Serie: Große Marken: Tempo – die Marke aus Neuss
VON JENS KRÜGER - zuletzt aktualisiert: 22.07.2008 - 14:06Neuss (RP). Ein Franke erfand in den 1920ern das Papiertaschentuch. Tempo wurde zum Synonym für Taschentuch.
Es ist nicht überliefert, ob Oskar Rosenfelder Ende der 1920er Jahre die Nase buchstäblich voll hatte, in seine Hosentasche griff und dabei das Schnupftuch am falschen Zipfel erwischte. Doch vermutlich war es der Franke, Mitinhaber der Vereinigten Papierwerke, der das Papiertaschentuch erfand. Unter der Nummer 407752 meldete der Fabrikant den Namen „Tempo” beim Reichspatentamt in Berlin an – und läutete damit das Ende von Opas Stofftuch ein.
Innerhalb von 80 Jahren hat sich das Nürnberger Naseweiß als die führende Marke auf dem europäischen Markt für Papiertaschentücher etabliert. „Seidenweich, saugfähig und hygienisch” lauteten schon 1929 die Schlagworte. 18 blütenweiße Zelltücher steckten in den ersten Pergamin-Päckchen.
Trotz Wirtschaftskrise wurden bereits 1933 stolze 35 Millionen „Tempos” fabriziert und verkauft: Einmal benutzt, landete das „Tempo” im Papierkorb, war damit hygienischer als sein waschbarer Vorgänger, und Deutschlands Hausfrauen mussten nicht mehr die benutzten Stofftücher schrubben.
Das Ursprungsprodukt war allerdings schon zu Beginn nahezu ausgereift. So konzentrierten sich die „Tempo”-Macher in den Jahren danach darauf, den Zusatznutzen hervorzuheben. 1953 wurde das „Brechpack” entwickelt, das zwei 10er-Päckchen enthielt, die im Stile einer Tafel „Ritter Sport” geöffnet werden mussten. In einer züchtigen Zeit, in der Komiker wie Heinz Erhardt mit heiteren Reimen die Nation zum Lachen brachten, versuchte das Unternehmen mit Werbesprüchen wie „Auf Schnupfen-Nächten liegt ein Fluch! – Da hilft das Tempo-Taschentuch“ zu punkten. Einige Jahre später entwickelten die Ingenieure des Unternehmens die so genannte Z-Faltung, die das Entblättern des Tuches mit einer Hand ermöglichte.
Heute wird das vierlagige Papier mit Duftstoffen wie Menthol, Kamille oder Aloe Vera getränkt. Starke Typen wie die Klitschko-Brüder als Werbeträger sollen verdeutlichen, dass auch heftigste Nasen-Orkane dem „Tempo” nichts anhaben können.
Potenzial für Weiterentwicklungen stecke aber auch heute noch in dem weißen Papierquadrat, sagt Andreas Hömke, Personalleiter im Neusser Werk. So sei es dem Unternehmen gelungen, Taschentücher zu entwickeln, die sich in der Waschmaschine nicht zu Flusenknäueln verwandeln. Weitere Innovationen nicht ausgeschlossen, so Hömke.
Den Besitzer hat die Marke seit ihrer Gründung mehrmals gewechselt: Nach Gustav Schickedanz, der 1935 die Vereinigten Papierwerke gekauft hatte, übernahm 1994 der US-Multi Procter & Gamble das Unternehmen. Ein Ausflug auf den amerikanischen Markt blieb erfolglos. Im vergangenen Jahr hat die schwedische SCA „Tempo” für 512 Millionen Euro gekauft.
Produziert wird das „Tempo” auch heute noch vor Ort. 20 Milliarden Taschentücher rollen jährlich allein von den Bändern des Standortes Neuss, der neben Mannheim, Mainz und Witzenhausen für den europäischen Markt herstellt. Auch Küchenrollen und Toilettenpapier für Aldi und andere Handelsmarken werden dort produziert. „Das Geschäft nach China zu verlagern, ergibt keinen Sinn”, sagt Andreas Hömke. Der Grund: Die Pakete nehmen einfach zu viel Platz im Container ein.
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