherung auch für Selbstständige ins Gespräch.
Laut Rische gibt es vor allem vier Faktoren, die das Risiko von Altersarmut erhöhen: Invalidität vor Erreichen des Rentenalters, Lücken bei den Beitragsjahren, Langzeitarbeitslosigkeit und langjährige Tätigkeit mit niedrigem Lohn. Eine sinnvolle Strategie gegen Altersarmut müsse an diesen Ursachen ansetzen.
Besonders in Ostdeutschland wachsen unterdessen die Zukunftssorgen. 88 Prozent der Bürger gehen einer Untersuchung zufolge davon aus, dass die Armut in Deutschland in den kommenden zehn Jahren zunehmen wird, wie der Sozialverband Volkssolidarität unter Berufung auf ein Zwischenergebnis noch laufender Untersuchungen zum "Sozialreport 2008" berichtete.
Es sei ein Armutszeugnis, "wenn in einem der reichsten Länder der Welt rund 26 Prozent der Bürger von Armut bedroht sind und es nur mittels Sozialtransfers gelingt, die Hälfte davon zu befreien", erklärte Verbandspräsident Gunnar Winkler. Er warnte davor, dass die zunehmende Armut den sozialen Frieden bedrohe. Winkler machte darauf aufmerksam, dass Berechnungen zufolge in 10 bis 20 Jahren mehr als jeder Fünfte der künftigen Rentnergeneration arm sein werde.
Energiesparen statt Sozialtarife
Statt Sozialtarifen für Arme forderten Umweltschützer unterdessen Hilfe zum Energiesparen als Ausweg aus der Kostenfalle. So solle die Regierung bis zu 350 Millionen Euro bereitstellen, um Berater zu den rund zwei Millionen Haushalten mit geringem Einkommen zu schicken und sie bei der Anschaffung sparsamer Geräte zu unterstützen, forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
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