Neue Panne im Atomkraftwerk: Umwelthilfe: Brunsbüttel ist ein "Schrottreaktor"
zuletzt aktualisiert: 18.07.2007 - 13:52Berlin (RPO). 650 Sicherheitsmängel, darunter Werkstoffprobleme und ein unzureichender Schutz gegen terroristische Angriffe - diese Punkte stehen nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) auf der bislang geheimen Mängelliste des AKW Brunsbüttel. Die jüngste Panne ist dabei noch nicht erfasst: Am Morgen musste der Reaktor wegen Öl-Problemen in einem Transformator erneut herunter gefahrenwerden.
Wie DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch unter Berufung auf ein der Organisation zugespieltes Gutachten in Berlin erklärte, wurden an dem schleswig-holsteinischen Meiler zum Stichtag 21. Juni 2006 650 Mängel festgestellt, davon 165 schwerwiegende fehlende Sicherheitsnachweise. Resch sprach von einem "Schrottreaktor", der einer der unsichersten Deutschlands sei.
Laut Resch betrifft die von der Atomaufsicht des Landes in Auftrag gegebene Expertenanalyse "praktisch alle Kernbereiche der Reaktorsicherheit". Besonders kritisch seien nicht erbrachte Bruchsicherheitsnachweise im Rohrsystem, Werkstoffprobleme, Mängel in der Elektro- und Leittechnik sowie die Verwundbarkeit gegenüber terroristischen Angriffen.
Die DUH forderte die für Reaktorsicherheit zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) auf, den Betreiber Vattenfall zur Vorlage sämtlicher Sicherheitsnachweise binnen vier Wochen zu veranlassen und den Meiler ansonsten stillzulegen. Resch wertete die Liste als "Sprengsatz", die für Brunsbüttel voraussichtlich das Aus bedeute. Die erforderlichen Nachrüstinvestitionen würden sich für den Konzern womöglich nicht rechnen, da der Reaktor nicht mit einer Laufzeitverlängerung über 2009 hinaus rechnen könne.
Atomaufsicht listet 185 Mängel auf
Die Mängelliste geht auf die nach dem Atomgesetz vorgesehene periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) zurück, die für Brunsbüttel im Jahr 2001 erstellt und seitdem laufend überarbeitet wurde. Vattenfall hatte am Dienstag nach langer Weigerung angekündigt, die Mängelliste des Atomkraftwerkes Brunsbüttel nun doch offenzulegen und eine Klage gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse zurückzuziehen.
Die Atomaufsicht Schleswig-Holstein hat unterdessen angekündigt, die Mängelliste zu veröffentlichen. Die Liste sei im Internet einsehbar. Nach Angaben von Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) hat der Betreiber Sicherheitsnachweise inzwischen geliefert, deren Fehlen Umweltschützer als riskant kritisiert hatten. Es gehe um Nachweisdefizite zu 185 Punkten. "Für über 100 dieser Punkte liegen abgeschlossene, positive Prüfergebnisse der Gutachter vor", betonte Trauernicht. "Die übrigen Punkte befinden sich im laufenden Begutachtungsverfahren." Die Gutachten sollten bis Ende September abgeschlossen sein. Damit werde das gesamte Verfahren bis Ende des Jahres beendet sein.
Reaktor erneut herunter gefahren
Am Mittwochmorgen hatte der Betreiber Vattenfall das AKW Brunsbüttel erneut vom Netz genommen. Grund waren demnach "Auffälligkeiten" in den Ölkreisläufen eines Transformators. Die Kreisläufe würden vorsorglich gespült und das Öl werde gewechselt, teilte Vattenfall in Hamburg mit. Dafür habe das Kraftwerk für acht bis zehn Stunden heruntergefahren werden müssen. Dies sei der Atomaufsicht in Kiel mitgeteilt worden, es handele sich jedoch nicht um ein meldepflichtiges Ereignis.
Das schleswig-holsteinische Sozialministerium als Aufsichtsbehörde erklärte, das Transformatorenöl sei erst in diesem Jahr gewechselt worden, die Ursache für seine verminderte Qualität sei noch unklar. Aufgrund von Erkenntnissen zu einem Trafo-Brand im schwedischen AKW Ringhals habe die Behörde Vattenfall Ende 2006 aufgefordert, die Überwachung der Transformatorenöle zu intensivieren. Ende Juni war auch auf dem Gelände des AKW Krümmel ein Trafo in Brand geraten.
Am 28. Juni waren die beiden AKW Brunsbüttel und Krümmel nach Vorfällen abgeschaltet worden. Zunächst hatte es in Brunsbüttel einen Kurzschluss gegeben. Dabei kam es zu einem Schwelbrand an der Turbine. Beim Wiederanfahren war es dann offenbar durch Fehlbedienungen des Personals gleich zwei Mal zu Absperrungen im Reaktorwasserreinigungssystem des gekommen. Die Reaktoraufsichtsbehörde war von Vattenfall erst spät über das meldepflichtige Ereignis informiert worden. Danach wurde das Kernkraftwerk mit verminderter Leistung weiter betrieben.
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