Nach Datenklau: Telekom-Chef unter Druck
VON SILKE FREDRICH UND GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 07.10.2008 - 08:06Bonn (RP). Die Datenschutzbeauftragte von NRW, Bettina Sokol, will Unternehmen verpflichten, Kunden über Daten-Pannen zu informieren. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte den Rücktritt von Telekom-Chef René Obermann.
Der Daten-Klau bei der Telekom muss Konsequenzen haben. Das fordert Bettina Sokol, die Datenschutzbeauftragte des Landes NRW, gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. „Unternehmen wie die Telekom müssen gesetzlich dazu verpflichtet werden, ihre Kunden über Daten-Pannen und kriminelle Machenschaften zu informieren“, erklärte Sokol. „Im Falle der Zuwiderhandlung müssen Bußgelder verhängt werden, die weh tun.“ Die verantwortlichen Manager seien gebenenfalls persönlich haftbar zu machen.
Am Wochenende war ans Licht gekommen, dass bei der Telekom Daten von 17 Millionen Kunden gestohlen worden waren. Die Datenschutzbeauftragte Sokol forderte NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) auf, eine Bundesratsinitiative zu starten. „Schon mit wenigen persönlichen Daten können Kriminelle schweren Schaden anrichten“, sagte Sokol. Die Vorgänge bei der Telekom seien das beste Argument gegen die Praxis der Vorratsdatenspeicherung.
Wie gestern bekannt wurde, weitet sich der Skandal um die Bespitzelung von Aufsichtsräten aus. Konzernkreise bestätigten, dass T-Mobile die Einzelverbindungsnachweise der Aufsichtsräte jahrelang aufbewahrt und nach Personen sortiert in Ordnern abgeheftet hat. Betroffen sind auch mehrere Arbeitnehmervertreter, denen die geheimen Ordner nun ausgehändigt wurden. Ein Gang ins Büro reichte demnach, um alle Verbindungsdaten der Aufsichtsratsmitglieder zu sehen.
Der Druck auf Telekom-Konzernchef René Obermann nimmt weiter zu. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte seinen Rücktritt, da Obermann „als Krisenmanager auf ganzer Linie versagt“ habe. Der Unternehmenssprecher betonte im Gespräch mit unserer Zeitung jedoch, dass Obermann nicht über einen Rücktritt nachdenke: „Die Forderungen sind aus der Luft gegriffen und werden der Sache nicht gerecht. Zudem hat er andere Dinge zu tun, als jetzt die Brocken hinzuwerfen“.
Auch bei Analysten heißt es, dass der Telekom-Lenker im Amt bleiben sollte. Chris-Oliver Schickentanz, Telekom-Analyst bei der Dresdner Bank, wirft Obermann jedoch mangelnde Offensive vor. „Er muss wieder Herr des Verfahrens werden und Maßnahmen präsentieren, wie es künftig weitergehen soll. Statt dessen bleibt er in der Deckung. Das ist schlecht“. Er räumte ein, dass dieser Skandal ein „deutsches Thema“ sei. Nachhaltige negative Auswirkungen auf den Aktienkurs werden die Datenpannen nicht haben. Dem internationalen Investorenkreis seien das operative Geschäft und die strategische Ausrichtung wichtiger. Und die stoßederzeit noch auf Anklang.
Nicht so optimistisch sind Analysten in Bezug auf die Auswirkungen der Skandale auf das Endkundengeschäft. Sie rechnen mit zusätzlichem Kundenschwund im Festnetz und mit einer Auftragsbremse bei T-Mobile. Die Telekom will nicht ausschließen, dass sich Kunden gegen Deutschlands größten Telefonanbieter entscheiden. „Es bleibt abzuwarten, wie sich das Geschäft nun weiterentwickelt“, sagte ein Sprecher unserer Zeitung. Er verwies auf die Auswirkungen der Spitzel-Affäre aus dem Sommer. „Hier war der Kundenschwund nicht signifikant“. Inzwischen habe man zudem die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Wesentlich weniger Mitarbeiter hätten nun Zugriff auf sensible Daten, zudem sei ein Zugriff nur noch an stationären Geräten im Unternehmen möglich. Eine Praxis, die die Konkurrenten von Vodafone und E-Plus ebenfalls seit Jahren anwenden.
Auch die Politik fordert Konsequenzen aus dem neuerlichen Datenskandal. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD) plädierte dafür, „Kundendaten in Unternehmen nur noch verschlüsselt zu speichern und eine automatische Protokollierung jedes Datenzugriffs vorzuschreiben“. Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, forderte, das Horten von Informationen müsse generell eingeschränkt werden. „Was geht es die Telekom an, wann ein Kunde Geburtstag hat?“
Trotz des Daten-Klaus haben nach Angaben der Telekom bislang nur wenige Kunden Konsequenzen gezogen. Bis Montag hätten gerade mal sechs Kunden eine neue Mobilnummer beantragt.
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