Evonik-Chef Müller im Interview: "Tausche Zeche gegen Akw"
VON SVEN GÖSMANN UND ANTJE HÖNING FÜHRTEN DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 09.08.2008 - 14:23Düsseldorf (RP). Der Evonik-Chef und frühere Wirtschaftsminister Werner Müller über eine Renaissance der Kohleförderung in Deutschland, den Börsengang seines Konzerns und sein Verhältnis zur Landesregierung
Fünf Jahre kämpften Sie dafür, um aus der früheren RAG ein, „strotznormales” Unternehmen zu machen. Wie normal ist Evonik heute?
Müller Der profitable Teil der ehemaligen RAG (Chemie, Energie, Immobilien), der Evonik bildet, ist nach Abspaltung der Kohle nicht länger existenzgefährdet. Wir gehören mit einem Marktwert von knapp zehn Milliarden Euro in die erste Liga der deutschen Konzerne. Und in uns wird gerne investiert.
Ihr Investor CVC, der 25,01 Prozent hält, will, dass Evonik in fünf Jahren im Dax ist. Ist das machbar?
Müller Wenn wir an die Börse gegangen wären, wären wir bereits in jedem Fall ein starker Wert im M-Dax – mit klarer Dax-Perspektive.
Die anderen 75 Prozent der Evonik-Anteile hält die Kohle-Stiftung. Sollen diese Anteile weiterhin an die Börse?
Müller Es ist geplant, dass weitere Anteile in ein paar Jahren an die Börse kommen. Oberstes Ziel der Anteilsverkäufe ist aber laut Stiftungs-Satzung, dass die Stiftung dadurch möglichst hohe Erlöse erzielt. Wenn das im nächsten Schritt nur über einen Investor ginge, weil etwa das Börsenumfeld sich weiter verschlechtert, kann man erst mal auf den Börsengang verzichten.
Wie sieht Evonik in zehn Jahren aus?
Müller Wir haben als Unternehmen eine Idee von der Zukunft. Und die wollen wir als kreativster Industriekonzern für unsere Kunden und Mitarbeiter umsetzen. Dazu gehört, den Wert des Konzerns in fünf Jahren zu verdoppeln.
Sie haben einen erbitterten Streit mit der Landesregierung hinter sich. Wie ist das Verhältnis zu Rüttgers heute?
Müller Evonik ist mit rund 42.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber im Land. Die Landesregierung respektiert das. Der Streit betraf vor allem den Umgang mit der Kohle und mit der hat Evonik nun nichts mehr zu tun.
Gewerkschaftschef Schmoldt hat angeregt, den Ausstieg aus dem subventionierten Bergbau zu überdenken.
Müller Das würde mich freuen. Denn bereits heute hat sich die Schere zwischen den Förderkosten heimischer Steinkohle und den Preisen für Importkohle deutlich verkleinert. Wenn der Weltmarktpreis weiter steigt, ist die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Steinkohle eine konkrete Perspektive.
Ließe sich der Ausstieg aus dem Ausstieg durch ein Tauschgeschäft politisch durchsetzen?
Müller Hier wird man in Richtung eines politischen Tauschgeschäfts denken. Längere Laufzeiten von deutschen Zechen gegen längere Laufzeiten von deutschen Atomkraftwerken (AKW).
Macht die SPD das mit?
Müller Bisher sagt die SPD leider kompromisslos nein. Dabei will sie die CO2-Emissionen um 40 Prozent senken. Das geht aber nur, wenn wir die Atomkraftwerke länger laufen lassen. Von Wind und Sonne kann ein Industrieland nicht leben.
Sie verhandelten doch selbst als Wirtschaftsminister der rot-grünen Bundesregierung 2001 den Ausstieg aus der Atomkraft ....
Müller Ich bin nicht der Erfinder des Ausstiegs. Seit 1980, also auch zu Zeiten der Kohl-Regierung, ist in Deutschland kein neues Atomkraftwerk mehr bestellt worden.
Die SPD will Clement ausschließen. Was bedeutet das für Wirtschaftskompetenz der SPD?
Müller Wenn Clement ausgeschlossen würde, ginge der SPD wirtschaftspolitischer Sachverstand verloren. Sie sollte alles daran setzen, ihn zu halten. Andererseits verstehe ich auch die Partei: Ein SPD-Mitglied darf nicht zur Nichtwahl der SPD aufrufen. Das wäre so, als wenn der Evonik-Chef sagen würde: Kauft keine Evonik-Aktien.
Kohlekraftwerke sind in Deutschland fast so unbeliebt wie AKW. Kann Evonik alle geplanten Werke bauen?
Müller Der Bau des modernsten Steinkohlekraftwerks Europas, Walsum 10, geht planmäßig voran. Unser Bauprojekt Herne 5 liegt auf Eis, da die Preise für den Kraftwerksbau derzeit zu hoch sind.
Ist es im Industrie-gewöhntem Ruhrgebiet einfacher, Werke zu bauen?
Müller Das dachte ich auch. Doch plötzlich gibt es ehemalige Bergleute, die sind gegen den Bergbau, weil sie Risse in ihren Häusern fürchten.
Ist die Idee, die Kulturhauptstadt 2010 schweiße die Städte im Revier zusammen, nicht eine große Illusion?
Müller Nein. Die Kulturhauptstadt kann eine Identität stiften. Zumal dazu auch viele Projekte gehören, die dauerhaft bleiben: Die Bahn gibt Geld für die Verschönerung des Hauptbahnhof Essen. Wir ermöglichen in Duisburg ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Und Berthold Beitz schenkt Essen gleich ein ganzes neues Museum.
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